Bundeswehrsoldaten gehen zum Militärtransporter C17, der vom Feldlager in Masar-i-Scharif Richtung Deutschland fliegt. | dpa

Bundeswehr in Afghanistan Sorge vor Radikalisierung von Veteranen

Stand: 25.08.2021 08:33 Uhr

Für viele Afghanistan-Veteranen sind aktuelle Bilder aus Kabul schwer zu verarbeiten. Ein Veteranenvertreter warnt vor einem Abdriften in rechtsorientierte Gruppen. Und die Wehrbeauftragte des Bundestags fordert mehr Therapieangebote.

Der Vorsitzende des Bundes Deutscher Einsatzveteranen, Bernhard Drescher, hat angesichts der Entwicklungen in Afghanistan nach dem Abzug der Bundeswehr vor einer Radikalisierung altgedienter Soldaten gewarnt. "Die Stimmung unter den Veteranen ist grottenschlecht", sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).

Sie hätten das Gefühl, dass ihre Belange "noch nie interessiert" hätten. Angesichts der Bilder aus Kabul entstehe nun der Eindruck, dass ihre Arbeit zunichte gemacht werde. Schließlich ziehe man Schutzkräfte nicht ab, bevor nicht alles Schützenswerte in Sicherheit gebracht worden sei, so Drescher. Und die Helfer der Bundeswehr, die afghanischen Ortskräfte, würden offenbar nicht für schützenswert gehalten. Die Vorgänge würden "hochemotional aufgenommen".

Drescher warnte: "Man verliert emotional eine Gruppe von Menschen, die für den Staat wichtig ist." In der Folge entstünden neuerdings rechtsorientierte Gruppen wie "Veteranen 5 n 12" oder der "Veteranen Pool". "Ich mache mir Sorgen, wie sich das weiterentwickelt."

Wehrbauftragte: "Seelische Belastungen intensiv nachbereiten"

Um die psychischen Belastungen der dramatischen Szenen und Erlebnisse in Afghanistan abzufangen, fordert die Wehrbeauftragte des Bundestags, Eva Högl, mehr Traumatherapien für aktive Soldaten und Afghanistan-Veteranen. "Seelische Belastungen, Traumata aus dem Einsatz - das muss ganz intensiv nachbereitet werden." Man brauche mehr und gezielte Angebote für Soldatinnen und Soldaten, damit sie die schrecklichen Erfahrungen loswerden könnten, sagte die SPD-Politikerin der Düsseldorfer "Rheinischen Post".

Beeindruckt zeigte sich Högl von der Ankündigung der Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer, den Soldaten für die Rettungsmission den Rücken freizuhalten und den Kopf hinzuhalten. "Das ist eine Rückendeckung, die ich so deutlich noch nie von einem Verteidigungsminister oder einer Verteidigungsministerin gehört habe", sagte die Wehrbauftragte. "Sie verknüpft das offensichtlich mit ihrem eigenen politischen Schicksal."

Högl für bewaffnete Drohnen

Von der nächsten Bundesregierung wünscht sich Högl eine rasche Ausstattung der Bundeswehr mit bewaffneten Drohnen. Sie seien für die Sicherheit der Soldaten sehr wichtig. "Das zeigen eine ganze Reihe von Einsatzszenarien." Es gehe um den Eigenschutz der Truppe und die Möglichkeit, auf Bedrohungen flexibel zu reagieren.

Union und SPD streiten seit Jahren über die Bewaffnung der Bundeswehr-Drohnen vom Typ Heron TP. Die SPD-Parteiführung, inklusive Kanzlerkandidat Olaf Scholz, hatte das Thema zum Jahreswechsel in der Koalition auf Eis gelegt. Zur Begründung hieß es, es gebe in der Gesellschaft noch Gesprächsbedarf zu völkerrechtlichen, verfassungsrechtlichen und ethischen Fragen beim Einsatz der Drohnen. Högl hält diese Argumentation für nicht stichhaltig: "Ich hoffe sehr, dass der nächste Bundestag nicht noch mal jahrelang diskutiert. Die Debatte ist geführt, alle Argumente sind ausgetauscht, die Sache ist entscheidungsreif."

Über dieses Thema berichteten die Tagesthemen am 25. August 2021 um 22.30 Uhr. Außerdem berichtete Deutschlandfunk am 25. August 2021 um 12:00 Uhr.

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Moderation 25.08.2021 • 13:22 Uhr

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