Taliban-Sprecher Zabihullah Mujahid spricht auf seiner ersten Pressekonferenz in Kabul | AFP

Machtübernahme in Afghanistan Taliban verkünden Kriegsende und Amnestie

Stand: 18.08.2021 07:21 Uhr

Frauen sollen arbeiten, sie seien Teil der Gesellschaft. Man werde allen verzeihen, "die gegen uns waren", so die Taliban bei ihrem ersten offiziellen Auftritt. An den versöhnlichen Worten haben viele Menschen in Afghanistan Zweifel.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Der erste öffentliche Auftritt von Zabihullah Mujahid: schwarzer Turban, schwarze Weste, weißes Hemd. So präsentierte sich gestern Abend der Talibansprecher Journalistinnen und Journalisten in Kabul: "Es besteht kein Zweifel", sagt er. "Wir erleben gerade einen historischen Moment."

Silke Diettrich ARD-Studio Neu-Delhi

"Wir wollen, dass Frauen arbeiten"

Nun seien sie dabei, so schnell wie möglich eine solide islamische Regierung zu errichten: "Schon bald werden die Behörden und Ministerien wieder öffnen, alle Beamte und auch die Beamtinnen können wieder an ihren Arbeitsplatz zurück. Sie werden im Namen des islamischen Rechts ihre Arbeit wiederaufnehmen können. Wir wollen auch, dass Frauen arbeiten: Bei der Polizei, im Gesundheitswesen und in anderen Bereichen, wir brauchen die Frauen dort, denn sie sind Teil unserer Gesellschaft."

Überraschende Worte aus dem Munde des Talibansprechers. Am Ende der Pressekonferenz beschwört Zabihullah Mujahid: "Ich möchte Sie noch daran erinnern, dass wir allen vergeben werden. Denn nur so können wir Frieden und Stabilität zurückgewinnen. Jeder und jedem, die gegen uns waren, werden wir verzeihen."

Vor allem Frauen zweifeln Aussagen an

Worte, denen viele Afghaninnen und Afghanen noch nicht trauen mögen. Vor allem Frauen haben ihre Zweifel - wie Marzia Babakarkhail. Sie war Richterin und sei aus Afghanistan geflohen, nachdem die Taliban zwei Mal versucht hätten, sie umzubringen.

Nun lebt sie in Großbritannien und sagt: "Wissen Sie, die Taliban benutzen nun schöne Worte, weil sie einen Neuanfang starten. Wenn sie wirklich so gute Menschen sind, warum wollen dann so viele Afghaninnen und Afghanen jetzt fliehen? Wir haben die Taliban selbst erlebt, wir kennen sie. Ich kann ihnen nicht glauben. Die Menschen in Afghanistan werden ihnen niemals Glauben schenken."

In der Tat halten sich derzeit viele Menschen im Land noch versteckt: Ehemalige Ortskräfte der NATO-Truppen, Frauen, ehemalige Regierungsbeamte und Soldaten. Viele von ihnen haben in Panik ihre Ausweispapiere und Arbeitsverträge vernichtet. Auf Facebook kursieren Anleitungen, wie die Userinnen und User ihre Profile so privatisieren können, damit die Taliban die möglichen Freundschaftslisten mit Ausländerinnen und Ausländern nicht einsehen können.

Rechtswissenschaftler sieht "weisere Taliban"

Die Panik der Menschen würde sich sicher bald legen, glaubt Niaz Shah. Er ist Professor für Rechtswissenschaften an der Universität Hull in Großbritannien und sagt in einem Interview der BBC: "Ich sehe hier völlig neue Taliban, die weiser geworden sind. Und das, was sie versprechen: Da gehe ich davon aus, dass sie es auch einhalten. Sie halten sich eher an Versprechen als demokratisch gewählte Regierungen."

Daran können derzeit viele Menschen in Afghanistan noch nicht glauben. Erst vor knapp zwei Wochen hat dort, wo nun der Talibansprecher sitzt, Daua Khan Menapal Rede und Antwort gestanden.

Er war Leiter des Medieninformationszentrums der ehemaligen afghanischen Regierung. Vor knapp zwei Wochen hatten die Taliban ihn mitten am Tag in seinem Auto, auf einer Straße in Kabul, gezielt erschossen.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 18. August 2021 um 05:37 Uhr.

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Moderation 18.08.2021 • 11:27 Uhr

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