Ein Bundeswehrsoldat (l) und ein Dolmetscher (r) sprechen nahe Kundus im Distrikt von Char Darreh mit einem Mann.

Abzug aus Afghanistan Taliban rufen Ortskräfte zum Bleiben auf

Stand: 07.06.2021 12:50 Uhr

Zehntausende Afghanen waren als sogenannte Ortskräfte für die internationalen Truppen tätig. Mit deren Abzug fürchten viele eine Rache der Taliban. Die Islamisten versuchen nun, diese Ängste zu zerstreuen.

Mit dem Abzug der internationalen Truppen aus Afghanistan wächst bei Afghanen, die für ausländische Streitkräfte tätig waren, die Angst vor einer Rache der radikal-islamischen Taliban. Nun haben die Taliban ihre Landsleute aufgerufen, im Land zu bleiben.

Die sogenannten Ortskräfte sollten Reue dafür zeigen, die ausländischen Armeen unterstützt zu haben, heißt es in einer Mitteilung der Taliban. Unter Ortskräften versteht man afghanische Bürger, die für die NATO-Truppen beispielsweise als Übersetzer oder Wachen gearbeitet haben.

Ortskräfte sollen eigenem Land dienen

Die Taliban machten deutlich: "Keiner soll derzeit das Land verlassen." Stattdessen sollten die Betroffenen in ein "normales Leben" zurückkehren und "ihrem Land dienen", etwa durch spezielle Fachkenntnisse auf einem Gebiet. Für Kräfte aus dem Ausland dürften die Afghanen aber in Zukunft nicht mehr tätig sein, stellten die Taliban klar. "Aber wenn sie die feindlichen Reihen verlassen und sich für ein Leben als normale Afghanen in ihrer Heimat entscheiden, werden sie keine Probleme haben und sollten daher keine Angst haben", versicherten die Taliban in ihrer schriftlichen Erklärung.

Mitte April hatte US-Präsident Joe Biden angekündigt, die amerikanischen Truppen bis zum 11. September aus Afghanistan abziehen zu wollen. Für die in dem Land stationierten deutschen Soldaten könnte es sogar noch zügiger gehen. Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer stellte in Aussicht, dass sämtliche Bundeswehrkräfte bereits bis Mitte August nach Deutschland zurückkehren könnten.

Dutzende Afghanen von Taliban getötet oder gefoltert

Beim Einsatz der NATO-Truppen waren Zehntausende Afghanen als Ortskräfte aktiv. Viele von ihnen wollen nun mit ihren Familien das Land verlassen. Bisher hatten die Taliban die Ortskräfte stets als "Söldner" oder "Sklaven der Invasoren" verurteilt. In den vergangenen Jahren wurden dutzende afghanische Übersetzer von Taliban-Kämpfern getötet oder gefoltert.

Tausende Anträge für Ausreise ins Ausland

Mehrfach hatten Afghanen, die für das ausländische Militär gearbeitet haben, in den vergangenen Wochen in der Hauptstadt Kabul demonstriert. Sie forderten, dass ihnen die Ausreise ins Ausland gewährt wird. Gegenüber der Nachrichtenagentur AFP schilderte einer der Teilnehmer seine Ängste vor den Taliban: "Sie verfolgen uns. Die Taliban werden uns nicht vergeben. Sie werden uns töten und uns enthaupten."

Bis Mitte Mai hatten 450 Afghanen, die für die Bundeswehr tätig waren, beantragt, über das sogenannte Ortskräfteverfahren Schutz in Deutschland zu erhalten. Bei der US-Botschaft liegen eigenen Angaben zufolge derzeit etwa 18.000 Anträge für spezielle Ausreisevisa vor.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk in den Nachrichten am 07. Juni 2021 um 12:00 Uhr.