Kommentar

Präsidentenwahl Afghanistan Der Mut der Wähler hat sich gelohnt

Stand: 28.09.2019 19:23 Uhr

Die Wahlbeteiligung gering. Wieder Gewalt und Terror durch die Taliban. Und wahrscheinlich wieder Wahlbetrug. Und doch: Die Wahl in Afghanistan abzuhalten war richtig.

Ein Kommentar von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Bis vor wenigen Wochen war noch nicht einmal klar, ob die Wahlen in Afghanistan stattfinden können: Weil in vielen Teilen des Landes gekämpft wird, weil die Organisation der Wahlen so schlecht lief, und weil die USA und die Taliban kurz vor einem Abkommen standen und die Wahlen deshalb verschoben werden sollten. Heute haben die Wahlen aber dennoch stattgefunden, und das ist auch gut so. Denn die Wählerinnen und Wähler in Afghanistan verdienen Respekt.

Zeichen gegen Taliban

In den sozialen Netzwerken liegt in Afghanistan heute das Foto von Safiullah im Trend: Er hält beide Hände nach oben, sein linker Zeigefinger ist in Tinte getaucht, sein rechter hat keine Kuppe mehr, dort hatte Safiullah vor fünf Jahren auch noch Tinte, das Zeichen in Afghanistan, dass man abgestimmt hat. Weil die Taliban gegen demokratische Wahlen sind, haben sie Safiullahs Finger einfach abgeschlagen, um ihn zu bestrafen. Und trotzdem ist er heute wieder wählen gegangen.

Safiullah hat so viel Mut bewiesen, wie alle anderen Afghaninnen und Afghanen, die sich heute in die Wahllokale getraut haben. Das sind die Menschen in Afghanistan, die selbst bestimmen können und wollen, wer sie regiert. Sie haben gewählt, obwohl sie wussten, dass sie damit ihr Leben riskieren. Denn die Taliban hatten allen gedroht, dass sie zu Zielscheiben würden, wenn sie sich an den heutigen Wahlen beteiligen.

Wählen trotz Betrugsverdacht

Die Menschen haben gewählt, obwohl sie wissen, dass die Wahlen in Afghanistan nicht ganz frei sind. Schon allein, weil viele Wählerinnen und Wähler von vorneherein ausgeschlossen waren. Die, die in Gebieten leben, in denen die Taliban kämpfen oder herrschen. Sie haben gewählt, obwohl sie wissen, dass die Auszählung vermutlich nicht ganz mit rechten Dingen ablaufen wird. Denn bislang ist bei jeder Wahl in Afghanistan betrogen worden.

Macht es unter solchen Umständen eigentlich überhaupt Sinn, in Afghanistan Wahlen abzuhalten? Wenn man sich die Menschen anschaut, die heute wählen gegangen sind, kann man nur sagen: Ja! Es macht auf jeden Fall Sinn. Da ist zum Beispiel die Ärztin Sediqqa Ahmad, vier Jahre lang musste sie darauf warten, endlich Medizin studieren zu können, weil die Taliban vor mehr als 20 Jahren Frauen das Studieren verboten hatten. Sie will sich nicht von ihren Kindern vorwerfen lassen müssen, nichts unternommen zu haben, um ein erneutes Terror-Regime der Taliban zu verhindern.

"Kugeln gegen Stimmzettel"

Die Frauenrechtlerin Fawzia Koofi hat aus dem Wahllokal getwittert: "Wir haben gewählt, um Kugeln gegen Stimmzettel einzutauschen!" Denn was wäre die Alternative zu den Wahlen gewesen? Sie abblasen und auf Frieden warten? Die Hälfte der Bevölkerung in Afghanistan ist jünger als 18 Jahre alt, die hat einen richtigen Frieden noch nie erlebt.

Eine Karikatur, die heute durch die sozialen Netzwerke geht, drückt wohl ziemlich genau das aus, was die Wählerinnen und Wähler in Afghanistan denken: Eine Frau streckt ihren Mittelfinger, der in Tinte getaucht ist, mitten ins Gesicht eines Taliban-Kämpfers. Denn die Wahlen sind das einzig richtige Mittel, mit dem sich die Afghanen gegen die Taliban wehren können.

Kommentar - Wahlen in Afghanistan
Silke Diettrich, ARD Neu-Delhi
28.09.2019 18:25 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. September 2019 um 19:05 Uhr.

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