Neben einem in Afghanistan stationierten US-Soldaten steigt ein Helikopter auf. | Bildquelle: dpa

US-Militär in Afghanistan Wenn Trump geht - müssen die Truppen folgen?

Stand: 16.11.2020 04:30 Uhr

In Afghanistan wächst nach der US-Wahl die Unsicherheit: Was bedeutet der Machtwechsel im Weißen Haus für den geplanten Abzug amerikanischer Soldaten? Und für die Friedensgespräche?

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Südasien

In Afghanistan wächst die Sorge, dass die US-Regierung die im Land verbliebenen Truppen noch vor Ende der Amtszeit von Donald Trump abziehen könnte.

Das afghanische Volk könnte der große Verlierer sein, warnte der frühere Sicherheitsberater des Landes, Rangin Dadafar Spanta, beim neunten Sicherheitsdialog in Herat. Die Gewalt im ganzen Land habe zugenommen, seit die USA und die Taliban im Februar den schrittweisen Abzug der US-Truppen vereinbart hätten, so Spanta, der zur Delegation der afghanischen Regierung gehört, die zurzeit in Doha mit den Taliban verhandelt. Afghanistans Vizepräsident Sarwar Danish rief die USA dazu auf, nach der jetzt abgeschlossenen Präsidentschaftswahl die Friedensvereinbarung mit den Taliban neu zu bewerten.

Auf die USA müssten NATO-Partner folgen

Auch der frühere NATO-Oberbefehlshaber James Stavridis befürchtet, dass die von Trump neu eingesetzte Führung des Pentagon eine nicht vollständig zu Ende geplante Rückholaktion der US-Soldaten aus Afghanistan in die Wege leiten könnte. Dann müssten auch die NATO-Partner das Land in Windeseile verlassen, sagte Stavridis dem "Spiegel".

Frankreich hingegen hat jetzt vor einem vollständigen Abzug der US-Truppen aus Afghanistan gewarnt. Das sollten die USA lieber nicht tun, so Außenminister Jean-Yves Drian im Gespräch mit einem Moderator des französischen Fernsehens. Das werde er dem US-Außenminister bei nächster Gelegenheit sagen.

Neuer Pentagon-Chef befürwortet schnellen Abzug

Trump hatte vor wenigen Tagen US-Verteidigungsminister Mark Esper entlassen und durch den ihm loyal ergebenen Christopher Miller ersetzt, der sich schon in der Vergangenheit für einen schnellen Abzug der Truppen aus Afghanistan ausgesprochen hatte.

Noch vor einem Monat hatte NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg gemeinsame Beratungen über einen geordneten Abzug aus Afghanistan angekündigt. Dafür müssten die Taliban noch einige Bedingungen erfüllen, so Stoltenberg bei einem Treffen der NATO-Verteidigungsminister in Brüssel:

"Die NATO hat noch rund 12.000 Soldaten in Afghanistan. Als Teil des Friedensprozesses haben wir unsere Präsenz reduziert und eine weitere Reduktion ist an Bedingungen geknüpft. Die Taliban müssen die Gewalt signifikant reduzieren, sie müssen ihre Verbindungen zu anderen Terrorgruppen, wie Al-Kaida abbrechen und ernsthafte Gespräche mit der Regierung führen."

Geteilte Erwartungen in afghanischer Bevölkerung

Auf den Straßen von Kabul schwanken die Meinungen zwischen Skepsis und Zuversicht bezüglich der unübersichtlichen politischen Lage in Washington nach der Präsidentschaftswahl. "Ich weiß nicht viel über Joe Bidens politische Pläne. Er lässt die US-Truppen hoffentlich in Afghanistan, um weiter gegen die Terroristen zu kämpfen", sagt etwa Wasiq Ahmad.

Skeptischer äußert sich Murtaza Mohib: "Wir haben ja gesehen, welche Politik der Präsident Trump gemacht hat, vor allem wenn es um Afghanistan geht. Die Amerikaner haben sich nicht an ihre Versprechen gehalten. Das wird unter Biden wohl auch nicht anders sein."

Taliban pochen auf vereinbarten Deal

Die Taliban haben unterdessen den zum Wahlsieger erklärten künftigen US-Präsidenten Joe Biden aufgerufen, die Vereinbarung von Doha einzuhalten. Trump hatte in der Hoffnung, das würde seiner Wiederwahl dienen, einen Abzug aller US-Truppen aus Afghanistan bis Ende des Jahres in Aussicht gestellt.

Der Chefunterhändler der Taliban in Doha, Mawlawi Abdul Hakim Sharai, erklärte, der US-Truppenabzug sei keine Friedensvereinbarung, sondern ein Zeichen für die Kapitulation der USA vor den Taliban.

Erst wenn alle ausländischen Truppen das Land verlassen haben, sind die Taliban bereit, über Frieden in Afghanistan zu sprechen. Die afghanische Regierung befürchtet jedoch, dass die Kämpfe dann noch heftiger werden.

Sorge vor chaotischem Abzug der US-Truppen in Afghanistan
Bernd Musch-Borowska, ARD Neu-Delhi
15.11.2020 19:34 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14. November 2020 um 12:41 Uhr.

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