Zahra Kazimi bietet in ihrem Laden Ware an | Sibylle Licht
Reportage

Weltspiegel zu Afghanistan Frauen für den Fortschritt

Stand: 20.12.2020 05:48 Uhr

Zahra Kazimi hat als Unternehmerin Erfolg - in Afghanistan für eine Frau keine Selbstverständlichkeit. Sie befürchtet, dass eine Machtbeteiligung der Taliban das Land in dunkle Zeiten zurückwirft.

Von Sibylle Licht, ARD-Studio Neu-Delhi

Die afghanische Unternehmerin Zahra Kazimi stemmt sich mit Erfolg gegen die Tradition. Es ist keine Selbstverständlichkeit, als Frau in Afghanistan eine eigene Firma zu gründen. Kazimi aus Bamiyan aber hat es vor vier Jahren getan. Sie betreibt ein kleines Textilunternehmen und ein eigenes Geschäft.

Sibylle Licht ARD-Studio Neu-Delhi

Es sei immer ihr Traum gewesen, sich selbstständig zu machen, erzählt sie. Dann erhielt sie die Erlaubnis der afghanischen Regierung. In ihrem Betrieb beschäftigt sie ausschließlich Frauen - 20 von ihnen sind direkt angestellt, 400 weitere arbeiten in Heimarbeit. Auf die Frage, warum sie nur Frauen einstellt, sagt die Unternehmerin: "Für Männer ist es vergleichsweise einfach, Arbeit zu finden, für Frauen aber nicht."

Und das will sie ändern. Denn die Tradition verwehrt vielen Frauen nach wie vor Schul- und Berufsausbildung. "Mein Unternehmen widme ich den Bedürftigen - Witwen, armen, obdachlosen Frauen und den Frauen, die nicht lesen oder schreiben können. Für sie habe ich meine Firma gegründet", sagt Kazimi.

Weberin in Zahra Kazimis Manufaktur | Sibylle Licht

Eine Weberin bei der Arbeit in Zahra Kazimis Manufaktur Bild: Sibylle Licht

Kazimis Erfolg bringt Männer zum Umdenken

Dass sie so erfolgreich ist, beeindruckt auch die Männer. Sie kommen in Kazimis Geschäft und stören sich nicht mehr daran, dass eine Frau die Chefin ist. "Wir konnten uns nicht vorstellen, dass Frauen so wie Männer arbeiten können, weil wir eine sehr konservative Gesellschaft sind", gibt einer ihrer Kunden, Abdul Hameed, zu. Aber seitdem die Leute sehen, dass es den Familien wirtschaftlich viel besser geht, wenn Frauen mit zum Einkommen beitragen, habe ein Umdenken eingesetzt.  

Zahra Kazimi verkauft in ihrem Laden Ware | Sibylle Licht

Ein Mann kauft in Zahra Kazimis Laden ein - viele Kunden lässt der Erfolg ihres Betriebs umdenken. Bild: Sibylle Licht

Wenn Kazimi morgens zu ihrer Firma fährt, führt ihr Weg entlang der historischen Seidenstraße. In Bamiyan trafen sich Tausende Jahre lang Händler und Händlerinnen aus Ost und West. Diese Weltoffenheit hat Kazimi beeinflusst. Sie sagt: "Mit 18 war für mich klar, dass Frauen und Männer die gleichen Rechte haben. Frauen wie Männer haben Ideen und Mut, sie leisten genauso viel. Für mich gibt es keine Unterschiede." 

Und so hat sie für ihren Laden die wohl prominenteste Stelle im gesamten Bamiyan-Tal ausgesucht: Er steht direkt vor den Überresten der einst größten aufrecht stehenden Buddha-Statuen der Welt. 1600 Jahre alt und UNESCO-Weltkulturerbe. Die Taliban zerstörten die Statuen 2001 - als symbolische Vernichtung des religiösen und kulturellen Erbes. Ein Jahr später wurden sie von hier vertrieben, seitdem wird das Gebiet von der Zentralregierung kontrolliert. 

Zahra Kazimi und ihre Familie  | Sibylle Licht

Zahra Kazimi und ihre Familie beim Essen Bild: Sibylle Licht

Kaum Frauen am Tisch der Friedensverhandlungen

Bamiyan galt bisher als sicherste Provinz Afghanistans. Seit 2002 gab es keine Anschläge mehr. Jetzt aber wurde eine Autobombe auf dem Marktplatz von Bamiyan- City gezündet. Die Angst vor einer Rückkehr der Taliban wächst. Zugleich kommen die Friedensgespräche in Doha zwischen den Taliban und der afghanischen Regierung nicht voran.  

Wenn Kazimi sich mit ihren Freundinnen trifft, die auch Geschäftsfrauen sind, ist die schwierige Lage ihres Landes immer Thema. Dass die Regierung in Kabul mit den Taliban nicht nur über Frieden, sondern auch über Machtteilung spricht, befremdet die Frauen.

Zahra Kazimi protestiert für Frauenrechte und Gerechtigkeit | Sibylle Licht

Zahra Kazimi protestiert für Frauenrechte und Gerechtigkeit. Bild: Sibylle Licht

Ihre Familien haben die Taliban-Herrschaft erlebt. Die Gräueltaten - vor allem gegenüber Frauen - haben ein Trauma hinterlassen. Zahira Haidari betreibt ein Restaurant. Sie mache sich große Sorgen, dass sich die schrecklichen Szenen wiederholen könnten, sagt sie: "Keine von uns wird es hinnehmen, dass wir wieder zurück in dunkle Zeiten müssen. Wir sind weltoffene Frauen." Und das wollen sie bleiben.

Die Frauen von Bamiyan befürchten, dass die Stimme der Afghaninnen bei einem Friedensvertrag für ihr Land kaum oder gar nicht gehört wird: Nur vier Frauen sitzen im Verhandlungsteam der afghanischen Regierung der rein männlichen Taliban-Delegation gegenüber. "Ich habe Angst, dass wir unsere Fortschritte, die wir seit 18 Jahren für die Frauen erreicht haben, wieder verlieren", sagt Roqia Hussani vom Afghan Women's Network. In den vergangenen Monaten haben Bamiyans Frauen immer wieder öffentlich protestiert. "Frauenrechte und Gerechtigkeit - das sind die roten Linien für unsere Nation", steht auf ihren Plakaten.

Mehr dazu sehen Sie am Sonntag, 20. Dezember, um 19.20 Uhr im Weltspiegel.

Über dieses Thema berichtetet der Weltspiegel am 20 Dezember 2020 um 19.20 Uhr.

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KOMMENTARE

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werner1955 20.12.2020 • 13:46 Uhr

ein weltoffenes, gastfreundliches Land?

fathaland slim @ Und warum hat Russland das dann besetzt?