Ein Taliban-Kämpfer nach der Eroberung von Ghasni | REUTERS

Taliban in Afghanistan Vormarsch mit Amnestie-Versprechen

Stand: 14.08.2021 16:55 Uhr

Die afghanische Armee scheint weitgehend kollabiert, die Taliban eilen von Erfolg zu Erfolg - und versprechen den Besiegten Nachsicht. Doch viele Menschen fliehen vor ihnen.

Von Peter Hornung, ARD-Studio Südasien, zzt. Hamburg

Eine Gruppe von Taliban steht im Regieraum eines Radiosenders. Sie halten die Hände zum Gebet - und sie feiern. Was gestern noch "Radio Kandahar" war, ist heute die "Stimme der Scharia".

Die Umbenennung des Radiosenders ist Programm - denn die Scharia, das islamische Rechtssystem, soll die rechtliche Grundlage des neuen Afghanistans werden, das die Taliban errichten wollen.

Es gehe in diesem "Islamischen Emirat" nicht um Rache, sagte Taliban-Sprecher Zabihullah Mujahid jetzt in einem Radiointerview: Natürlich habe es Jahre des Konflikts gegeben. Und in den Gebieten, die man jetzt einnehme, gebe es Leute, die in den vergangenen 20 Jahren gegen die Taliban gekämpft oder Propaganda betrieben hätten.

"Aber unsere Politik ist es, sie zu tolerieren und wir akzeptieren sie alle, weil sie Afghanen sind und wir wieder Frieden brauchen und Stabilität. Wenn wir Rache nehmen, dann können wir das Land nicht regieren", sagt er. Deshalb habe man jetzt eine öffentliche Amnestie verkündet - "und allen Menschen wurde vergeben".

Ex-Bundeswehr-Standort Masar-i-Scharif unter Druck

Doch dieser Konflikt, von dem der Taliban spricht, ist noch nicht vorbei. Seit heute Morgen gibt es eine Offensive auf Masar-i-Scharif, die Großstadt im Norden Afghanistans, wo bis Ende Juni noch die Bundeswehr war.

Die Sicherheitslage in der Stadt werde immer schlechter, sagt ein Einwohner einem Reporter der Nachrichtenagentur AP: "Als junger Mensch, der seit 18 Jahren hier lebt, möchte ich Frieden und Stabilität, die Kämpfe sollten aufhören."

Vormarsch auf Kabul

Schwere Kämpfe gibt es heute auch in der Umgebung der Hauptstadt. Eine Provinz südlich von Kabul wurde vollständig von den Taliban eingenommen. Eine weitere, Wardak südwestlich von Kabul, ist umkämpft. Offenbar wollen die Radikalislamisten die Hauptstadt umzingeln, wie sie das mit anderen Städten zuvor schon taten.

Afghanistans Präsident Aschraf Ghani wandte sich am Mittag mit einer Fernsehansprache an sein Volk. Nicht wenige hatten erwartet, dass er zurücktreten werde. Doch von Rücktritt war keine Rede. Er sagte, er wolle verhindern, dass die Errungenschaften der vergangenen 20 Jahre verloren gehen. Und dann die afghanische Armee gestärkt werden solle: "In der gegenwärtigen Situation ist unsere Priorität der Zusammenhalt der Sicherheits- und Verteidigungskräfte, und es werden ernsthafte Maßnahmen ergriffen."

Doch wenige glauben, dass die afghanische Armee den Taliban noch viel entgegensetzen kann, nachdem sie in den vergangenen Tagen vielerorts Auflösungserscheinungen zeigte.

In Kabul treffen derweil immer mehr Flüchtlinge ein - aus allen Landesteilen. Viele von ihnen hoffen, wenigstens in der Hauptstadt noch sicher zu sein.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 14. August 2021 um 17:00 Uhr.