Taliban in Ghazni | dpa

Afghanistan Taliban stehen kurz vor Kabul

Stand: 14.08.2021 12:22 Uhr

Die Taliban in Afghanistan scheinen nicht zu stoppen zu sein. Die radikal-islamischen Milizen stehen nur noch wenige Kilometer vor der Hauptstadt Kabul. Präsident Ghani wandte sich in einer TV-Ansprache an die Bevölkerung.

Nach der Eroberung der Provinz Logar stehen die Taliban kurz vor den Toren der Hauptstadt Kabul. Hoda Ahmadi, eine Abgeordnete aus der Provinz, sagte der Nachrichtenagentur AP, die Taliban hätten das gesamte Gebiet südlich von Kabul mitsamt der Provinzhauptstadt Pul-i-Alam unter ihre Kontrolle gebracht. Provinzbeamte seien festgenommen worden. Taliban-Kämpfer hätten zudem den Bezirk Tschar Asjab der Hauptstadtprovinz erreicht. Von dort sind es noch elf Kilometer bis Kabul.

Eine andere Parlamentsabgeordnete, Hamida Akbari, sagte der Nachrichtenagentur dpa, es gebe Kämpfe um die 35 Kilometer von Kabul entfernte Stadt Maidan Schar. Taliban hätten einen Großteil der Provinz Maidan Wardak, ebenfalls südlich von Kabul, erobert.

Schwere Kämpfe in Masar-i-Scharif

Zugleich starteten die radikalislamischen Aufständischen eine Offensive auf Masar-i-Scharif im Norden, wo die Bundeswehr bis Juni ihr Hauptquartier hatte. Der Sprecher der Provinz Balch, Munir Ahmad Farhad, sagte, Masar-i-Scharif werde von den Taliban aus mehreren Richtungen angegriffen. Es gebe schwere Kämpfe in den Außenbezirken. Noch am Mittwoch war der afghanische Präsident Aschraf Ghani nach Masar-i-Scharif geflogen, um Verteidiger der Stadt zu mobilisieren.

Fernsehansprache von Präsident Ghani

Heute hielt er eine Fernsehansprache an die Bevölkerung. Dabei kündigte Ghani eine "Remobilisierung" der Streitkräfte an. Dies habe oberste Priorität. Außerdem wolle er die Situation mit regionalen Führern und internationalen Partnern erörtern, sagte Ghani. Es gebe eine Verantwortung, dass das Land nicht noch mehr zerstört werde. Er wolle eine politische Lösung, um "Frieden und Stabilität" für Afghanistan zu sichern.

Mit Beginn des Abzugs von US- und NATO-Truppen, der Ende des Monats abgeschlossen werden soll, haben die Taliban große Gebietsgewinne in Afghanistan erzielt und viele Provinzhauptstädte erobert, darunter Herat und Kandahar, die zweit- und drittgrößten Städte des Landes. 18 der 34 Provinzen sind unter ihrer Kontrolle.

Zehntausende Zivilisten flohen bereits vor den Taliban. Die Taliban regierten Afghanistan von 1996 bis 2001 mit einer harschen Auslegung des islamischen Rechts, der Scharia. Frauen durften ihr Zuhause nur unter Auflagen verlassen, Musik war verboten.

Vorwürfe der USA

Die US-Regierung warf der afghanischen Führung und den Sicherheitskräften angesichts des Vormarsches der Taliban mangelnde Kampfbereitschaft vor. Es sei "beunruhigend" zu sehen, dass die politische und militärische Führung nicht den "Willen" gehabt habe, sich dem Vormarsch der militanten Islamisten zu widersetzen, sagte der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, John Kirby, dem Sender CNN. Die USA hätten den "fehlenden Widerstand" durch die afghanischen Streitkräfte nicht vorhersehen können.

Die afghanischen Sicherheitskräfte seien den Taliban in Bezug auf Ausrüstung, Training und Truppenstärke überlegen und verfügten über eine eigene Luftwaffe, sagte Kirby. Mit Blick auf die finanzielle Unterstützung der US-Regierung für die Sicherheitskräfte fügte er hinzu: "Geld kann keinen Willen kaufen." Dafür sei die politische und militärische Führung der Afghanen zuständig.

Röttgen hält einseitigen Abzug für Fehler

Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Norbert Röttgen, forderte ein Einschreiten des Westens und der Bundeswehr gegen die in Afghanistan vorrückende Taliban. "Man darf nicht dabei zuschauen, wie Menschen, die uns lange verbunden waren, von den Taliban abgeschlachtet werden, wie Mädchen und Frauen alle hart erkämpften Rechte wieder verlieren", sagte der CDU-Politiker dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. "Der einseitige und übereilte Abzug aus Afghanistan war ein Fehler", urteilte Röttgen.

Habeck fordert Luftbrücke für Ortskräfte

Grünen-Co-Chef Robert Habeck forderte mehr Einsatz der Bundesregierung für Menschen, die als Ortskräfte die Bundeswehr oder deutsche Ministerien in Afghanistan unterstützt haben. "Es braucht jetzt eine Luftbrücke, um diese Menschen aus Lebensgefahr zu bringen", sagte Habeck der "Süddeutschen Zeitung". "Das ist eine Frage von Treue. Wir dürfen sie nicht im Stich lassen, die Zeit läuft."

Baerbock für europäische Vorbereitungen auf Flüchtlinge

Grünen-Kanzlerkandidatin Baerbock warnte im Deutschlandfunk vor einer Wiederholung von Versäumnissen während des syrischen Bürgerkriegs und forderte eine konzertierte Aktion zur Aufnahme von Flüchtlingen aus Afghanistan durch alle 27 EU-Mitglieder. Die europäischen Länder seien damals auf fatale Weise unvorbereitet gewesen, dass Menschen in so einer dramatischen Situation ihr Land verlassen müssten, sagte Baerbock.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 14. August 2021 um 03:05 Uhr.

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Moderation 14.08.2021 • 17:15 Uhr

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