Zwei Männer gehen am Gebäude der ehemaligen US-Botschaft in Kabul vorbei, auf die das Siegel der Taliban gesprüht ist. | EPA
Reportage

Afghanistan Ein neues Leben unter Taliban-Herrschaft

Stand: 11.09.2021 01:37 Uhr

In Afghanistan verändern sich die Lebensbedingungen unter den Taliban von Tag zu Tag. Westliche Kleidung ist aus dem Straßenbild verschwunden. Die Wirtschaft liegt brach. Und die humanitären Bedingungen sind katastrophal.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Südasien

Das Leben in der afghanischen Hauptstadt ist scheinbar zu einer Normalität zurückgekehrt. Auf den Straßen und Märkten herrscht emsiges Treiben, wie auf Filmmaterial der Nachrichtenagentur Reuters zu sehen ist. Augenzeugen berichteten jedoch von einer angespannten Atmosphäre. Schwer bewaffnete Taliban seien überall präsent.

Viele Afghanen versetze der Anblick der bärtigen Kämpfer mit ihren Kalaschnikows in Angst und Schrecken, sagte Rahmatullah Khan, ein Einwohner von Kabul, vor allem die Älteren, die die Taliban-Herrschaft Ende der 90er-Jahre erlebt hätten.

Die Leute haben Angst, denn die sehen wirklich unheimlich aus. Vor allem Frauen und Kinder fürchten sich. Die sollten sich anständig kleiden und ordentlich verhalten, dann hätten die Leute nicht solche Angst.

Devise: Möglichst nicht auffallen

An fast jeder Straßenecke gibt es Checkpoints der Taliban. Möglichst nicht auffallen, lautet die Devise. Jeans und T-Shirts oder westliche Anzüge sind aus dem Straßenbild weitgehend verschwunden. Die Frauen tragen lange Kleider mit Kopftuch oder eine Burka, Männer die traditionelle Kurta, ein knielanges Hemd über einer Pluderhose.

Abdul Hadeem, der Inhaber eines Bekleidungsgeschäftes in Kabul, sagt: "Alles ist jetzt anders. Die Leute kaufen keine Jeans mehr, die wollen jetzt nur noch traditionelle Kleidung. Die Leute haben zwar eigentlich kein Geld, aber sie kommen trotzdem, denn sie müssen sich neu einkleiden."

Wirtschaft weitgehend zusammengebrochen

Die Versorgungslage in ganz Afghanistan ist dramatisch. Die Wirtschaft des Landes ist weitgehend zusammengebrochen, viele Afghanen haben ihre Jobs verloren, seit die Taliban die Macht übernommen haben. Die Leute hätten einfach kein Geld mehr, klagt der Gemüsehändler Asad. Asad.

Der Handel ist völlig zum Erliegen gekommen. Von dem Gemüse, das wir anbieten, wird nur ein kleiner Teil verkauft, der Rest verdirbt. Wie soll das weitergehen? Mehl ist teurer geworden, Öl zum Braten ebenso. Niemand kümmert sich um uns arme Leute.

Er müsse alles zum halben Preis verkaufen, klagt Sulaiman, ein Händler nebenan. Aber die Sicherheitslage habe sich verbessert unter den Taliban. "Die Diebe und Verbrecher sind verschwunden, aber es gibt auch nichts mehr zu essen."

Neun von zehn Afghanen haben nicht genug zu essen

Die humanitäre Situation sei katastrophal, klagt Anthea Webb, die für Afghanistan zuständige Regionaldirektorin des UN-Welternährungsprogramms WFP. Neun von zehn Afghanen hätten nicht genug zu essen.

Lebensmittelknappheit ist für die Menschen das größte Problem. Und wenn erst der Winter kommt, wird es noch schlimmer. Bis Anfang November müssen wir neun Millionen Menschen pro Monat versorgen, und wir betteln jetzt schon weltweit um Hilfe, denn unsere Vorräte reichen höchsten noch bis Oktober.

Wer kann, versucht das Land zu verlassen. Gestern Abend flog der zweite internationale Passagierflug in Kabul ab. An Bord der Maschine waren knapp 160 Passagiere, darunter auch deutsche und französische Staatsbürger, die sich noch in Kabul aufgehalten hatten.

Lebensbedingungen ändern sich Tag zu Tag

Auch wohlhabende Afghanen mit einem zweiten ausländischen Pass brachten sich und ihre Familien vor dem Taliban-Regime in Sicherheit. "Meine Tochter und meine Enkelin haben britische Reisepässe und das Leben hier ist für sie sehr schwierig. Deswegen bringen wir sie nach London, damit sie weiter zur Schule gehen können."

Für die Afghanen, die zurückbleiben, ändern sich die Lebensbedingungen von Tag zu Tag. Demonstrationen gegen die Taliban-Regierung und die neuen Regeln für den Alltag sind verboten. Auch Berichte über Proteste, die es trotz Verbot immer wieder gibt, werden bestraft. Zahlreiche Journalisten wurden bereits geschlagen und gefoltert. Alle Appelle der Vereinten Nationen, auf Gewalt gegen die Bevölkerung zu verzichten, blieben bislang ungehört.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. September 2021 um 06:48 Uhr.