Die Loya Dschirga, die traditionelle Versammlung in Afghanistan. | Bildquelle: HEDAYATULLAH AMID/EPA-EFE/Shutte

Afghanistan Tausche Schwerverbrecher gegen Frieden

Stand: 08.08.2020 02:17 Uhr

In Afghanistan berät die Loya Dschirga, die traditionelle Versammlung im Land, über das Schicksal von 400 Taliban-Gefangenen. Die Taliban sagen, sobald die Gefangenen befreit würden, stünde Friedensgesprächen nichts mehr im Weg.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Es ist immer etwas Besonderes, wenn die Loya Dschirga in Afghanistan tagt. Mehr als 3000 Menschen - darunter religiöse Führer, Stammesälteste, regionale Politikerinnen und Politiker, Militärs - beraten über die großen nationalen Fragen. Ashraf Ghani, der Präsident von Afghanistan, hat die traditionelle Versammlung einberufen, damit die Mitglieder ihm beiseite stehen.

"Die Taliban drohen uns: sie wollen den Krieg fortsetzen und die Gewalt sogar noch erhöhen, wenn wir nicht 400 Mitglieder, die bei uns in Haft sitzen, frei lassen. Wir sind an einem Punkt angekommen, wo sich der Weg nur in zwei Richtungen gabelt. Für solch eine wichtige Entscheidung brauche ich Ihren Rat, das übersteigt die Kompetenzen für mich als Präsidenten."

Denn diese 400 Gefangenen, die die afghanische Regierung ausliefern soll, sind Schwerverbrecher, darunter sind Mörder und Planer von Anschlägen, einer von ihnen soll für die Attacke auf die deutsche Botschaft vor drei Jahren verantwortlich sein. Keine leichte Entscheidung für die Mitglieder der Loya Dschirga.

Emotionen kochen hoch

Bei den Diskussionen heute kam es auch schon zu Handgreiflichkeiten. Auf einem Video in den sozialen Netzwerken ist zu sehen, wie eine Frau einen Mann attackiert und niederreißt, nachdem er seine Rede gehalten hat. Die Emotionen kochen hoch. Weil die Taliban im Prinzip Unmögliches verlangen, dafür aber auch viel in Aussicht stellen würden, sagt Ashraf Ghani.

"Sie versprechen, dass sie, sobald die 400 Gefangenen auf freiem Fuß sind, in Friedensverhandlungen mit uns treten werden, innerhalb von drei Tagen. Und beim ersten Treffen würde es gleich darum gehen, einen dauerhaften Waffenstillstand zu verhandeln."

Da können die Teilnehmer der Loya Dschirga eigentlich gar nicht dagegen stimmen. Die afghanische Regierung streckt schon seit vielen Monaten die Hand in Richtung Taliban, um einen Friedensprozess in Afghanistan einzuleiten. Die Islamisten allerdings haben bisher nicht zugegriffen und lieber mit den USA verhandelt.

Taliban verhandeln lieber mit den USA

Aus Sicht der Taliban sind die ohnehin die Strippenzieher, die afghanische Regierung bezeichnen sie als Marionette. Nach monatelangen Verhandlungen haben die USA und die Taliban Ende Februar haben ein Abkommen unterzeichnet. Die USA hatten sich darin verpflichtet, ihre Truppen nach und nach abzuziehen.

4500 Soldaten haben die USA bereits nach Hause geschickt. Die Taliban auf der anderen Seite haben schriftlich vereinbart, dass sie Terrorgruppen wie Al-Kaida in ihrem Land bekämpfen werden und nach einigen Bedingungen sich mit der afghanische Regierung zu Friedensverhandlungen an einen Tisch setzen würden. Der Rat der Loya Dschirga könnte also den Friedensprozess stoppen oder zeitnah in Gang bringen. Mindestens drei Tage wollen die Versammlungsmitglieder darüber verhandeln. Nicht viel Zeit im Vergleich dazu, dass die Menschen in Afghanistan schon seit Jahrzehnten im Krieg leben:

"Ich bin jetzt vierzig Jahre alt", sagt Babrak Haqmal, der in der Hauptstadt Kabul lebt. Mit seinem Wusch spricht er wohl den meisten Afghaninnen und Afghanen aus dem Herzen: "Ich hoffe sehr auf einen dauerhaften Waffenstillstand, damit die Menschen in Afghanistan in Frieden und Wohlstand leben können, wie so viele in anderen Ländern auf der Welt auch."

Schwerverbrecher im Austausch für Frieden: Die Loya Dschirga tagt in Afghanistan
Silke Diettrich, ARD Neu-Delhi
08.08.2020 09:21 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. August 2020 um 06:40 Uhr.

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