Ein Dolmetscher der Bundeswehr (2.v.r.), Bundeswehrsoldaten (Hintergrund), afghanische Polizei (r) und Angehörige der Bürgerwehr unterhalten sich im Distrikt Char Darreh bei Kundus an einem Checkpoint. (Archiv) | picture alliance / dpa
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"Ortskräftebüros" in Afghanistan Hilfe für gefährdete Bundeswehr-Mitarbeiter

Stand: 12.05.2021 05:02 Uhr

Was wird aus den einheimischen Mitarbeitern der Bundeswehr nach deren Abzug aus Afghanistan? Die Bundesregierung will offenbar ab Juni zwei "Ortskräftebüros" einrichten, um die Mitarbeiter in Sicherheit zu bringen.

Von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

"Wir lassen unsere afghanischen Mitarbeiter nicht im Stich" - so lautete das Versprechen der Bundesregierung. Doch nun drängt die Zeit, es auch wirklich einzulösen, denn bereits zum 4. Juli soll auch die Bundeswehr das Land verlassen haben. Am 1. Juni soll nun sowohl in Masar-i-Sharif als auch in Kabul jeweils ein sogenanntes Ortskräftebüro eingerichtet werden, wie ein Sprecher des Verteidigungsministeriums dem ARD-Hauptstadtstudio bestätigte.

Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

In diesen Anlaufstellen können aktuelle und ehemalige Beschäftigte der Bundeswehr - etwa Fahrer oder auch Übersetzer - darlegen, dass sie einer Gefährdung durch Extremisten ausgesetzt sind und nach Deutschland auszureisen wünschen. Allein die Anzeige der Bedrohung dürfte in den meisten Fällen zu einer positiven Empfehlung führen, heißt es aus gut unterrichteten Kreisen.

Bereits mehr als 400 Ausreiseanträge eingegangen

"Ich finde, dass wir als Bundesrepublik Deutschland eine hohe Verpflichtung gegenüber diesen Menschen haben. Sie haben mit uns gemeinsam teilweise über mehrere Jahre in diesem Einsatz gestanden. Sie sind ganz sicher gefährdet", sagte Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer vor wenigen Tagen in der ARD-Sendung "Bericht aus Berlin".

Annegret Kramp-Karrenbauer, Verteidigungsministerin (CDU) bei deutschen Soldaten der Bundeswehr in Masar-i-Sharif.

Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer sieht eine Verpflichtung der Bundesrepublik gegenüber den afghanischen Bundeswehr-Mitarbeitern.

Nach Informationen des ARD-Hauptstadtstudios haben bereits mehr als 400 der noch oder ehemals bei der Bundeswehr beschäftigten Ortskräfte einen entsprechenden Ausreiseantrag gestellt. Insgesamt war bislang damit gerechnet worden, dass mehr als 500 die Chance auf eine Bewilligung bekommen könnten.

Nur aktuell bei der Bundeswehr oder bei anderen deutschen Organisationen Beschäftigte sowie solche, deren Kündigung nicht länger als zwei Jahre zurückliegt, können sich Hoffnung auf eine Ausreise machen. Auch bei deren Kernfamilie, also bei einer Ehefrau und eigenen minderjährigen Kindern, greift das Aufnahmeprogramm.

Pro Asyl sieht "Ortskräftebüros" kritisch

Der Geschäftsführer der Flüchtlingsorganisation Pro Asyl, Günter Burkhardt, bezweifelt, dass die Einrichtung von "Ortskräftebüros" der Sicherheit der Afghanen dient: "Da müssen doch nur die Taliban sich davorsetzen oder mit einem Fernglas 'spotten', wer rein- und rausgeht und die Ortskraft verfolgen. Und schon hat man den Wohnort und die Familie", kritisiert Burkhardt. Allerdings soll auch eine Beantragung via E-Mail möglich sein. 

In einem Brief an Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer hatte Pro Asyl weitergehende Forderungen gestellt: In dem nicht veröffentlichen Schreiben vom 26. April, das dem ARD-Hauptstadtstudio vorliegt, begrüßt Burkhardt zwar, dass auch ehemalige Ortskräfte berücksichtigt werden sollen. In dem Brief heißt es:

Jedoch darf es keine zeitliche Begrenzung der zurückliegenden Beschäftigung geben. Erfahrungen zeigen, dass die Taliban auch noch Jahre nach Beendigung einer Tätigkeit als Ortskraft Rache an den Betroffenen oder ihren Familien üben.

  

Abzug der internationalen Truppen

Darüber hinaus fordert Pro Asyl, das Aufnahmeprogramm auf sämtliche verwandte Personen, die mit den betroffenen Personen zusammenleben, auszuweiten. Doch dass die Bundesregierung den Kreis der Personen weiter als bisher geplant fasst, gilt derzeit als unwahrscheinlich. 

Möglichst bis 4. Juli - so lautet das selbstgesteckte Ziel der Bundesregierung - sollen alle gefährdeten Ortskräfte das Land verlassen haben. Spätestens. Denn auf dieses Datum laufen die derzeitigen Planungen für den Abzug der internationalen Truppen hinaus. Anschließend wären die Afghanen auf sich gestellt.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 12. Mai 2021 um 07:00 Uhr.