Zwei Männer sitzen in Kabul. | AFP

Virtuelle Geberkonferenz Afghanistan braucht weiter Hilfe

Stand: 23.11.2020 04:58 Uhr

Seit fast 20 Jahren pumpt die internationale Gemeinschaft Milliardenhilfen in das Land. Trotzdem leben 70 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Neue Hilfen werden dringend benötigt.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu Delhi

"Die Geberkonferenz für Afghanistan findet zu einem historischen und kritischen Zeitpunkt statt", sagt Naser Sidiqee vom afghanischen Finanzministerium. Denn einerseits müssen die internationalen Entwicklungspartner in ihren eigenen Ländern mit den Folgen der weltweiten Corona-Pandemie zurechtkommen.

Silke Diettrich ARD-Studio Neu-Delhi

Auf der anderen Seite steckt auch die afghanische Regierung in einer Krise: Die Gespräche über einen möglichen Frieden mit den Taliban kommen kaum voran. Zeitgleich steigt die Gewalt auf afghanischem Boden unvermindert an. Auf der Strecke bleiben die Menschen im Land: Bis zu 70 Prozent der Menschen leben unter der Armutsgrenze, sagt die Weltbank.

Verschleierte Straßenverkäuferinnen in der Stadt Herat. | JALIL REZAYEE/EPA-EFE/Shuttersto

Laut Weltbank leben 70 Prozent der afghanischen Bevölkerung in Armut. Bild: JALIL REZAYEE/EPA-EFE/Shuttersto

Großes Korruptionsproblem

Und das, obwohl bereits Milliarden an Geldern ins Land geflossen sind. Alleine in den letzten vier Jahren mehr als 15 Milliarden US-Dollar. Was von großer Bedeutung gewesen sei, sagt Naser Sidiqee vom afghanischen Finanzministerium: "Es hat viel zur Entwicklung des Landes beigetragen. Und wir glauben daran, dass auch die weiterführende Unterstützung eine bedeutende Rolle dabei spielen wird, unser Land zu stabilisieren und unsere Regierung eigenständiger zu machen."

Aber noch rund 60 Prozent seines Staatshaushaltes bezieht Afghanistan aus ausländischen Geldern. Es gibt viel Kritik, dass dabei nur wenig bei den Menschen ankommt. Was die Korruption angeht, auf dem Wahrnehmungsindex von Transparency International, belegt das Land schon seit Jahren einen der letzten Plätze.

Allein in den letzten zehn Jahren seien rund 19 Milliarden Dollar als Hilfen nicht dorthin gelangt, wofür sie eigentlich vorgesehen waren. Das schreibt die Behörde SIGAR, die Gelder von den USA überprüft, die nach Afghanistan fließen. Nicht nur das könnte die internationalen Geldgeber dazu veranlassen, dieses Mal weniger finanzielle Hilfen für die nächsten vier Jahre zu genehmigen.

Taliban machen Geber unruhig

US-Präsident Trump hat angekündigt, noch bis zum Ende seiner Amtszeit im Januar, fast die Hälfte der Soldaten aus Afghanistan abzuziehen. In einem Abkommen, das die USA mit den Taliban unterzeichnet haben, ist - auch wenn dies an bestimmte Bedingungen geknüpft ist - von einem kompletten Abzug im nächsten Jahr die Rede.

Die Taliban könnten somit noch mehr Einfluss gewinnen im Land, was einige Geldgeber unruhig werden lässt: Sie befürchten, dass die Fortschritte, die auch mit ihren Geldern erreicht wurden, zum Beispiel was die Entwicklung von Menschenrechten angeht oder die Ausbildung von Mädchen und Frauen, damit zunichtegemacht werden könnten.

Warnungen vor Hungerkatastrophe

Und auch die weltweite Pandemie hat nicht vor Afghanistan haltgemacht. Die Verbreitung von Covid-19 stelle das Land zwar vor eine große Herausforderung, sagt Abdallah Dardari, der bei den Vereinten Nation zuständig ist für Entwicklungsprogramme in Afghanistan.

Aber die Sorgen der Menschen im Land seien andere: "Die Menschen benötigen dringend Jobs und sie wollen Sicherheit. Die Afghaninnen und Afghanen befinden sich in so einer schrecklich schlechten wirtschaftlichen Lage und leiden unglaublich unter der andauernden Gewalt, dass die Gefahr von Covid-19 für sie nicht im Vordergrund steht."

Internationale Hilfsorganisationen warnen, dass es gerade in diesem Jahr zu einer Hungerkatastrophe in Afghanistan kommen könnte.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell im Hörfunk am 23. November 2020 um 09:13 Uhr.