Der Rektor einer islamischen Hochschule in Deoband (Indien) spricht vor Studenten. | Peter Hornung
Reportage

Deoband in Nordindien Die Vordenker der Taliban

Stand: 23.09.2021 09:59 Uhr

Die geistige Wiege der Taliban befindet sich nicht in Afghanistan, sondern in Nordindien. In der Kleinstadt Deoband wird eine wörtliche Auslegung des Koran gelehrt, die auch die Radikalislamisten geprägt hat.

Von Peter Hornung, ARD-Studio Neu-Delhi

Der Dozent sitzt auf einem Podest, vor ihm in der Halle auf dem Boden seine Studenten, Hundert vielleicht, alle weiß gekleidet. Maulana Arshad Madani ist nicht nur Professor, er ist auch Rektor der islamischen Hochschule Dar ul-Uloom.

Peter Hornung ARD-Studio Neu-Delhi

Achtzig Jahre alt, ein weißes Käppi, ausladende Gesten und gelegentlich ein jungenhaftes Grinsen. Die Taliban? Er sieht sie mit Sympathie, sie seien Freiheitskämpfer. "Sie haben die Russen bekämpft und die Amerikaner. Sie haben sich ihnen nicht gebeugt und sie schließlich aus ihrem Land vertrieben", sagt er. "Die Taliban haben in ihrem Land Großartiges geleistet, die Freiheit erlangt und die Kette der Sklaverei durchbrochen - wie unsere Vorfahren in Indien."

Die Taliban seien Volkshelden wie Gandhi oder Nehru in Indien, meint auch Idris, der an der Hochschule studiert.

Maulana Arshad Madani | Peter Hornung

Maulana Arshad Madani spricht vor Studenten.  Bild: Peter Hornung

Taliban bezeichnen sich als "Deobandis"

Deoband ist eine 70.000-Einwohner-Stadt im Bundesstaat Uttar Pradesh, drei Autostunden nördlich von Indiens Hauptstadt Neu-Delhi. Zwei von drei Einwohnern sind Muslime. Und die vielen vollverschleierten Frauen zeigen es: Hier wird der Koran streng ausgelegt. Das liegt auch an der islamischen Hochschule, die der Mittelpunkt von Deoband ist - mit ihrer mächtigen Moschee.

Es ist eine strenge Auslegung, der auch die Taliban folgen. Sie bezeichnen sich als Deobandis, als Anhänger der Schule von Deoband. Doch enge Beziehungen gebe es gar nicht, sagt Maulana Madani. Er persönlich kenne keinen einzigen Taliban.

"Schauen Sie, die sind nicht hier in dieser Schule erzogen worden, und wenn es doch welche gab, dann muss das Jahre her sein", so Madani. "Sie haben nicht hier in Deoband studiert, sondern folgen lediglich der Inspiration von Deoband. Sie selbst werden diese Stadt wohl nie gesehen haben."

Große Moschee und der alte Teil in Deoband (Indien) | Peter Hornung

Große Moschee und der alte Teil in Deoband. Bild: Peter Hornung

Taliban haben noch weitere Einflüsse

Die indische Islamforscherin Soumya Awasthi ist Expertin für Deoband. Dort werde der Koran wörtlich ausgelegt, sagt sie. "Sie praktizieren einen sehr strikten Islam. Demnach ist ein guter Muslim einer, der genau das praktiziert, was Prophet Mohammed in seiner Zeit getan hat."

Dennoch mache man es sich zu leicht, wenn man eine direkte Linie zwischen der nordindischen Hochschule und den Radikalislamisten in Kabul ziehe. Die radikalen Ansichten der Taliban seien wesentlich auch vom in Saudi-Arabien praktizierten Wahabismus geprägt und von den Moralvorstellungen der eigenen Volksgruppe, der Paschtunen in Afghanistan. Doch die Religion selbst sei ohnehin nicht das Wichtigste.

Blick in einen Hörsaal einer islamischen Hochschule in Deoband (Indien) | Peter Hornung

Blick in einen Hörsaal der islamischen Hochschule. Bild: Peter Hornung

"Sie haben eine religiöse Agenda herangezogen und ihre Taten eben mit der Religion gerechtfertigt", sagt Awasthi. "Doch in Wirklichkeit ging es den Taliban nicht vor allem um Religion, sondern um eine politische Agenda."

Und zu dieser politischen Agenda gehörte auch der Dschihad, der Heilige Krieg - zu dem ausgerechnet die Lehre von Deoband ein problematisches Verhältnis habe. "Dieser Begriff wird aus dem historischen Zusammenhang gerissen und in der Jetztzeit verwendet", sagt Awasthi. "Man kann nicht einfach den Dschihad auf heute beziehen. Und da habe ich ein Problem mit der Führung von Deoband. Das sollten sie in der Öffentlichkeit klarstellen."

Das Hauptgebäude der großen Moschee in Deoband (Indien) | Peter Hornung

Das Hauptgebäude der großen Moschee. Bild: Peter Hornung

"Ich hoffe, die Taliban korrigieren ihre Fehler"

Auch wenn er immer wieder sagt, dass sie eigentlich nichts mit Deoband zu tun hätten: Madani, der Rektor der Hochschule, kann seine Sympathie für die Taliban kaum verhehlen. Dennoch, sagt er, hätten sie vor 20 Jahren vieles falsch gemacht, was sie nun ändern müssten.

"Jungen Mädchen und Frauen komplett zu verbieten, aus dem Haus zu gehen, das war ein Fehler. Und sich so zu isolieren als Land, das war zum Scheitern verurteilt", sagt er. "Sie hätten diplomatische Beziehungen zu anderen Ländern aufbauen müssen. Ich denke, sie haben in den letzten 20 Jahren erkannt, wie es andere Länder tun. Deshalb hoffe ich, sie korrigieren ihre Fehler dieses Mal und führen die Regierung auf angemessene Weise."