Tagelöhner mit Mundschutz stehen Schlange, um von afghanischen Geschäftsleuten gespendetes Weizen zu erhalten | Bildquelle: dpa

Coronavirus in Afghanistan Mit dem Virus droht der Hunger

Stand: 03.05.2020 01:58 Uhr

In Afghanistan fürchten die Menschen nicht nur das Coronavirus. Mit den Ausgangsbeschränkungen könnte auch die Versorgung zusammenbrechen - und der Hunger kommen.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi

Vor einem geschlossenen Schulgebäude in Kabul wird Essen verteilt. Trotz der Ausgangssperre herrscht dichtes Gedränge - wie auf dem Filmmaterial der Nachrichtenagentur AP zu sehen ist. Die afghanische Regierung und internationale Hilfsorganisationen versorgen die Ärmsten der Armen, darunter Tagelöhner, die wegen der Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus kein Geld mehr verdienen können.

Ein Mann bereitet Lebensmittelrationen vor, die von der Industrie- und Bergbaukammer während der strengen Ausgangsbeschränkungen in Afghanistan an bedürftige Menschen gespendet werden sollen. | Bildquelle: dpa
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Ein Mann bereitet Lebensmittelrationen vor, die von der Industrie- und Bergbaukammer während der strengen Ausgangsbeschränkungen in Afghanistan an bedürftige Menschen gespendet werden sollen.

So wie Mohammad Wali: "Wir können jetzt schon seit Wochen das Haus nicht mehr wegen des Coronavirus verlassen," sagt er. "Und selbst wenn, dann können wir kein Geld verdienen." Er und seine Familie wohnten zur Miete. "Wie soll ich das denn bezahlen und dazu Essen und Kleidung für meine Frau und meine Kinder?", fragt er. "Bei den gestiegenen Preisen?"

Das UN-Welternährungsprogramm WFP stellte in seinem jüngsten Bericht einen Preisanstieg von fast 20 Prozent für Mehl in Afghanistan fest. Auch andere Grundnahrungsmittel sind teurer geworden. Durch die Corona-Pandemie sei die Lebensmittelversorgung von mehr als 14 Millionen Menschen gefährdet, hieß es.

Millionen Kinder von Hunger bedroht

Nach Angaben der Hilfsorganisation Save the Children sind in Afghanistan allein sieben Millionen Kinder in Folge der Corona-Pandemie von Hunger bedroht. Die größte Bedrohung sei nicht das Virus selbst, sondern der Hunger, der durch die Ausgangsbeschränkungen und den Zusammenbruch der Versorgungsketten entstehe, sagte Timothy Bishop, der Landesdirektor der Organisation in Afghanistan. Insbesondere in ländlichen Gebieten bestehe die Gefahr einer Hungersnot.

Doch auch das Coronavirus breitet sich immer weiter aus. Die Zahl der bestätigten Fälle liegt jetzt bei über 2300, knapp 70 Infizierte sind demnach gestorben. 300 so heißt es, seien genesen.

Die größte Welle könnte erst bevorstehen

Das afghanische Gesundheitsministerium erwartet, dass die größte Welle von Infektionen mit dem Corona-Virus erst noch bevorsteht. Nach Einschätzung der Vereinten Nationen benötigt Afghanistan in den nächsten drei Monaten mehr als 100 Millionen US-Dollar, allein um die Epidemie einzudämmen.

Für die knapp zehn Millionen Afghanen, die von Armut und Nahrungsmittelknappheit betroffen sind, sieht das UN-Programm zur Koordinierung humanitärer Hilfe mehr als 730 Millionen Dollar vor.

Ungeachtet der Corona-Pandemie gehen die Kämpfe in Afghanistan weiter. Allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres, sind nach Angaben der UN-Mission in Kabul UNAMA fast 1300 Zivilisten Opfer von Gewalt geworden. Davon seien mehr als 530 getötet und mehr als 760 verletzt worden. Besonders betroffen waren den Angaben zufolge Frauen und Kinder.

Keine Veröffentlichung der Daten über Angriffe

Die NATO hat unterdessen die Veröffentlichung von Daten über Angriffe der Taliban eingestellt. Man wolle die derzeit laufenden politischen Verhandlungen zwischen den USA und den Taliban nicht belasten, hieß es in einem Quartalsbericht des US-Generalinspekteurs für den Wiederaufbau in Afghanistan SIGAR.

Jonathan Hoffman, Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, sagt: "Die Entscheidung, diese Daten unter Verschluss zu halten, ist Teil unserer Bemühungen mit den Taliban, eine diplomatische Lösung zu finden und die Lage in Afghanistan zu verbessern.

Die Veröffentlichung von Angriffen würde diese Bemühungen nicht voranbringen. Damit geht eine der letzten Informationsquellen zur Einschätzung der Sicherheitslage in Afghanistan verloren.

Corona-humanitäre Katastrophe in Afghanistan
Bernd Musch-Borowska, ARD Neu-Delhi
03.05.2020 00:04 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 02. Mai 2020 um 18:26 Uhr.

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