Mitglieder der Taliban-Delegation nehmen an der Eröffnungssitzung der Friedensgespräche zwischen der afghanischen Regierung und den Taliban teil. | STRINGER/EPA-EFE/Shutterstock

Afghanistan-Gespräche in Doha Große Hoffnungen - aber viel Misstrauen

Stand: 12.09.2020 13:42 Uhr

Die Erwartungen sind hoch an die Friedensgespräche zwischen afghanischer Regierung und Taliban. Doch das Misstrauen ist ebenso tief. Gelingt dennoch der Durchbruch?

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi

Mit einer feierlichen Zeremonie und einer ganzen Reihe von Eröffnungsreden hat in Doha der innerafghanische Dialog begonnen. Die Taliban und eine Delegation, die von der afghanischen Regierung zusammengestellt wurde, beraten erstmals nach der von den USA geführten Militärintervention vor 19 Jahren über Frieden und über die Zukunft Afghanistans.

Bernd Musch-Borowska ARD-Studio Neu-Delhi

US-Außenminister Mike Pompeo, der nach Doha gereist war, um an der Eröffnungszeremonie teilzunehmen, forderte die Konfliktparteien auf, den historischen Moment für ein Ende des Krieges zu nutzen.

Harte Arbeit und viele Opfer waren notwendig, um diesen Moment zu ermöglichen. Und das wird auch notwendig sein, damit die Gespräche zu einem anhaltenden Frieden führen. Wenn alle Seiten ihr gemeinsames Interesse an einem vereinten Afghanistan in den Mittelpunkt stellen und dabei die Vielfalt der Gesellschaft respektieren, dann wird der Frieden auch möglich sein. Diese historischen Verhandlungen sollten zu einem Ergebnis führen, das unterschiedliche Auffassungen berücksichtigt und die Anwendung von Gewalt zur Durchsetzung von politischen Zielen ablehnt.

Große Hoffnungen

Der Vorsitzende des afghanischen Hohen Rats für Versöhnung, Abdullah Abdullah, bezeichnete den Beginn der Friedensgespräche in Doha als einen Moment, der in die Geschichte Afghanistans eingehen werde. "Wir sind mit gutem Willen und in guter Absicht nach Doha gekommen", sagte Abdullah, "um das Blutvergießen zu beenden und einen landesweiten und dauerhaften Frieden zu erreichen."

Der Beginn des Dialogs ist mit großen Hoffnungen verbunden. Ein Waffenstillstand hat aus Sicht der afghanischen Regierung oberste Priorität. Doch zahlreiche Experten zweifeln daran, dass dies so schnell erreicht werden kann.

Rolle der Frauen

Am Rande der Veranstaltung in Doha wurde immer wieder betont, dass zwischen den Konfliktparteien noch viel Misstrauen herrsche. Fawzia Koofi, eine von vier Frauen in der afghanischen Delegation, sagte einem Reporter des Fernsehsenders TOLO News, sie hoffe, dass die Taliban auch die Rechte der Frauen akzeptierten und die von Minderheiten, die alle Teil der afghanischen Gesellschaft seien.

Die Taliban hatten erst kürzlich ein Dokument veröffentlicht, in dem sie ihre Vorstellungen von einem Islamischen Emirat Afghanistan skizzierten. Wie das afghanische Fernsehen berichtete, sollen demnach Menschen- und Bürgerrechte, sowie Meinungs- und Pressefreiheit der islamischen Lehre untergeordnet werden. Die Regierung würde nicht durch Wahlen bestimmt, sondern ernannt, und an UN-Konventionen, die im Widerspruch zu islamischen Werten stehen, sei Afghanistan dann nicht mehr gebunden, heißt es in dem Dokument.

Taliban kämpfen weiter

Die Taliban seien ernsthaft an Frieden interessiert, so Taliban-Führer Mullah Abdul Ghani Baradar in seiner Rede bei der Eröffnung des Dialogs. Man werde alles tun, um dem Frieden in Afghanistan den Weg zu ebnen.

Bislang waren die Taliban zu einer Waffenruhe in Afghanistan nicht bereit. Seit dem Abkommen mit den USA wurden zwar keine NATO-Soldaten mehr getötet, den Kampf gegen die afghanischen Sicherheitskräfte haben die Taliban aber intensiv weitergeführt. Fernsehberichten zufolge gab es erst vor wenigen Tagen heftige Gefechte unter anderem in der Provinz Herat, wo die Taliban Sicherheitscheckpoints der Regierungstruppen angriffen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. September 2020 um 12:12 Uhr..