Zwei Männer sitzen in Kabul. | Bildquelle: AFP

Afghanistan Auftakt der Friedensgespräche in Doha

Stand: 12.09.2020 01:46 Uhr

In Doha beginnen am Vormittag die Friedensverhandlungen zwischen den Taliban und einer Delegation der afghanischen Regierung. Der sogenannte innerafghanische Dialog steht wegen fast täglicher Gewalt jedoch vor massiven Problemen.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Südasien

Zum ersten Mal sitzen heute die Taliban mit einer Delegation, die die afghanische Regierung zusammengestellt hat zusammen, um über die Zukunft Afghanistans zu sprechen. In Doha beginnt am Vormittag der seit langem erwartete sogenannte innerafghanische Dialog. Auf der einen Seite, die Taliban mit ihrem neuen Verhandlungsführer Maulawi Abdul Hakim Hakkani, und auf der anderen Seite, verschiedene Vertreter der afghanischen Gesellschaft, darunter Parlamentsabgeordnete, Hochschulprofessorinnen und Professoren sowie einzelne Mitglieder des Kabinetts von Präsident Ghani.

Direkte Gespräche mit der afghanischen Regierung lehnen die Taliban ab. Man gehe in die Gespräche mit der Hoffnung, dass beide Seiten erkannt haben, dass es keine militärische Lösung gebe, so der Vorsitzende des Hohen Rates für Nationale Versöhnung Abdullah Abdullah vor dem Abflug nach Doha. Man müsse diese Chance für Frieden nutzen, zum Wohle des afghanischen Volkes, so der Leiter der afghanischen Delegation.

Fast tägliche Gewalt erschwert Verhandlungen

Bei den Gesprächen in Doha stehen eine ganze Reihe von schwierigen Themen auf der Tagesordnung. Zum einen die anhaltende Gewalt in Afghanistan. Fast
täglich kommt es noch zu Anschlägen und Angriffen. Erst Anfang der Woche war Vizepräsident Amrullah Saleh nur knapp einem Attentat entgangen.

Außerdem müssen die künftigen Rechte von Frauen und Minderheiten in Afghanistan geklärt werden. Die Taliban wollen am Liebsten wieder ein islamisches Emirat errichten, mit der Scharia anstelle der jetzt geltenden Verfassung der Islamischen Republik Afghanistan. Fawzia Koofi, eine von vier Frauen in der afghanischen Delegation, will sich bei den Gesprächen in Doha speziell für die Rechte der Frauen einsetzen.

"Die afghanischen Frauen heute sind nicht die gleichen Frauen wie vor 20 Jahren. Sie sind selbstbewusst. Und egal, wo sie leben in Afghanistan, haben sie das Recht zu lernen und zu arbeiten. Sie können ihre Menschenrechte in Anspruch nehmen und werden respektiert."

Viele Zugeständnisse an die Taliban

Geklärt werden muss auch eine mögliche Integration der Taliban-Kämpfer in die regulären afghanischen Streitkräfte und das das Schicksal Zehntausender bewaffneter Kämpfer, die von verschiedenen Warlords angeführt werden.

Bei der im Februar mit den USA unterzeichneten Vereinbarung von Doha, hatten die Taliban zahlreiche ihrer Forderungen durchgesetzt, ohne selbst zu große Zugeständnisse zu machen. So wurden inzwischen fast alle Taliban-Kämpfer freigelassen und die besonders gefährlichen Anführer, denen schwere Anschläge mit vielen Toten vorgeworfen werden, wurden sogar mit nach Doha gebracht. Offenbar als Zugeständnis an die Taliban, damit der Dialog überhaupt zustande kommt. Frankreich und Australien hatten vergeblich versucht, deren Freilassung zu verhindern.

US-Truppenabzug schreitet voran

Auch der Abzug der US-Truppen aus Afghanistan ist schon weit fortgeschritten. Gestern kündigte US-Präsident Donald Trump eine weitere Reduzierung der US-Truppen in Afghanistan an, von derzeit rund 8.500 auf 4.000. US-Außenminister Mike Pompeo, der inzwischen ebenfalls in Doha angekommen ist, um bei dem wie er es nannte historischen Treffen dabei zu sein, knüpfte bei einem Pressebriefing während des Fluges den vollständigen Abzug der US-Truppen aber an Bedingungen.

"Die Taliban haben eine ganze Reihe von Zusagen gemacht, und wir haben die Erwartung, dass sie die auch einhalten. Unsere Zusage, die US-Truppen vollständig aus Afghanistan abzuziehen, ist an die Bedingung geknüpft, dass sie ihren Teil der Vereinbarung umsetzen."

Die Erwartungen an den innerafghanischen Dialog sind groß. Vor allem hoffen Millionen Afghanen, nach Jahrzehnten von Krieg und Terror auf ein Ende der Gewalt. Nach Einschätzung der UN-Mission in Afghanistan haben die Unterhändler in Doha die einmalige Chance, das Leben vieler ihrer Landsleute zu retten und das Land aus Armut und Elend zu befreien.

Afghanistan: Auftakt-Gespräche in Doha
Bernd Musch-Borowska, ARD Neu-Delhi
12.09.2020 00:07 Uhr

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Über dieses Thema berichtete am 12. September 2020 die tagesschau um 09:50 Uhr und Inforadio um 10:08 Uhr.

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