Beisetzung eines Opfers des Anschlags | AP

Afghanistan Friedensgespräche inmitten neuer Gewalt

Stand: 17.12.2020 15:45 Uhr

Während die Opfer der Anschläge vom Wochenende beigesetzt werden, gehen die Friedensgespräche mit den Taliban in Afghanistan weiter. Eine wirkliche Einigung ist jedoch mehr als fraglich.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Südasien

Nach dem schweren Anschlag in Kabul, bei dem Dutzende Schülerinnen und Schüler ums Leben gekommen waren, wurden gestern die ersten Opfer beigesetzt. Auf einem Friedhof am Rande der afghanischen Hauptstadt versammelten sich Angehörige und beteten für die Jungen und Mädchen, die durch den Sprengsatz eines Selbstmordattentäters der Terrororganisation islamischer Staat getötet wurden. Er hatte sich in einer engen Gasse vor einer Bildungseinrichtung im schiitischen Stadtteil Dascht-e Bartschi in die Luft gesprengt.

Bernd Musch-Borowska ARD-Studio Neu-Delhi
Anwohner versammeln sich am Ort eines Selbstmordanschlages in der afghanischen Hauptstadt Kabul. | AFP

Bei dem Selbstmordattentat wurden viele Schülerinnen und Schüler getötet. Bild: AFP

Die Opfer: vor allem Schülerinnen und Schüler - Trauer bei den Hinterbliebenen: "Mein Cousin hatte so große Pläne für seine Zukunft und jetzt wurde er durch diesen brutalen Anschlag getötet. Er war ein fleißiger Schüler und so talentiert", erzählt einer von ihnen.

Religiöse Minderheit besonders betroffen

Die Familien der Opfer gehören der Minderheit der Hazara an. Sie bilden nach den Paschtunen und Tadschiken die drittgrößte ethnische Gruppe Afghanistans. Sie sind Schiiten und sind deshalb immer wieder Ziel von Anschlägen der Terrormiliz "Islamischer Staat". Aber auch der Taliban, deren Anhänger zumeist der sunnitischen Auslegung des Koran folgen.

Die deutsche Gesellschaft für bedrohte Völker forderte nach dem Anschlag in Kabul mehr Schutz für die religiösen Minderheiten in Afghanistan. Deren Interessen würden beiden Friedensgesprächen in Doha nicht ausreichend berücksichtigt, hieß es. Und auch die Hazara verlangen mehr Schutz von ihrer Regierung. "Wenn die Regierung nicht für Sicherheit sorgen könne, dann solle sie lieber zurücktreten, sagte Mohammad Jawad, ein Angehöriger eines der Opfer.

Neue Gewalt trotz Friedensgesprächen

Obwohl vor rund sechs Wochen in Doha der innerafghanische Dialog begonnen hat, bei dem die Taliban und eine Delegation, die die afghanische Regierung zusammengestellt hat, über Frieden in Afghanistan beraten, hat die Gewalt im Land seitdem deutlich zugenommen.

In einem Bericht an den UN-Sicherheitsrat stellte eine Beobachtungsgruppe der Vereinten Nationen im Mai dieses Jahres fest, dass sich noch rund 2200 Kämpfer des "Islamischen Staates" in Afghanistan aufhielten. Sie seien zwar aus vielen ihrer Rückzugsgebiete verdrängt worden, aber nach wie vor in der Lage, Anschläge zu verüben.

Auch die Terror-Organisation Al-Kaida sei mitsamt ihrer Führung nach wie vor präsent am Hindukusch. Und es gebe enge Verbindungen mit verschiedenen Taliban-Gruppierungen, u.a. dem Haqqani-Netzwerk, das für zahlreiche schwere Anschläge in der Vergangenheit verantwortlich war.

Der afghanische Geheimdienst meldete am Wochenende die Tötung eines ranghohen Al-Kaida-Mitglieds. Abu Muhsin Al-Masri sei der stellvertretende Befehlshaber der Terror-Organisation für den indischen Subkontinent gewesen, hieß es in der Mitteilung, die per Twitter verbreitet wurde. Das US-Justizministerium habe Al-Masri 2018 auf der Liste der am meisten gesuchten Terroristen geführt.

Grundsätzliche Fragen noch ungeklärt

Bei den Gesprächen in Doha gibt es nach wie vor Streit um Grundsatzfragen, etwa die Auslegung des islamischen Rechts. Die Taliban bestehen auf der sunnitischen Version der Scharia. Die geltende afghanische Verfassung berücksichtigt hingegen die Interessen aller ethnischen und religiösen Gruppen, ihre religiöse Interpretation zugrunde zu legen.

Ob sich die Taliban bei den Gesprächen in Doha mit ihren Forderungen durchsetzen, ist noch ungewiss. Doch mit ihren Angriffen auf Regierungstruppen und zahlreiche öffentliche Einrichtungen in den vergangenen Wochen, haben sie versucht, ihre Verhandlungsposition zu stärken.

Wie das afghanische Fernsehen unter Berufung auf das Innenministerium berichtete, gab es allein in der vergangenen Woche mehr als 350 Angriffe der Taliban, darunter zwei Selbstmordanschläge und mehr als 50 Sprengstoffattentate. Mehr als 50 Zivilisten seien dabei ums Leben gekommen, hieß es.

Bei Gegenangriffen der afghanischen Sicherheitskräfte seien mehr als 400 Taliban getötet worden. Unabhängige Bestätigungen für die Zahlenangaben gibt es nicht.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 26. Oktober 2020 um 05:25 Uhr.