Verwandte tragen den Sarg eines bei einem Bombenanschlag in der afghanischen Provinz Ghazni getöteten Zivilisten. | Bildquelle: AFP

Trotz Friedensgesprächen Viele Tote bei Anschlägen in Afghanistan

Stand: 24.10.2020 18:36 Uhr

Während Taliban und Regierungsvertreter über Frieden sprechen, geht der Konflikt in Afghanistan weiter. Im Osten des Landes sterben bei einer Bombenexplosion neun Zivilisten. In Kabul tötet ein Selbstmordattentäter mehrere Schüler.

Bei Anschlägen in Afghanistan sind fast 30 Menschen getötet und zahlreiche weitere verletzt worden. In der Hauptstadt Kabul wollte sich ein Selbstmordattentäter Zugang zu einem Bildungszentrum im westlichen Stadtteil Dascht-e Bartschi verschaffen und wurde dabei von Sicherheitskräften entdeckt. Nach Angaben des Innenministeriums sprengte sich der Mann daraufhin in einer Gasse in die Luft. Er riss dabei mindestens 18 Menschen mit in den Tod. Viele von ihnen seien Schülerinnen und Schüler des Zentrums gewesen. Weitere 57 hätten nach Behördenangaben Verletzungen erlitten.

Abdullah Abdullah, Vorsitzender des afghanischen Hohen Rats für Versöhnung, verurteilte den Angriff aufs Schärfste. "Feige und gottlose Terroristen haben durch diesen Angriff auf unschuldige Kinder und Studenten gezeigt, dass sie sich an keine Religion oder Prinzipien halten", sagte Abdullah einer Mitteilung zufolge.

Die Terrormiliz IS reklamierte den Anschlag für sich. Ein "Märtyrer-Ritter" habe einen Sprengstoffgürtel in einer Ansammlung von Schiiten gezündet, teilte der IS auf seiner Plattform Naschir News mit.

Elf Tote im Osten des Landes

Die militant-islamistischen Taliban hatten umgehend dementiert für das Selbstmordattentat verantwortlich zu sein. Sie verhandeln mit einer Delegation in der katarischen Hauptstadt Doha seit September über Frieden. Doch die Gewalt geht im Land weiter, vor allem in den Provinzen sterben bei Gefechten noch immer viele Menschen.

So waren am selben Tag zuvor in der östlichen Provinz Ghazni neun Menschen von einer Bombe am Straßenrand getötet worden. Der Sprengkörper explodierte, als ein Kleinbus vorbeigefahren sei, sagte ein Polizeisprecher der Provinz. Als Polizisten zu Hilfe eilten, sei ein zweiter Sprengsatz hochgegangen und habe zwei Beamte getötet. Medien sprechen zudem von vier verletzten Sicherheitskräften. Zu diesem Anschlag bekannte sich keine Gruppe, der Polizeisprecher machte aber die Taliban verantwortlich.

Blutige Woche in Afghanistan

Die radikal-islamische Gruppierung nutzt die Anschläge als Druckmittel in den Verhandlungen. Der US-Sondergesandte für Afghanistan, Zalmay Khalilzad, warnte diese Woche vor einer Gefährdung des Friedensprozesses durch die Gewalt. Am Freitag meldete Amnesty International, dass allein in der vergangenen Woche in Afghanistan mindestens 50 Menschen bei Angriffen getötet worden seien. Die Menschenrechtsorganisation beschuldigte die Konfliktparteien, die Zivilbevölkerung nicht ausreichend zu schützen. 

"Die Welt muss sich aufrichten und zur Kenntnis nehmen: Täglich werden afghanische Zivilisten abgeschlachtet", sagte Omar Waraich, Südasien-Koordinator bei Amnesty. Er forderte die internationale Gemeinschaft auf, den Schutz der Zivilbevölkerung "zu einer Kernforderung für ihre Unterstützung des Friedensprozesses zu machen". Kritik hatte es diese Woche auch an den afghanischen Behörden gegeben, nachdem am Mittwoch bei einem Luftangriff der Armee in der nordöstlichen Provinz Tachar elf Kinder getötet worden waren. Die Regierung in Kabul wies die Kritik zurück und erklärte, alle Getöteten seien Taliban-Kämpfer gewesen.

Das Dilemma der NATO

Vor dem Hintergrund der Entwicklung in Afghanistan, sieht sich die NATO nach Einschätzung von Generalsekretär Jens Stoltenberg in einem Dilemma. Bei einem zu schnellen Abzug aller ausländischen Truppen vom Hindukusch könnte Afghanistan sehr schnell wieder Rückzugsort für Terroristen werden, sagte Stoltenberg bei einer Videokonferenz der NATO-Verteidigungsminister. Blieben die NATO-Truppen jedoch in Afghanistan, wäre der innerafghanische Friedensprozess in Gefahr, denn die Taliban bestehen darauf, dass alle ausländischen Truppen das Land verlassen.

Mit Informationen vom Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi

Dutzende Tote bei Selbstmordanschlag des IS in Kabul
B. Musch-Borowska, ARD Neu-Delhi
25.10.2020 07:56 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell Radio am 24. Oktober 2020 um 19:13 Uhr.

Darstellung: