Indira-Ghandi-Krankenhaus in Kabul

Säuglingssterblichkeit Tägliche Dramen in Kabuls Kinderklinik

Stand: 20.02.2018 17:50 Uhr

Der Kampf ums eigene Überleben beginnt für Millionen Menschen in armen Ländern schon am Tag ihrer Geburt. Vor allem in Afghanistan sind Babys in Gefahr. Ein Besuch auf einer Säuglingsstation in Kabul.

Von Jürgen Webermann, ARD-Studio Neu-Delhi

Die Neugeborenenstation im Kinderkrankenhaus in Kabul besteht aus einem kleinen Flur und vier kleinen Räumen, die voll besetzt sind. Zwei, manchmal auch drei Säuglinge müssen sich die Bettchen teilen.

Aisha steht vor einem der Bettchen. Sie stammt aus Ghazni, einer Provinz südlich von Kabul. Safam, ihre Tochter, liegt darin. Ein Frühchen. Eigentlich ein Zwilling, doch Safams Bruder ist 14 Tage nach der Geburt an Husten gestorben. Auch Safam hat Husten.

"Wir sind mit ihr in die Ambulanz unseres Distrikts gegangen", sagt ihre Mutter. Doch dort habe man ihnen nicht helfen können und sie nach Kabul weiterverwiesen. "Es war sehr schwierig", sagt Aisha. "Wir mussten mehrere Stunden warten, bis das Taxi nach Kabul voll besetzt war und starten konnte. Und weil es hier überfüllt ist, konnte man uns hier erst nicht einlassen."

32 tote Säuglinge in nur einer Woche

Das Indira-Gandhi-Kinderkrankenhaus ist das einzige seiner Art in Afghanistan. Täglich spielen sich auf der Neugeborenen-Station Dramen ab. Mitte September war es besonders schlimm. Damals starben 32 Säuglinge in nur einer Woche. Doktor Muman ist einer der leitenden Kinderärzte: "Das ist schrecklich, für unsere Gesellschaft, für die Regierung", sagt er. Die Babys hätten ein Recht zu leben. "Wir stehen hier fassungslos vor diesen Problemen und beten zu Gott, dass er die Probleme in unserem Land lösen kann."

Zwar hat Doktor Muman auch ganz andere Zeiten erlebt, in den 1990-er Jahren, als die Taliban herrschten, eine Hungersnot drohte und er nicht mal sauberes Wasser für seine Patienten hatte. Aber seit dem Sturz der Taliban versuche er, auf die Probleme aufmerksam zu machen.

Säuglingsstation im Krankenhaus in Afghanistan
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Viele Mütte müssen stundenlang anreisen, weil es in ihren Distrikten keine Versorgung für Säuglinge gibt.

Laut der Weltgesundheitsorganisation gibt es in Afghanistan mehr als 2200 Ambulanzen, die für den Großteil der Menschen auch erreichbar sind. Gut die Hälfte davon ist laut einer Studie einer afghanischen Anti-Korruptions-Organisation in katastrophalem Zustand: Mangelnde Stromversorgung, miese hygienische Bedingungen und oft auch mangelnde Sicherheit - das sind die Alltagsprobleme.

Ärzte geraten zwischen Fronten

In diesem Jahr mussten mehr als 130 Ambulanzen zwischenzeitlich wegen anhaltender Kämpfe schließen, bestätigt Najibullah Safi von der Weltgesundheitsorganisation. In der Provinz Nangahar seien die Ambulanzmitarbeiter bedroht worden. "Wir konnten das Problem schnell lösen", sagt Safi, "anderswo verlangen die Extremisten einen Extraservice. Zum Beispiel einen Operationssaal, den es aber in den Ambulanzen nicht gibt."

Und so geraten Ambulanzen und auch Krankenhäuser immer wieder zwischen die Fronten. Die Armee toleriert es nicht, wenn Talibankämpfer dort behandelt werden. Die Taliban aber kontrollieren viele Distrikte in Afghanistan.

Auch internationale Organisationen geraten seit Jahren zwischen die Fronten. Selbst das Internationale Rote Kreuz hat im Oktober Büros in Kundus geschlossen und in Mazar-i-Sharif in Nordafghanistan verkleinert, nachdem mehrere Mitarbeiter ermordet worden waren.

Gefährlich lange Wege

So müssen Mütter wie Hadima den gefährlichen Weg nach Kabul auf sich nehmen. Hadimas Tochter Hadidscha ist acht Tage alt und leidet vermutlich unter Herzproblemen. Hadima ist aus der Provinz Gardez. Das Krankenhaus in Kabul sei ihre letzte Chance. "Daheim können sich die Taliban frei bewegen. Wir sind ihnen ausgeliefert."

Doktor Muman in Kabul kennt diese Probleme. Aber er findet, dass trotz dessen der Ausbau der Gesundheitsversorgung möglich wäre: "Wir brauchen hier im Krankenhaus mehr Platz, mehr Personal, mehr Ausrüstung. Und Krankenhäuser in den Provinzen, die sich auch auf Säuglinge spezialisieren können."

Warum so viele Säuglinge in Afghanistan sterben
Jürgen Webermann, ARD Neu-Delhi
20.02.2018 16:58 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 20. Februar 2018 um 12:36 Uhr.

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