"Friedhof für Menschen ohne Angehörige" in der türkischen Provinz Van | Bildquelle: ARD-Studio Istanbul

Afghanen in der Türkei Der Friedhof der Namenlosen

Stand: 18.01.2020 09:55 Uhr

Sie leben oft in der Illegalität, haben kaum Geld und wenn sie sterben, erfährt keiner ihren Namen: afghanische Flüchtlinge in der Türkei. In den letzten zwei Jahren ist ihre Gruppe immer größer geworden.

Von Katharina Willinger, ARD-Studio Istanbul

Die türkische Provinz Van an der iranischen Grenze versinkt in den Wintermonaten im Schnee. Genau in dieser Gegend spielen sich derzeit Dramen ab, von denen die Welt kaum etwas mitbekommt. 

Mahdi Sultani ist vor vier Jahren über den Iran aus Afghanistan in die Türkei geflohen. Mittlerweile kümmert er sich ehrenamtlich um andere afghanische Flüchtlinge. Er zeigt einen Ort, den er selbst erst vor wenigen Monaten entdeckt hat: einen Friedhof. Hier liegen Menschen begraben, die ihr Leben auf der Flucht verloren haben - die meisten waren Afghanen. Als er diesen Friedhof das erste Mal sah, sei er fast leer gewesen, erzählt Mahdi. "Jetzt liegen hier so viele Menschen begraben. Der Friedhof fing da vorne an, mit zwei, drei Gräbern."

Hoffnung auf Sicherheit und ein besseres Leben

Viele Afghanen versuchen vor allem im Winter ihr Glück. Sie gehen illegal über die grüne Grenze und hoffen, dass es aufgrund der Witterung weniger Grenzbeamte gibt. Der Weg über die Berge ist gefährlich. Immer wieder stürzen Menschen in die Tiefe oder erfrieren. Dennoch, sagt Mahdi, kämen derzeit immer mehr - aus Angst vor Krieg und Terror in ihrer Heimat. "Die Situation in Afghanistan ist furchtbar und sie wird leider immer schlimmer. Die Menschen verlassen das Land. Sie hoffen auf Sicherheit und ein besseres Leben."

Mahdi Sultani | Bildquelle: ARD-Studio Istanbul
galerie

Afghane Mahdi Sultani kümmert sich ehrenamtlich um andere afghanische Flüchtlinge.

Etwa 1000 Kilometer östlich liegt Irans Hauptstadt Teheran. Jahrzehntelang war die Islamische Republik Zufluchtsort für Hunderttausende Afghanen. Doch mittlerweile können sich die meisten dort nicht mehr über Wasser halten. US-Sanktionen und krasse Misswirtschaft setzen der iranischen Wirtschaft zu. Teheran reagiert, indem es Afghanen massenhaft ins östliche Nachbarland ausweist.

Angaben der Internationalen Organisation für Migration zufolge haben im vergangenen Jahr mehr als 450.000 Afghanen den Iran Richtung Afghanistan verlassen. Mehr als 254.000 wurden zur Ausreise gezwungen. Um diesem Schicksal zu entgehen, ziehen immer mehr Afghanen weiter Richtung Westen. Erste Station ihrer Reise ist die Türkei. 

Die ständige Angst vor der Abschiebung

In Van ist Mahdi mit einem Bekannten unterwegs zu einer afghanischen Familie, die erst vor wenigen Tagen in der Türkei angekommen ist. Die erschöpften Afghanen sind vorübergehend im Keller einer türkischen Familie untergebracht.

Ihr Dorf, erzählt der sichtlich mitgenommene Familienvater, sei von den Taliban besetzt worden. "Sie haben uns alles genommen, die Felder, den Hof. Sie wollten auch meine Tochter. Ich habe meine Schuhe und die Sachen der Kinder verkauft und bin mit ihnen aus Afghanistan geflohen." Nun seien sie ohne Geld, klagt seine Frau, und könnten sich nicht einmal etwas zu essen kaufen. "Heute haben wir uns von jemandem fünf Lira geliehen. Aber dieser Mann hat selbst nichts. Ich schäme mich. Wir wissen nicht, was wir tun sollen." 

Der Raum, in dem die Familie schlafen wird, ist eiskalt. Es gibt keine Heizung. Mahdi will der Familie so schnell es geht Decken besorgen. Meldet sich die Familie bei den türkischen Behörden, droht ihnen die Abschiebung.  "Die Menschen kommen hier an und sind völlig mittellos. Sie haben nicht einmal Geld, um sich ein Frühstück zu kaufen. Sie sind völlig handlungsunfähig. Es wäre die Aufgabe von Hilfsorganisationen und den Vereinten Nationen, sich um sie zu kümmern."

Unterstützung für syrische Flüchtlinge

Mitte Dezember hatten die Vereinten Nationen zum Globalen Flüchtlingsgipfel geladen. Mitveranstalter war die türkische Regierung. Es ging vor allem um die syrischen Flüchtlinge in der Türkei. Für sie stellt Brüssel Geld und Hilfe zur Verfügung. Aber den Afghanen hilft niemand. Bis vor anderthalb Jahren konnten diese zumindest über das Flüchtlingshilfswerk der UN, kurz UNHCR, einen Schutzstatus in der Türkei beantragen. Im September 2018 wurde die Antragstellung an türkische Behörden übergeben. Die, so der Vorwurf von Menschenrechtsorganisationen, würden Afghanen aber in vielen Fällen einfach abweisen.

Mahdi Sultani kann das Vorgehen des UNHCR nicht nachvollziehen. Er selbst hat den Schutzstatus noch erhalten. "Doch was ist mit all den anderen?", fragt er. "Weshalb zieht sich auch die EU aus der Verantwortung?"

"Friedhof für Menschen ohne Angehörige" in der türkischen Provinz Van | Bildquelle: ARD-Studio Istanbul
galerie

Die Gräber der Afghanen auf dem Friedhof in Van tragen keine Namen.

Neues Grab für einen Namenlosen

Auf den Friedhof der Namenlosen in Van kommen plötzlich Friedhofsmitarbeiter, um ein frisches Grab auszuheben. Für wen, können sie nicht sagen. Keine Behörde, kein Verwandter wird je erfahren, wer an diesem Tag in der dunklen Erde von Van seine letzte Ruhestätte gefunden hat.

"Vielleicht warten in Afghanistan Familien darauf, dass der Sohn anruft. Und dabei liegt er hier namenlos auf diesem Friedhof begraben", überlegt Mahdi ernst. "Wenn ich daran denke, werde ich sehr traurig und mir tut es weh, unter welch schlimmen Umständen die Flüchtlinge leben müssen, die es hierher schaffen." 

Auf dem Schild vor dem Gräberfeld steht: "Friedhof für Menschen ohne Angehörige". Für Mahdi ist dieser Ort ein grausames Dokument der Fluchtbewegung im 21. Jahrhundert. 

Mitarbeit von Reinhard Baumgarten

Über dieses Thema berichtete das Erste im Europamagazin am 19. Januar 2020 um 12:45 Uhr.

Darstellung: