Ein bewaffneter Mann in der Nähe des äthiopischen Dorfes Tekeldengy. | Bildquelle: AFP

Sechs Tote bei Kämpfen Äthiopien droht ein Bürgerkrieg

Stand: 08.11.2020 17:07 Uhr

Mit großer Sorge blicken internationale Experten nach Äthiopien. Bei Kämpfen starben mindestens sechs Menschen, es droht ein Bürgerkrieg. Die Vereinten Nationen und Papst Franziskus äußerten sich besorgt.

In Äthiopien nimmt die Gefahr eines Bürgerkriegs weiter zu. Bei einer Militäroffensive der äthiopischen Regierung in der Region Tigray gegen eine Oppositionsgruppe sind nach Angaben der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen an einem Grenzort sechs Menschen getötet worden. Mindestens 60 weitere seien verletzt worden. Die Vereinten Nationen warnten vor einer großen humanitären Krise.

Neun Millionen Menschen liefen Gefahr, vertrieben zu werden, erklärte die UN-Behörde für die Koordination Humanitärer Angelegenheiten OCHA. Angesichts des herrschenden Ausnahmezustands sei zudem die Versorgung mit lebensnotwendigen Gütern in der Region nicht mehr gesichert. In Tigray seien rund 600.000 Menschen von Lebensmittellieferungen abhängig. Rund eine Million Menschen sei insgesamt von Unterstützung von Außen angewiesen.

Abiy Ahmed Ali erhält den Friedensnobelpreis | Bildquelle: Hakon Mosvold Larsen/POOL/EPA-EF
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Ministerpräsident Abiy wurde für seine Bemühungen um eine Aussöhnung mit Eritrea 2019 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Er hat Äthiopien wirtschaftlich und politisch geöffnet, die ethnischen Unruhen aber nicht in den Griff bekommen.

Abiy tauscht Armeechef und Geheimdienstchef aus

Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmed bildete inmitten der militärischen Offensive seine Regierung um. Er ersetzte den Armeechef, den Geheimdienstchef und den Außenminister ohne Angabe von Gründen.

Abiy verfolgt im Umgang mit der abtrünnigen Region Tigray im Norden des Landes eine harte Linie und hat das Militär in das Gebiet geschickt. Er kündigte weitere Luftangriffe an. "Unser Einsatz zielt darauf ab, die schon viel zu lang andauernde Gesetzlosigkeit zu beenden und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen", erklärte Abiy auf Twitter.

Parlament setzt Regionalregierung ab

Er verteidigte erneut das militärische Vorgehen gegen die in Tigray regierende Volksbefreiungsfront TPLF, die bis zu seinem Amtsantritt 2018 ein Machtfaktor in ganz Äthiopien war. Tigray müsse dazu gebracht werden, sich wieder an äthiopisches Recht und Gesetz zu halten.

Die Kommunikationsverbindungen nach Tigray sind unterbrochen. Am Samstag beschloss das Oberhaus des Parlaments in Addis Abeba die Absetzung der Regionalregierung von Tigray. Sie gab Abiy damit freie Hand, dort eine Übergangsregierung einzusetzen und gegen die TPLF militärisch vorzugehen.

Papst betet für friedliche Lösung

Wegen der Eskalation wachsen Befürchtungen, dass nicht nur das Land mit seinen 110 Millionen Bewohnern, sondern die gesamte Region am Horn von Afrika destabilisiert werden könnte. Der Sudan schloss als Vorsichtsmaßnahme bereits seine Grenzen zu Äthiopien. Analysten und Beobachter befürchten von dem Konflikt katastrophale Folgen auch für Eritrea und Somalia.

Papst Franziskus äußerte sich besorgt über die Lage in Äthiopien. "Ich fordere alle eindringlich auf, der Versuchung der bewaffneten Konfrontation zu widerstehen", sagte das Kirchenoberhaupt beim Mittagsgebet auf dem Petersplatz im Vatikan. Er lade "zu Gebet und brüderlichem Respekt, zu Dialog und zur friedlichen Lösung der Auseinandersetzungen ein".

Menschen stehen Schlange an den Bussen in Addis Abeba. | Bildquelle: AP
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Ein Bürgerkrieg in Äthiopien - hier die Hauptstadt Addis Abeba - könnte auch die Nachbarländer Sudan, Eritrea und Somalia destabilisieren.

Guterres und Maas fordern Deeskalation

UN-Chef Antonio Guterres rief zur sofortigen Deeskalation auf. "Die Stabilität in Äthiopien ist wichtig für die gesamte Region am Horn von Afrika", schrieb Guterres auf Twitter. Auch die Afrikanische Union sprach von einer "sehr heiklen" Situation. Ähnliche Warnungen kamen von US-Außenminister Mike Pompeo und seinem deutschen Kollegen Heiko Maas.

Abiy ist seit April 2018 Ministerpräsident Äthiopiens. Der von ihm gebildeten Einheitsregierung trat die TPLF seinerzeit nicht bei. Die Spannungen mit der TPLF nehmen seit September zu, als in Tigray gewählt wurde, was die Zentralregierung als illegal bezeichnete. Seitdem werfen sich beide Seiten vor, einen militärischen Konflikt heraufzubeschwören.

Ein Polizist an einem Wachposten am Wahltag im äthiopischen Bundesstaat Tigray (Archivbild vom 9.09.2020). | Bildquelle: AFP
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Seit der Wahl in der Region Tigray im September haben die Spannungen zugenommen. (Archivbild vom 09.09.2020).

Abiy wurde für seine Bemühungen um eine Aussöhnung mit dem benachbarten Eritrea 2019 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Er hat Äthiopien zudem wirtschaftlich und politisch geöffnet, die ethnischen Unruhen aber nicht in den Griff bekommen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. November 2020 um 22:00 Uhr.

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