Flüchtlinge | Bildquelle: REUTERS

Krise in Äthiopien UN befürchten Hunderttausende Flüchtlinge

Stand: 20.11.2020 13:49 Uhr

Die Situation in der umkämpften Region Tigray im Norden Äthiopiens wird immer dramatischer. Nun schlagen die Vereinten Nationen Alarm. Sie rechnen mit 200.000 äthiopischen Flüchtlingen im benachbarten Sudan.

Die Krise in der umkämpften Region Tigray spitzt sich weiter dramatisch zu. Durch den militärischen Vormarsch der äthiopischen Regierung gegen die Region Tigray rechnen die Vereinten Nationen (UN) in den kommenden sechs Monaten mit Hunderttausenden äthiopischen Flüchtlingen im Sudan.

Derzeit befänden sich bereits gut 31.000 Menschen auf der Flucht, sagte der Vertreter des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR, Axel Bisschop, in Genf. "Die neue Zahl, mit der wir planen, ist 200.000." Das UNHCR forderte einen sofortigen vorübergehenden Waffenstillstand, um Korridore für Hilfen zu ermöglichen.

Viele Kinder, viele Schwangere auf der Flucht

Die UN-Organisationen brauchen für die direkte Nothilfe dringend 50 Millionen Dollar. "Wenn wir nicht schnell reagieren, könnte nicht nur Äthiopien, sondern auch Sudan zerfallen", warnte Abdullah Fadil vom UN-Kinderhilfswerk UNICEF. Durch die Corona-Krise erlebe Sudan selbst bereits eine beispiellose Wirtschaftskrise. Jeden Tag kämen 4000 bis 5000 Menschen über die Grenze, die vor dem Konflikt in Äthiopien in das nördliche Nachbarland flüchteten.

Angesichts der miserablen sanitären Bedingungen befürchtet UNICEF den Ausbruch von Krankheiten. Die Hälfte der Geflohenen seien Kinder. Unter den 31.000 Flüchtlingen im Sudan seien aber auch viele schwangere Frauen, sagte Hameed Nuru vom World Food Programm. Innerhalb der vergangenen Tage seien in einem Flüchtlingslager zwölf Babys zur Welt bekommen. Es seien genügend Nahrungsmittel für 60.000 Menschen für einen Monat vor Ort, aber die Organisationen gingen davon aus, dass das nicht reiche.

Bundesregierung will Hilfen um fünf Millionen Euro aufstocken

Angesichts der humanitären Lage will die Bundesregierung in der nordäthiopischen Krisenregion Tigray ihre Hilfe aufstocken. "Äthiopien und seine Nachbarländer hatten dieses Jahr bereits schwer mit Überschwemmungen, Heuschrecken und Covid-19 zu kämpfen", sagte Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD). Hinzu komme jetzt der bewaffnete Konflikt in der Region.

Um auf die Notlage zu reagieren und lebensrettende Hilfe zu leisten, habe die Bundesregierung nun entschieden, die humanitäre Hilfe für Äthiopien nochmals um fünf Millionen Euro zu verstärken, so der Minister. "Diese Mittel stellen wir dem humanitären Länderfonds und damit Helferinnen und Helfern vor Ort zur Verfügung, um Menschen, die ihre Häuser verloren haben oder vor den Kämpfen auf der Flucht sind, zu versorgen", sagte Maas.

Raketen schlagen in der Nachbarregion Amhara ein

Unterdessen schlugen Raketen aus der Region Tigray in der Hauptstadt der Nachbarregion Amhara ein. Die dortige Regionalregierung teilte mit, bei den Angriffen habe es keine Opfer gegeben. Augenzeugen berichteten von zwei Explosionen, mindestens eine Rakete sei in der Nähe des Flughafens von Bahir Dar niedergegangen.

Vor etwa zwei Wochen war in Tigray ein militärischer Konflikt zwischen der Regierung in Addis Abeba und der Volksbefreiungsfront von Tigray TPLF ausgebrochen. Hunderte, wenn nicht Tausende Menschen wurden getötet. Auslöser der Kämpfe ist nach Darstellung der Regierung in ein bewaffneter Angriff von TPLF-Kräften auf in Tigray stationierte Regierungstruppen. Ministerpräsident Abiy Ahmed - der 2019 den Friedensnobelpreis erhielt - wirft der in Tigray regierenden TPLF vor, einen bewaffneten Aufstand angezettelt zu haben. Die Partei dagegen hält Abiy vor, er verfolge sie und vertreibe ihre Politiker von Regierungs- und Sicherheitsposten.

Die TPLF und viele Menschen in Tigray fühlen sich von der Zentralregierung nicht vertreten und wünschen sich größere Autonomie. Unter Abiy haben ethnische Spannungen in dem Vielvölkerstaat mit rund 112 Millionen Einwohnern zugenommen. Bereits vor dem Konflikt waren in Äthiopien fast 20 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen.

Über dieses Thema berichteten NDR Info und Deutschlandfunk am 20. November 2020 um 13:00 Uhr in den Nachrichten.

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