Massaker bei Mai Kadra in Äthiopien | Bildquelle: AFP

Konflikt in Äthiopien Berichte über Massaker in Tigray

Stand: 24.11.2020 19:45 Uhr

Der Konflikt um die äthiopische Region Tigray eskaliert zusehends. Menschenrechtsorganisationen berichten von einem Massaker an hunderten Zivilisten. Die Vereinten Nationen mahnen eindringlich, die Zivilbevölkerung zu schützen.

In der umkämpften äthiopischen Region Tigray sind offenbar zahlreiche Zivilisten getötet worden. Die äthiopische Menschenrechtskommission EHRC berichtet von mindestens 600 Todesopfern. Verantwortlich für das Massaker in der Stadt Mai-Kadra sei die Tigrayer Jugendorganisation Samri gewesen. Bei den Opfern handele es sich um Saisonarbeiter.

Nach Angaben von EHRC gingen die Angreifer äußert brutal vor: Sie hätten "hunderte Menschen getötet", indem sie mit Schlagstöcken auf sie einprügelten oder mit Messern, Macheten und Beilen auf sie losgegangen seien. Stattgefunden habe das Verbrechen bereits am 9. November, die Bestattung der Leichen habe Tage gedauert. Die EHRC ist ein unabhängiges Gremium, das der Regierung jedoch nahesteht. Zuvor hatte bereits die Menschenrechtsorganisation Amnesty International von einem Massaker in Mai-Kadra berichtet, allerdings offengelassen, wer für die Tat verantwortlich war.

Massaker bei Mai Kadra in Äthiopien | Bildquelle: AFP
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Ein Mann bedeckt Mund und Nase, während er Journalisten eine Grube zeigt, in die Leichen geworfen wurden.

Ultimatum läuft aus

In dem Konflikt um die Region im Norden des Landes bekämpfen sich die Regierungspartei von Tigray, die Volksbefreiungsfront TPLF und die Armee der äthiopischen Zentralregierung in Addis Abeba. Äthiopiens Regierungschef, der Friedensnobelpreisträger Abiy Ahmed, hat der TPLF ein Ultimatum gestellt. Sollte die Volksbefreiungsfront nicht bis zu diesem Mittwoch aufgeben, werde die Armee in die Region einmarschieren. Bei einem Angriff auf die Regionalhauptstadt Mekele werde es dann auf die Zivilbevölkerung keine Gnade geben. Die Armee verkündete, sie habe Mekele bereits eingekesselt und sei bereit für den Großangriff.

Die TPLF lehnte es ab, dem Ultimatum Folge zu leisten und erklärte, Regierungstruppen hätten Rückschläge erlitten. Abiy versuche lediglich, Zeit zu gewinnen. Die Menschen seien bereit, für die Verteidigung ihrer Heimat zu sterben.

Vereinte Nationen warnen vor Angriff auf Zivilisten

Der drohende Angriff auf Mekelle sorgt international für große Besorgnis. Die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Michelle Bachelet, rief die Konfliktparteien zur Deeskalation auf. Der ohnehin anfälligen und verängstigten Zivilbevölkerung drohe große Gefahr, sollte Artillerie auf dichtbesiedeltem Gebiet eingesetzt werden. Im Laufe des Abends befasst sich erstmals der UN-Sicherheitsrat mit dem Konflikt. Das Gremium trifft sich zur Beratung hinter verschlossenen Türen, ein Beschluss werde allerdings nicht erwartet, hieß es.

Zehntausende auf der Flucht

Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR zufolge hat der Konflikt bereits mehr als 40.000 Menschen zur Flucht in das Nachbarland Sudan getrieben. In Tigray sind nach UN-Angaben etwa zwei Millionen Menschen dringend auf Hilfe angewiesen - und damit doppelt so viele wie vor drei Wochen.

Hintergrund der bewaffneten Auseinandersetzungen sind Spannungen zwischen der Region Tigray und der Zentralregierung. Die Volksbefreiungsfront TPLF dominierte Äthiopien mehr als 25 Jahre lang, bis der amtierende Regierungschef Abiy 2018 an die Macht kam. Viele Menschen in Tigray fühlen sich seither von der Zentralregierung nicht vertreten und wollen mehr Autonomie.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 26. November 2020 um 10:00 Uhr.

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