Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmed gibt bei einer Fernsehansprache die Offensive auf Tigray bekannt. | Bildquelle: AFP

Äthiopien Kriegsgefahr beim Friedensnobelpreisträger

Stand: 05.11.2020 19:13 Uhr

Äthiopiens Ministerpräsident Abiy hat eine Militäroffensive gegen den eigenen Bundesstaat Tigray ausgerufen. Berichte über Schusswechsel und Tote häufen sich. Beobachter warnen vor einem Bürgerkrieg.

Von Norbert Hahn, ARD-Studio Nairobi

Es ist der nächste Schritt in einem Drama, das Äthiopien in den Bürgerkrieg und die ganze Region am Horn von Afrika in Unsicherheit stürzen kann: Ministerpräsident Abiy Ahmed von Äthiopien hat eine Militäroffensive gegen den eigenen Bundesstaat Tigray ausgerufen. Außerdem verhängte er einen sechsmonatigen Ausnahmezustand gegen den Bundesstaat.

Angefangen hatte der jüngste Konflikt - jedenfalls nach Darstellung der Zentralregierung in Addis Abeba -, als die in Tigray regierende Volksbefreiungsfront (TPLF) einen Militärstützpunkt der Zentralregierung überfallen habe. Die TPLF habe Artillerie und andere Militärausrüstung erbeuten wollen, ließ Abiy per Fernsehansprache wissen. Dabei habe es "mehrere Märtyrer gegeben".

Ein Polizist an einem Wachposten am Wahltag im äthiopischen Bundesstaat Tigray (Archivbild vom 9.09.2020). | Bildquelle: AFP
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Ein Polizist an einem Wachposten am Wahltag im äthiopischen Bundesstaat Tigray (Archivbild vom 9.09.2020).

Meldungen über heftige Schusswechsel in der Region

Wie viele Menschen starben, ist unklar - und nicht nur das: "Es gibt einen völligen Zusammenbruch der Kommunikation mit Tigray", erklärt William Davison, Äthiopien-Analyst der International Crisis Group. "Von breiten Kämpfen ist noch nicht die Rede, es sind eher noch einzelne Zusammenstöße."

Verschiedene Medien zitieren diplomatische Kreise, nach denen es heftige Schusswechsel in der Region gegeben habe, auch Artilleriefeuer - Bestätigungen gibt es dafür nicht. Tatsache ist, dass die TPLF über einen starken, paramilitärischen Sicherheitsapparat verfügt, zu dem auch eine Miliz gehört - Abiys Truppen könnten auf erbitterten Widerstand treffen.

Abiy Ahmads Regierung hatte es sich mit dem Norden schon verscherzt, als er 2018 Ministerpräsident wurde. Denn mit der abgelösten Regierung in Addis Abeba fand auch der lange Jahre beherrschende Einfluss der TPLF auf die Bundespolitik ihr Ende. Im September nun vertieften sich die Gräben weiter: Während die Zentralregierung alle geplanten Wahlen wegen der Pandemie absagte, ließ die Regionalregierung in Tigray wählen. Ein Affront gegen Abiy Ahmad, den strahlenden Friedensnobelpreisträger von 2019.

"Bedeutet sehr wahrscheinlich eine Eskalation"

Der kann sich in seinem Vielvölkerstaat aber nicht noch mehr Gegenwind leisten durch all jene, die sich schon lange benachteiligt fühlen. Besonders die Gruppe der Oromo stellt Forderungen: "Sie sagen: 'Wir, als größte ethnische Gruppe im Land, haben einen berechtigten Anspruch auf Führung'", erklärt Matthias Späth, der für die Welthungerhilfe in Addis Abeba arbeitet. "Sollte die Zentralregierung in diesem Konflikt mit Tigray jetzt Schwäche zeigen, könnte das als Signal gesehen werden für andere regionale Organisationen, die an einer Destabilisierung generell interessiert sind."

Nicht nur das: Der Konflikt könnte auch über die Grenze des Landes schwappen. "Wenn dieser Konflikt so weiter geht, wie es den Anschein hat, könnten auch bald Truppen des benachbarten Eritrea eingreifen", sagt Davison. "Unsere einzige Hoffnung ist, dass es jetzt schnell zu ernsthaften diplomatischen Bemühungen kommt, vor allem durch die Afrikanische Union."

Viel Zeit sei dafür nicht zu verlieren, meint der Krisen-Experte: "Wir sehen auf beiden Seiten den Willen, den Konflikt fortzuführen - das bedeutet sehr wahrscheinlich eine Eskalation."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. November 2020 um 18:00 Uhr.

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