Krankenwagen vor einem Krankenhaus in Chicago | Bildquelle: TANNEN MAURY/EPA-EFE/REX/Shutter

Ärzte gegen US-Waffenlobby "Wir sind an der Front"

Stand: 20.11.2018 09:50 Uhr

Welche Folgen der Schusswaffenbesitz in den USA hat, wissen die Opfer, ihre Angehörigen - und Ärzte. Mit einer drastischen Aktion in sozialen Netzwerken stellen sie sich nun gegen die NRA.

Von Martina Buttler, ARD-Studio Washington

Es sind Bilder von blutgetränkten Operationstischen, großen Blutlachen auf dem Boden, tiefrote Flecken auf OP-Kleidern - gepostet von vielen Ärzte in den USA unter dem Hashtag #stayinmylane. Es ist eine Antwort auf die Waffenlobby NRA, die ihnen riet, sich um ihre Angelegenheiten zu kümmern und nicht - wie geschehen - mehr Forschung rund um das Thema Waffengewalt zu fordern.

Als Mediziner kümmerten sie sich Tag für Tag um diese Patienten, begründet Dr. Joseph Sakran vom Johns Hopkins Hospital in Baltimore das Handeln der Ärzte, sie seien "an der Front". Und an die Adresse der NRA sagt er: "Dass eine Organisation meint, wir wären nicht Teil der Auseinandersetzung über dieses Thema, ist völlig fehlgeleitet."

Blick in die Notaufnahmen

Die Ärzte zeigen ihren Alltag, wenn sie Opfer von Waffengewalt behandeln. Sie zeigen keine Patienten. Aber sie zeigen Fotos von blutigen Verbandsmaterialien, beispielsweise aus einer Notaufnahme nach der Schießerei mit 49 Toten in einem Nachtclub in Orlando.

Ein Foto zeigt ein Projektil in einer Metallschale. Dazu schreibt Mashua Dey, sie habe es aus dem Kopf eines sechs Monate alten Kindes entfernt und fügt fast zynisch an: NRA, ihr habt meinen Job überhaupt erst gemacht.

Es geht nicht um Einzelfälle

Im Radiosender NPR beschreibt Joseph Sakran den Alltag seiner Kollegen. "Jeden Tag sterben mehr als 95 Menschen an Schusswunden, und da sind die mehr als 300, die verletzt wurden, noch nicht mitgerechnet."

Sakran selbst ist Opfer von Waffengewalt. Mit 17 wäre er fast gestorben, als ihm jemand bei einem Footballspiel in den Hals schoss. Er weiß, wie unterschiedlich die Wunden von verschiedenen Waffen aussehen, die auf den OP-Tischen landen. Als Arzt in den USA sehe man "das komplette Spektrum von einer Handwaffe bis zu einem Sturmgewehr in diesen Massenschießereien. Die Verletzungen sehen sehr unterschiedlich aus. Eine AR15 pulverisiert Gewebe beispielsweise und zerstört sehr viel." 

Eine gesellschaftliche Krise

In einem aktuellen Positionspapier stellten Mediziner nun klar: Sie werden nicht schweigen. Schusswunden stellten in den USA eine Gesundheitskrise dar. Sie fordern mehr Forschung, neue Lösungsansätze und deren Umsetzung. Eine Ärztin twitterte im Zuge von #stayinmylane ein Bild von dem Stuhl, auf dem sie sitzt, wenn sie Eltern erklären muss, daß ihr Kind tot ist. Ein blauer Plastikstuhl in einem schmucklosen kahlen Raum, leer.

Eine schwere Aufgabe, erzählt auch Joseph Sakran: "Wenn ich in diese Wartezimmer gehe und diesen Müttern, Vätern, Schwestern und Brüdern sagen muss dass ein geliebter Mensch nicht wiederkommt, ist das eine Erfahrung, die viele Menschen nicht nachvollziehen können."

 Die Ärzte versuchen, ihren Alltag anschaulich zu machen mit erschütternden Bildern. Sie wollen, dass ihre Stimme in der öffentlichen Diskussion gehört wird. Sie wollen mit einem Realitätscheck der NRA etwas entgegensetzen und die USA verändern.

#stayinmylane - US-Ärzte protestieren gegen NRA
Martina Buttler, ARD Washington
20.11.2018 09:28 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 20. November 2018 um 14:08 Uhr.

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