Interview

ARD-Korrespondent Jörg Armbruster im Interview "Ägyptens Militär will Macht im Staate bleiben"

Stand: 10.02.2012 15:03 Uhr

Vor einem Jahr war er live auf Sendung, als Präsident Mubarak stürzte: ARD-Korrespondent Jörg Armbruster. Er beobachtet die Entwicklung des Landes intensiv: vom Jubel der Oppositionsbewegung über ein Erstarken der islamistischen Kräfte hin zur unkontrollierten Macht des Militärs. Im Interview mit tagesschau.de zieht Armbruster eine düstere Bilanz.

tagesschau.de: Sie haben vor einem Jahr live über den Sturz Mubaraks in der ARD berichtet. Was haben Sie damals empfunden?

Jörg Armbruster: Wir ahnten an diesem Tag schon, dass etwas Gravierendes passieren würde, denn Mubarak hatte seinen Palast gegen 14 Uhr verlassen. Dass er schon am Nachmittag zurücktrat, war überraschend, und dass er es in dem Moment tat, als ich live für die 17-Uhr-Ausgabe der Tagesschau berichtete, war großes Reporterglück. Wir haben zusammen mit den Hamburger Kollegen dann spontan eine sehr lange Sondersendung gemacht.

tagesschau.de: Was fühlt man als Journalist in solch einem historischen Moment?

Armbruster: So intensiv im Zentrum des Geschehens dabei sein zu können, ist das Schönste, was einem Journalisten passieren kann - besonders, da ich ja die 18 Tage der Proteste, die vorausgegangen waren, miterlebt hatte. Der 11. Februar 2011 war ein ganz besonderer Tag, der mich auch persönlich sehr glücklich gemacht hat.

Jörg Armbruster (ARD) in Kairo: Mubarak tritt zurück
tagesschau 17:00 Uhr, 11.02.2011, Jörg Armbruster, ARD Kairo

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Video einbetten

Nutzungsbedingungen Embedding Tagesschau: Durch Anklicken des Punktes „Einverstanden“ erkennt der Nutzer die vorliegenden AGB an. Damit wird dem Nutzer die Möglichkeit eingeräumt, unentgeltlich und nicht-exklusiv die Nutzung des tagesschau.de Video Players zum Embedding im eigenen Angebot. Der Nutzer erkennt ausdrücklich die freie redaktionelle Verantwortung für die bereitgestellten Inhalte der Tagesschau an und wird diese daher unverändert und in voller Länge nur im Rahmen der beantragten Nutzung verwenden. Der Nutzer darf insbesondere das Logo des NDR und der Tageschau im NDR Video Player nicht verändern. Darüber hinaus bedarf die Nutzung von Logos, Marken oder sonstigen Zeichen des NDR der vorherigen Zustimmung durch den NDR.
Der Nutzer garantiert, dass das überlassene Angebot werbefrei abgespielt bzw. dargestellt wird. Sofern der Nutzer Werbung im Umfeld des Videoplayers im eigenen Online-Auftritt präsentiert, ist diese so zu gestalten, dass zwischen dem NDR Video Player und den Werbeaussagen inhaltlich weder unmittelbar noch mittelbar ein Bezug hergestellt werden kann. Insbesondere ist es nicht gestattet, das überlassene Programmangebot durch Werbung zu unterbrechen oder sonstige online-typische Werbeformen zu verwenden, etwa durch Pre-Roll- oder Post-Roll-Darstellungen, Splitscreen oder Overlay. Der Video Player wird durch den Nutzer unverschlüsselt verfügbar gemacht. Der Nutzer wird von Dritten kein Entgelt für die Nutzung des NDR Video Players erheben. Vom Nutzer eingesetzte Digital Rights Managementsysteme dürfen nicht angewendet werden. Der Nutzer ist für die Einbindung der Inhalte der Tagesschau in seinem Online-Auftritt selbst verantwortlich.
Der Nutzer wird die eventuell notwendigen Rechte von den Verwertungsgesellschaften direkt lizenzieren und stellt den NDR von einer eventuellen Inanspruchnahme durch die Verwertungsgesellschaften bezüglich der Zugänglichmachung im Rahmen des Online-Auftritts frei oder wird dem NDR eventuell entstehende Kosten erstatten
Das Recht zur Widerrufung dieser Nutzungserlaubnis liegt insbesondere dann vor, wenn der Nutzer gegen die Vorgaben dieser AGB verstößt. Unabhängig davon endet die Nutzungsbefugnis für ein Video, wenn es der NDR aus rechtlichen (insbesondere urheber-, medien- oder presserechtlichen) Gründen nicht weiter zur Verbreitung bringen kann. In diesen Fällen wird der NDR das Angebot ohne Vorankündigung offline stellen. Dem Nutzer ist die Nutzung des entsprechenden Angebotes ab diesem Zeitpunkt untersagt. Der NDR kann die vorliegenden AGB nach Vorankündigung jederzeit ändern. Sie werden Bestandteil der Nutzungsbefugnis, wenn der Nutzer den geänderten AGB zustimmt.

Einverstanden

Zum einbetten einfach den HTML-Code kopieren und auf ihrer Seite einfügen.

"Der revolutionäre Geist hat Ernüchterung Platz gemacht"

tagesschau.de: Wie haben Sie die Stimmung in den Wochen nach dem Sturz Mubaraks erlebt?

Armbruster: Das ganze Volk hat gejubelt - außer natürlich die Anhänger Mubaraks, aber die waren in der Minderheit. Die ersten Wochen waren geprägt von sehr viel Optimismus, von überschäumendem, revolutionärem Geist. Der hat sich leider über das Jahr verloren und einer großen Ernüchterung Platz gemacht.

tagesschau.de: Die Militärregierung hat übergangsweise die Macht übernommen. Konnte man damals schon abschätzen, welche Gefahren dies für den Demokratisierungsprozess bringt?

Armbruster: Das Militär hatte Mubarak ja praktisch zum Rücktritt gezwungen. Das gab den Ägyptern und auch ausländischen Beobachtern das Gefühl, das Militär und Volk eins sind. Aber schon einen Monat später relativierte sich dieser Eindruck vollständig. Bei einer Demonstration auf dem Tahrir-Platz ging die Armee sehr brutal gegen die Menschen vor. Da konnte man ahnen, dass das Militär sich hier seine eigene Macht sichern will. Und dieser Eindruck hat sich inzwischen ja bestätigt.

alt ARD-Korrespondent Jörg Armbruster

Zur Person

Jörg Armbruster vom Südwestrundfunk leitet das ARD-Studio Kairo als Auslandskorrespondent. Er ist unter anderem zuständig für die Länder Irak, Kuwait, Jemen und Saudi-Arabien.

"Militär wichtig für Erfolg einer Revolution"

tagesschau.de: Hätte es Alternativen zu der Militärregierung gegeben?

Armbruster: Ich habe keine Alternative gesehen. Auch in den arabischen Nachbarstaaten lässt sich beobachten, wie wichtig das Militär für den Erfolg einer Revolution ist. Oppositionsbewegungen waren immer dann erfolgreich, wenn das Militär auf ihrer Seite stand. In Syrien sehen wir derzeit das Gegenteil: Dort macht das Militär nicht mit, und die Protestbewegung ist zumindest bisher noch nicht erfolgreich.

tagesschau.de: Wo steht Ägypten auf dem Weg zur Demokratie ein Jahr nach dem Sturz Mubaraks?

Armbruster: Wir müssen uns wohl auf einen Prozess einrichten, der Jahre dauern wird. Derzeit droht der Demokratisierung die größte Gefahr nicht von den Muslimbrüdern, sondern vom Militär, das versucht, seine Sonderrolle zu retten. Das Militär will sich vom Parlament nicht kontrollieren lassen und eine eigene Macht im Staate bleiben. Derzeit ringen die politischen Kräfte darum, das Militär in seine Schranken zu weisen. Aber es sieht gerade nicht danach aus, dass dies bald erfolgreich sein wird.

tagesschau.de: Wie einig beziehungsweise uneinig ist die Oppositionsbewegung? 

Armbruster: Aus den jüngsten Wahlen ging die Muslimbruderschaft als stärkste Kraft hervor, gefolgt von den Salafisten. Von daher gibt es schon eine große islamistische Einheitsfront, die das politische Leben in Ägypten bestimmen wird. Die Tahrir-Platz-Opposition, zu der die Muslimbrüder ja sehr spät dazu gestoßen sind, ist allerdings zersplittert und zerstritten. Die einzelnen Gruppen haben es nicht geschafft, sich vor den Wahlen zu einem großen Block zusammenzuschließen. Die sind zunächst mal von der politischen Bühne verschwunden.

"Eine fast resignierte Stimmung"

tagesschau.de: Wie viel Frust herrscht innerhalb dieser zivilgesellschaftlich orientierten Oppositionsbewegung?

Armbruster: Die Menschen sind sehr ernüchtert. Es herrscht eine fast resignierte Stimmung. Ich begegne aber auch Leuten innerhalb dieser Bewegung, die sagen: 'Es war eine demokratische Wahl, die Mehrheit hat sich für die Islamisten entschieden, wir akzeptieren das und müssen uns jetzt so aufstellen, dass wir beim nächsten Mal erfolgreicher sind.' Diese Einsichten gibt es, aber es ist noch ein weiter Weg, bis sich in Ägypten wirklich eine demokratische Kultur etabliert hat.

tagesschau.de: Für das westliche Ausland waren die Bilder der Gewalt-Eskalation im Stadion von Port Said in der vergangenen Woche sehr bestürzend anzusehen. Was sind die Hintergründe?

Armbruster: Es deutet sich mittlerweile an, dass es da um weit mehr ging, als um Fußball-Randale. Am Montag wurden zwei Bankiers verurteilt, die angeblich die Schlägertrupps in Port Said finanziert haben. Diese Bankiers sind eng verbunden mit Gamal Mubarak, dem Sohn des gestürzten Diktators. Es könnte also durchaus sein, dass hinter dieser gezielt angefachten Eskalation der politische Plan steckt, das Land weiter zu destabilisieren.  

tagesschau.de: Welche Perspektive sehen Sie für Ägypten?

Armbruster: Es wird in den nächsten Monaten wohl immer wieder provozierte Gewaltausbrüche geben, um das Land zu destabilisieren. Auf lange Sicht glaube ich aber schon, dass das Land den Weg zur Demokratie schafft. Allerdings müssen wir uns wohl auf einen sehr langen Prozess einstellen.

Das Interview führte Simone von Stosch, tagesschau.de.

Darstellung: