Mada Masr

Pressefreiheit in Ägypten "Die politische Autorität ist unberechenbar"

Stand: 03.05.2020 01:16 Uhr

In Ägypten landen unliebsame Journalisten oft hinter Gitter. Die wenigen unabhängigen Medien haben es mit einem Gegner zu tun, der kaum kalkulierbar ist. Die Macher von "Mada Masr" wollen sich davon aber nicht beeindrucken lassen.

Von Anne Allmeling, ARD-Studio Kairo

Gemütliche Sofas, ein paar Holztische und jede Menge Stühle stehen kreuz und quer im Redaktionsraum von "Mada Masr", ein bisschen wie im Wohnzimmer einer WG. Doch hier, im sechsten Stock eines unscheinbaren Hauses im Kairoer Stadtteil Dokki, wird hart gearbeitet.

Chefredakteurin Lina Attalah und ihr Team haben sich mit ihren gründlichen Recherchen einen Namen gemacht. Auf ihrem Portal berichten die Journalisten über alles, was ihnen wichtig erscheint und in den meisten anderen ägyptischen Medien keinen Platz findet.

"Es gibt sehr, sehr wenige unabhängige Stimmen, und die können sich kaum über Wasser halten", sagt Attalah. Alle anderen, ob staatlich oder privat, müssten entweder die Stimme des Staates verbreiten oder sehr gut aufpassen, worüber sie berichten. "Was also bleibt sind sehr, sehr wenige Stimmen, meist online, die versuchen, sich durch diese sehr repressive Umgebung zu navigieren und das hat seinen Preis.“

Sturm der Redaktionsräume

Lina Attalah hat das selbst erlebt: Nach einer besonders sensiblen Geschichte über den Sohn des Präsidenten, der damals dem Geheimdienst angehört haben soll, wurden im November die Redaktionsräume von "Mada Masr" gestürmt. Die Journalistin und zwei ihrer Kollegen wurden von Sicherheitskräften abgeführt. Warum und auf welcher Grundlage, weiß Lina Attalah bis heute nicht:

"Wir haben es nicht mit einer politischen Autorität zu tun, die wir gut verstehen oder mit der wir verhandeln könnten, weil sie sehr unberechenbar ist."

Es sei schwierig, sich zu schützen, weil man nicht wisse, wo die Gefahren lauerten. "Ich weiß zum Beispiel bis heute nicht, was im November tatsächlich geschehen ist, so dass wir wieder freigelassen wurden." Lediglich einige Stunden blieben Lina Attalah und ihre Kollegen in Gewahrsam.

Lina Attalah
galerie

"Die politische Autorität ist unberechenbar", sagt Chefredakteurin Lina Attalah.

Gefängnis und Ausweisung

Etwa zwei Dutzend Journalisten sitzen dagegen weiter in ägyptischen Gefängnissen, etliche von ihnen ohne Anklage. Eine Nachfrage des ARD-Studios Kairo beim ägyptischen Informationsministerium blieb bislang unbeantwortet.

Ende März wurde eine britische Journalistin des Landes verwiesen, weil sie in ihrem Artikel für die Zeitung "The Guardian" eine kanadische Studie zur Verbreitung des Corona-Virus zitierte, die von Infektionszahlen in Ägypten ausgeht, die deutlich höher sind als die offiziellen.

"Uns geht es um den Journalismus"

Auch wer sich in den sozialen Medien äußert, kann schnell Schwierigkeiten bekommen. Wer dort den offiziellen Zahlen widerspricht, muss mit Geld- und Haftstrafen rechnen. Die ägyptische Regierung unter Präsident Abdel Fatah Al-Sisi hat in den vergangenen Jahren viele neue Gesetze erlassen, die die Pressefreiheit immer weiter einschränken.

Lina Attalah und ihre Kollegen lassen sich davon nicht beeindrucken. Der Staat sehe sie als Feind, aber ihnen gehe es um etwas ganz anderes: "Wir sind nicht hier, um die Regierung zu bekämpfen. Wir sind hier, weil wir mit den Menschen sprechen wollen, ihnen andere Geschichten erzählen wollen und ihre Geschichten hören wollen." Und das auf eine interessante, kunstvolle Art und Weise, sagt die Chefredakteurin. "Für mich ist das eine große Motivation. Uns geht es um den Journalismus."

Berichten unerwünscht! Presse-"Freiheit" in Ägypten
Anne Allmeling, ARD Kairo
02.05.2020 17:35 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 02. Mai 2020 um 07:11 Uhr.

Korrespondentin

Darstellung: