Arbeiter desinfizieren eine Straߟe im Stadtzentrum von Kairo | Bildquelle: dpa

Corona-Krise in Ägypten Ärzte wollen Lockdown statt Lockerung

Stand: 19.06.2020 10:34 Uhr

Zu spät hat die ägyptische Führung auf die Corona-Pandemie reagiert. Die Infektionszahlen steigen. Doch die Regierung will Lockerungen - auch für Touristen. Ärzte fordern dagegen einen Lockdown.

Von Björn Blaschke, ARD-Studio Kairo

"Die Pandemie ist ein Problem, aber wir reagieren angemessen", lautet die Position der ägyptischen Regierung. Wer ihr öffentlich widerspricht, muss mit Repression rechnen. Das gilt für jeden, der Missstände in Krankenhäusern aufdeckt oder die offiziellen Infektionszahlen für geschönt hält. Diese werden täglich in den Nachrichten vermeldet.

Auf der Suche des ARD-Studios Kairo nach Gesprächspartnern wollten die ersten drei Ärzte aus Angst vor Repressionen keine Interviews geben. Ein vierter Arzt redet - unter der Bedingung, dass er unerkannt bleibt. Der Mediziner übt fundamentale Kritik am Gesundheitssystem. Die Corona-Pandemie, die Ägypten erst jetzt in größerem Umfang zu erreichen scheint, mache das einmal mehr deutlich:

"Für uns ist nichts außergewöhnlich desaströs, weil die gesamte Situation seit langem desaströs ist. Was jetzt passiert, haben wir schon vor Monaten vorhergesagt. Wir haben erwartet, was dann eintrat."

Mitarbeiter des Unternehmens Medic Egypt for Medical Clothes stellen Mundschutzmasken in einer Fabrik in Menoufiya her. | Bildquelle: dpa
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Die Ausstattung mit Schutzkleidung verbessere sich, so der ägyptische Ärzteverband. Mitarbeiter des Unternehmens Medic Egypt for Medical Clothes stellen Mundschutzmasken in einer Fabrik in Menoufiya her.

Vorwurf: Schutzmittel werden nicht verteilt

Lange habe es zu wenige Schutzmaßnahmen für das Personal an staatlichen Krankenhäusern gegeben: zu wenige Masken, Handschuhe und Kittel. Und zu wenige Betten für infizierte Mediziner.

Das beklagte auch der Ärzteverband. Dieser Missstand sei mittlerweile - teilweise - behoben, sagt der Generalsekretär der ARD. Ehab al-Taher bleibt dennoch kritisch: Die Schutzmittel seien jetzt an den Arbeitsplätzen verfügbar. Aber manche Krankenhausdirektoren seien immer noch zurückhaltend beim Verteilen der Schutzmittel an das medizinische Personal.

Zu wenige Schnelltest, keine Betten

Außerdem gebe es zu wenige Schnelltests für medizinisches Personal. Ergebnisse regulärer Tests kämen nur mit Verzögerung. Der Generalsekretär des Ärzteverbandes sieht einen weiteren Missstand:

"Wie schnell ein Platz in den Krankenhäusern für die Infizierten gefunden werden kann - das ist ein Problem. Es gibt freie Plätze in den Krankenhäusern. Aber es gibt auch Verwirrungen und eine schlechte Koordinierung, wenn es darum geht, einen schweren Fall in einem Krankenhaus unterzubringen."

Immer wieder berichten Ägypter, dass sie von einem Krankenhaus zum nächsten und übernächsten gefahren und überall abgewiesen worden seien. Das Argument: keine freien Betten für Corona-Fälle.

Seit einigen Tagen gibt es immerhin in öffentlichen Verkehrsmitteln eine Maskenpflicht, die die Polizei tatsächlich weitgehend durchsetzt. Wer dagegen verstößt, muss zahlen.

Ärzteverband empfiehlt Lockdown

Aber, so sagen viele Ärzte, manch ein Ägypter gehe zu fahrlässig mit dem Corona-Risiko um. Obendrein reiche auch die nächtliche Ausgangssperre nicht. Ägypten brauche einen vollständigen, zweiwöchigen Lockdown, sagt al-Taher:

"Das wünsche ich mir! Unter der Bedingung, dass die Regierung für die Tagelöhner aufkommt. Es gibt Millionen Menschen, die ihren Lebensunterhalt von Tag zu Tag verdienen müssen. Aber: Wenn die Regierung die Möglichkeit und den Willen hätte, wäre ein totaler Lockdown für zwei Wochen wirklich die beste Option für uns."

Regierung plant Lockerungen

Doch aus wirtschaftlichen Gründen dürfte die Führung des Landes davor zurückschrecken. Mindestens 50 Prozent der mehr als 100 Millionen Ägypter lebten schon vor der Pandemie an oder unter der Armutsgrenze. Heute dürften es noch mehr sein.

Wenn die ägyptische Führung angesichts der steigenden Fallzahlen zu verschärften Maßnahmen greifen würde, die ärmere Ägypter von der Arbeit abhielten, müsste sie Unruhen befürchten. Daher räumt die Regierung in Kairo der Wirtschaft offenbar Vorrang ein und öffnet demnächst wieder die Flughäfen für internationalen Luftverkehr, will Touristen ins Land lassen. Auch über weitere Lockerungsmaßnahmen denkt die Regierung nach.

"Also nehmen wir das hin"

Das Geld treibt auch viele Ärzte staatlicher Krankenhäuser zum Dienst - bei einem Einkommen von umgerechnet 130 bis 160 Euro im Monat; Ärzte wie dieser, der unerkannt bleiben will:

"Wer Geld hat, bleibt in dieser Situation lieber zuhause, weil das eine inhumane Situation ist. Ich kann keinem Patienten helfen. Und ich schade mir selbst sowie denen, mit denen ich zu tun habe. Die meisten von uns arbeiten nur, weil wir das Einkommen brauchen, also nehmen wir alles hin."

Ägypten: Die Corona-Fallzahlen steigen und das medizinische Personal übt Kritik
Björn Blaschke, ARD Kairo
19.06.2020 09:06 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 19. Juni 2020 um 11:50 Uhr.

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