Hotel- und Konferenzkomplex in der neuen Verwaltungshauptstadt Ägyptens.  | Bildquelle: Anne Allmeling/ ARD

Neue Verwaltungshauptstadt Potemkinsches Dorf oder Modellprojekt?

Stand: 26.08.2019 22:35 Uhr

In der Nähe von Kairo sollen irgendwann sieben Millionen Menschen die neue Verwaltungshauptstadt beziehen. Doch das Projekt der Superlative gerät ins Stocken. Wichtige Investoren sind bereits abgesprungen.

Von Jürgen Stryjak, ARD-Studio Kairo

In der Geröllwüste außerhalb von Kairo fahren Schwerlaster im Minutentakt hin und her. Sie bringen Baumaterial und nehmen auf dem Rückweg Erdreich mit. Derzeit entsteht hier eine Stadt der Superlative. Sie ist noch ohne Namen, irgendwann soll es einen nationalen Namenswettbewerb geben. Bis dahin heißt das Megaprojekt auch offiziell: Neue Verwaltungshauptstadt.

"Ich bin sehr froh, dass es dieses Projekt in unserem Land gibt. Wir entwickeln Ägypten. Wir können zugucken, wie die neue Hauptstadt wächst - es ist wie bei einem Kind", sagt Ahmed El-Hussany. Er ist Bauingenieur bei dem deutsch-ägyptischen Architektur- und Planungsbüro Ökoplan.

Fertige Wohngebäude in der neu gebauten Wüstenstadt nahe Kairo. | Bildquelle: Anne Allmeling/ ARD
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Bei Kairo wird für umgerechnet 52 Milliarden Euro eine Stadt der Superlative aus der Wüste gestampft.

Schicke Gebäude wie in Dubai oder Shanghai

El-Hussany fährt uns durch das riesige Baugelände und beginnt natürlich dort, wo Ökoplan baut: in der Projektzone R03. Der Chef der Firma ist Tamer Elkhorazaty. Er gründete das Unternehmen vor knapp 30 Jahren in Stuttgart. "Hai‘it al-thalet oder R03, das ist eine Wohnsiedlung von etwa 30.000 Wohneinheiten mit allem, was man dazu braucht: Schulen, Geschäfte, Büros, Verwaltung, Krankenhäuser", erklärt er.

R03 ist fast fertig. Ebenso wie die Gebäude des neuen Viertels für die Ministerien des Landes, die von anderen Firmen errichtet werden. "Die Ministerien werden, wie ich das mitbekommen habe, im Juni 2020 einziehen", sagt Elkhorazaty. In einem Werbevideo für das Projekt sind moderne schicke Gebäude zu sehen, wie man sie auch aus Dubai oder Shanghai kennt - oder aus dem Stadtstaat Singapur, der in etwa dieselbe Ausdehnung hat wie auch Ägyptens neue Verwaltungshauptstadt nach Fertigstellung aller drei Bauphasen.

Ein Bagger steht vor dem Viertel für Ministerien in der neuen Verwaltungshauptstadt in Ägypten. | Bildquelle: Anne Allmeling/ ARD
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Bauarbeiten in der Geröllwüste: Die Gebäude im Viertel für Ministerien sind im Entstehen.

"Die Menschen brauchen Flächen"

Die Baustelle befindet sich mitten in der Wüste, fast auf halbem Wege zwischen Kairo und dem Suez-Kanal rund 50 Kilometer östlich vom alten Stadtzentrum. Es wird ein Geschäftsviertel geben, das 21 Hochhäuser bekommen soll, darunter der dann höchste Wolkenkratzer Afrikas. Jüngst wurde in einem offiziellen Tweet sogar behauptet, man baue das höchste Gebäude der Welt. Es würde 127 Meter höher werden als der Burj Khalifa in Dubai, insgesamt also knapp 1000 Meter hoch.

Das neue Regierungs- und Verwaltungszentrum Ägyptens erhält auch sonst alles, was es braucht, etwa ein Kongresszentrum, ein Kulturviertel mit Opernhaus, einen Flughafen und einen Präsidentenpalast. Dazwischen großzügige Alleen und idyllische Parks. Solche Projekte seien unheimlich wichtig für Ägypten, sagt Elkhorazaty. "Wo sollen die Menschen hin? Die Menschen brauchen Flächen zum Leben und zum Arbeiten, sie brauchen Flächen."

Pro Jahr wächst die Bevölkerung des Landes um zwei Millionen Menschen. Insgesamt leben in Ägypten derzeit knapp 100 Millionen Menschen auf einer Fläche, die in etwa der des Freistaates Bayern entspricht. Der Rest ist unbesiedelte Wüste. Der Großraum Kairo mit seinen schätzungsweise 22 Millionen Einwohnern befindet sich permanent am Rande des Kollapses.

Blick auf die geplante Wohnsiedlung bei Kairo. | Bildquelle: Anne Allmeling/ ARD
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Sieben Millionen Menschen sollen in Zukunft in der neuen Verwaltungshauptstadt bei Kairo wohnen.

Ausdruck des autoritären Machtanspruchs

"Man sollte besser die vielen Städte entwickeln, die seit Langem vernachlässigt werden. Es gibt so viele Orte, die nicht die gleiche Aufmerksamkeit erfahren", sagt Timothy Kaldas vom Tahrir Institute for Middle East Policy.

Es wäre sinnvoll, Ägypten zu dezentralisieren, findet er. Stattdessen schaffe man noch mehr Anreize für die Landflucht nach Kairo. "Es gibt so viele Menschen in Kairo, die viel lieber da leben würden, wo sie herkommen. Aber dort gibt es nicht genug Arbeitsmöglichkeiten. So haben sie entschieden, auf der Suche nach Arbeit nach Kairo zu kommen."

Die Straßen zur neuen Hauptstadt lassen sich leicht absperren. Demonstrationen oder gar Massenproteste wird es da draußen nicht geben. Das gesamte Areal kann gut bewacht werden. Es entsteht der Eindruck, als schafften sich die Machthaber eine Art Disneyland, eine "gated community" für die Regierung und ihre Günstlinge, in der man Staatsgäste empfangen und Konferenzen abhalten kann, ohne vom Großstadtmoloch in der Ferne belästigt zu werden.

Das sei das Gegenteil von dem, was eigentlich nötig wäre, sagt Kaldas. "Ägypten braucht eine Regierung, die sich direkt mit dem Volk beschäftigt, die mit dem Volk kommuniziert, seine Sorgen kennt und gemeinsam mit den Leuten Lösungen findet." Mit der realitätsfernen neuen Hauptstadt bekomme der autoritäre Machtanspruch jetzt auch seine geografische Entsprechung.

Die neu gebaute Geburt-Christi-Kathedrale im künftigen Regierungs- und Verwaltungszentrum Ägyptens. | Bildquelle: Anne Allmeling/ ARD
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Die Geburt-Christi-Kathedrale im künftigen Regierungs- und Verwaltungszentrum Ägyptens steht bereits.

Kein ausländisches Geld zur Verfügung

Derzeit gerät das Projekt ins Stocken, weil wichtige Investoren absprangen. Zuerst zog sich eine Firma aus den Vereinigten Arabischen Emiraten zurück, dann machten die Chinesen einen Rückzieher. Sie hätten allerdings, so hieß es kürzlich, zehn Prozent der neuen Hauptstadt bereits fertiggestellt.

Inzwischen stehe kein ausländisches Geld mehr zur Verfügung, sagte Khaled Al Husseiny, der Sprecher der Projektgesellschaft, gegenüber der BBC. Derzeit verhandele man mit Investoren aus Südkorea.

Phase zwei und Phase drei liegen auf Eis, Baubeginn ungewiss. Ein beteiligter Planer, der nicht namentlich genannt werden möchte, glaubt, dass in der neuen Verwaltungshauptstadt mittelfristig höchstens 1,5 Millionen Menschen statt der sieben Millionen, von denen offiziell immer die Rede ist, wohnen werden.

Blick auf eine Baustelle nahe Kairo, auf der eine neue Verwaltungshauptstadt gebaut wird. | Bildquelle: Anne Allmeling/ ARD
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Das Mega-Bauprojekt nahe Kairo ist ins Stocken geraten - wichtige Investoren sind abgesprungen.

Abgeschirmtes Areal für die Elite?

Für die meisten Ägypter bleibt eine Wohnung dort ohnehin ein Traum, der nie in Erfüllung gehen wird. Natürlich sei die Schaffung von erschwinglichem Wohnraum wichtig, sagt Kaldas. Aber das passiere in der neuen Hauptstadt ja gar nicht. Was dort entstehe, seien zumeist teure Wohnungen.

So mancher im Land hat für dieses Prestigeobjekt des Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi inzwischen nur noch Zynismus übrig. Das alles erinnere ihn, schrieb ein Ägypter auf Facebook, immer mehr an die Filmreihe "The Hunger Games", die in Deutschland "Die Tribute von Panem" heißt: Sehr wenige Ägypter hätten sehr viel, während die meisten nichts besäßen. Die wenigen würden ihren Wohlstand dann in der neuen Hauptstadt genießen, während die anderen für diesen Wohlstand der wenigen schuften müssten, statt für sich selbst.

Nach der verheerenden Bombenexplosion Anfang August im Stadtzentrum von Kairo, bei der 22 Menschen starben, schrieb ein anderer: "Die Elite des Landes wird die alte Hauptstadt verlassen, wo die Leute verbrennen oder inmitten von Unrecht, Armut und Krankheit in Vergessenheit geraten. Die Elite wird in die neue Hauptstadt ziehen, damit ihre Augen den Anblick nicht mehr ertragen müssen."

Ägyptens neue Verwaltungshauptstadt
Jürgen Stryjak, ARD Kairo
26.08.2019 21:43 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Bayern2 am 26. August 2019 um 08:30 Uhr.

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