Bretton Woods | Bildquelle: dpa

75 Jahre Bretton Woods Als der Dollar zur Leitwährung wurde

Stand: 22.07.2019 04:30 Uhr

In einem Wintersportort in New Hampshire entstand vor einem dreiviertel Jahrhundert die Grundlage des internationalen Währungssystems. Es sollte Stabilität schaffen - gegen den Nationalismus.

Von Martin Ganslmeier, ARD-Studio Washington

Die Konferenz von Bretton Woods begann am 1. Juli 1944, rund ein Jahr vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Der damalige US-Präsident Franklin D. Roosevelt wollte internationale Institutionen schaffen, die künftig Katastrophen wie den Zweiten Weltkrieg verhindern sollten. Politisch schwebte ihm eine Nachfolge-Organisation für den gescheiterten Völkerbund vor: die Vereinten Nationen.

Auf der Konferenz von Bretton Woods ging es um die Schaffung internationaler Organisationen in der Finanz- und Wirtschaftspolitik. Das Ziel von Bretton Woods war, so ein Bericht im US-Fernsehen damals, "internationalen Handel in der Nachkriegszeit zu fördern und damit ein Fundament für dauerhaften Frieden zu schaffen".

Der Tagungsort: "Mt. Washington Hotel" in Bretton Woods.
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Der Tagungsort: "Mt. Washington Hotel" in Bretton Woods.

Vordenker Keynes

Frieden durch mehr Handel zwischen den Nationen, durch Abbau von Zöllen und durch ein stabileres Wechselkurs-System. Das sollte Abwertungsspiralen und Inflationen wie in den zwanziger und dreißiger Jahren verhindern. Wie dies gelingen könnte, darüber stritten Vertreter von 44 Ländern in dem kleinen Skiort in New Hampshire, darunter einige der klügsten Wirtschaftswissenschaftler der Welt.

Einer der Vordenker in Bretton Woods war der berühmte britische Ökonom John Maynard Keynes. Er war überzeugt, dass Protektionismus und Nationalismus zur Weltwirtschaftskrise 1929 und somit zum Erstarken des Faschismus beigetragen hatten. Reportern gegenüber sagte Keynes damals, er bezweifle, ob die Welt wirklich verstehe, wie bedeutend das sei, was in Bretton Woods entstehe.

Keynes wollte die Stabilität des früheren Gold-Standards wieder herstellen: durch eine globale Zentralbank, möglichst mit Sitz in London, und eine neue internationale Währung namens "bancor". Letztlich setzte sich aber nicht Keynes durch, sondern sein US-Kollege und Rivale in Bretton Woods, der stellvertretende US-Finanzminister Harry Dexter White.

Aufstieg des Dollar

Da die USA damals 80 Prozent aller Goldreserven der Welt besaßen, betonte White, man brauche keine künstliche Welt-Leitwährung. De facto sei dies der Dollar: wenn alle anderen Länder ihre Währung an den Dollar binden und nur innerhalb eines bestimmten Korridors davon abweichen, dann werde Amerika im Gegenzug den Wert des Dollars an den Kurs des Goldes koppeln.

Dieser Kompromiss von Bretton Woods stabilisierte das weltweite Finanzsystem und hatte bis 1971 Bestand. Und Bretton Woods machte den Dollar zur Leitwährung der Welt, so das Fazit von Ökonom Benn Steil im Radiosender NPR: "Hier wurde der US-Dollar gekrönt - zur unangefochtenen und wichtigsten Währung der Welt."

Die Verträge von Bretton Woods schufen auch jene beiden multilateralen Organisationen, deren Ziel es bis heute ist, Währungskrisen zu bekämpfen und Ländern, die finanziell ins Straucheln geraten, mit Sonder-Krediten zu helfen - wenn sie sich im Gegenzug zu Strukturreformen verpflichten: der Internationale Währungsfonds IWF und die Weltbank.

Wiederaufstieg des Nationalismus

Beide sind Sonderorganisationen der Vereinten Nationen, beide angesiedelt in Washington, und nicht - wie Keynes es wollte - in London. Von Globalisierungsgegnern wurden IWF und Weltbank häufig wegen ihrer rigiden Rezepte kritisiert. Doch auch die Kritiker bezweifeln nicht, dass die internationale Zusammenarbeit in der Finanz- und Währungspolitik sinnvoll ist und viele Menschen weltweit aus der Armut befreit hat.

75 Jahre nach dem erfolgreichen Abschluss der Konferenz von Bretton Woods ist es eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet jene beiden Nationen, die diese multilaterale Nachkriegsordnung schufen, heute eine Renaissance des Nationalismus erleben. Im Weißen Haus sitzt seit zweieinhalb Jahren ein Nationalist: "Bei uns kommt Amerika zuerst! Das gab es seit Jahrzehnten nicht. Wisst Ihr, was ich bin? Ich bin ein Nationalist!", sagte er kürzlich. Und in Kürzemöglicherweise auch in Downing Street 10 - was hätten die beiden Vordenker von Bretton Woods, John Maynard Keynes und Harry Dexter White, wohl dazu gesagt?

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 22. Juli 2019 um 09:05 Uhr.

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