Feuerwehrleute vor einem durch einen Brand schwer beschädigtes Flüchtlingsheim in Tröglitz (April 2015)

Feuer in geplanter Flüchtlingsunterkunft Entsetzen über Brandanschlag in Tröglitz

Stand: 04.04.2015 18:53 Uhr

Mit Entsetzen haben Politiker aller Parteien auf den Brandanschlag in einem künftigen Flüchtlingsheim in Tröglitz reagiert. Innenminister de Maizière forderte rasche Aufklärung, Justizminister Maas rief zu Zivilcourage auf.

Die Stadt Tröglitz in Sachsen-Anhalt kommt nicht aus den Schlagzeilen. Erst trat der ehrenamtliche Bürgermeister zurück, weil er sich vor NPD-Protesten gegen eine geplante Flüchtlingsunterkunft nicht geschützt sah. Jetzt wurde das Haus angezündet. Politiker aller Parteien sind entsetzt und fassungslos.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière forderte eine rasche Aufklärung der Hintergründe. "Im Moment spricht alles dafür, dass es sich bei den Ereignissen in Tröglitz um vorsätzliche Brandstiftung gehandelt hat", sagte er der Nachrichtenagentur dpa. "Wenn sich das tatsächlich bestätigen sollte, ist das eine abscheuliche Tat, die unverzüglich aufgeklärt werden muss. Die Täter gehören hinter Schloss und Riegel." Der CDU-Politiker fügte hinzu: "Menschen, die Schutz in Deutschland suchen, müssen hier friedlich und sicher leben können."

Bundesjustizminister Heiko Maas zeigte sich angesichts des Brandes fassungslos. Wer Unterkünfte von Flüchtlingen anzünde, handle feige und abscheulich, erklärte der SPD-Politiker über den Kurznachrichtendienst Twitter. "Wir müssen weiter deutlich machen: Flüchtlinge sind bei uns willkommen!" In der "Welt am Sonntag" rief er die Bürger zu Zivilcourage auf: "Wo immer Rechtsextreme Stimmung machen gegen Ausländer, müssen wir gemeinsam dagegen halten. Und deutlich machen: Menschen, die gerade alles verloren haben und sich hilfesuchend zu uns flüchten, sind bei uns willkommen."

Kein Platz für Fremdenhass

Von einer "monatelangen Stimmungsmache gegen Flüchtlinge" sprach SPD-Chef Sigmar Gabriel. Diese habe Hass gesät, "der in Tröglitz nun in Flammen gemündet ist". Gabriel unterstrich, Flüchtlinge gehörten zu Deutschland. Die Bundesrepublik sei ein wohlhabendes Land. Wer Schutz vor Verfolgung suche, habe Anspruch auf Hilfe. "Fremdenhass hat keinen Platz in Deutschland."

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff zeigte sich bei einer Pressekonferenz bestürzt über die Brandstiftung. "In bin tief betroffen und wütend, dass dieses Verbrechen stattgefunden hat", sagte er. "Jetzt wollen wir zeigen, dass das bürgerschaftliche Engagement steht und dass wir alles dafür tun werden, dass wir die Flüchtlinge wie geplant unterbringen können."

Der Vorsitzende der Linkspartei, Bernd Riexinger, forderte auf Twitter, Behörden müssten Bürgern und Bürgerinnen, die Zivilcourage zeigen, aktiven Schutz leisten.

Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt forderte Bund und Länder auf, mehr für die Sicherheit von Flüchtlingen zu tun. Es drängten sich Fragen auf: "War das Flüchtlingsheim ausreichend geschützt - zumal man wusste, dass in Tröglitz ein brauner Mob unterwegs war?"

Bürgermeister-Rücktritt wegen rechter Anfeindungen

Tröglitz geriet bundesweit in die Schlagzeilen, nachdem der ehrenamtliche Bürgermeister Markus Nierth Anfang März wegen rechtsextremer Anfeindungen seinen Rücktritt erklärt hatte. Er war von Einheimischen und Rechtsextremen angepöbelt und bedroht worden. Die NPD hatte die Stimmung gezielt angefacht und zu Protesten gegen die geplante Unterbringung von Flüchtlingen aufgerufen.

Markus Nierth
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Markus Nierth war als Bürgermeister von Tröglitz zurückgetreten, nachdem er von Rechtsextremen angefeindet worden war.

Nierth zeigte sich am Morgen entsetzt über den Brand. "Davon wird Tröglitz sich wohl nie erholen", schrieb er auf seiner Seite im sozialen Netzwerk "Facebook". "Ich bin fassungslos, traurig und wütend zugleich." Zugleich forderte der 46-Jährige: "Die Braunen dürfen über unseren Ort nicht siegen."

Außerdem bot er für die Flüchtlinge zwei private Wohnungen an. Er wünsche sich, dass andere seinem Beispiel folgten. Nierth rief die Bürger außerdem zu einer spontanen Kundgebung gegen die Rechtsextremen auf. Etwa 300 Menschen beteiligten sich.

"Es bleibt dabei, Tröglitz bekommt 40 Asylbewerber"

Landrat Götz Ulrich machte klar, dass der Brandanschlag nichts an der Unterbringung der 40 Asylbewerbern in der Kleinstadt ändere. "Es bleibt dabei, Tröglitz bekommt 40 Asylbewerber", sagte der CDU-Politiker "Spiegel Online". "Wir dürfen jetzt nicht einknicken und zurückziehen." Für ihn sei klar, dass der Brand kein Anlass sein dürfe, von der dezentralen Unterbringung der Flüchtlinge abzuweichen.

In der Flüchtlingsunterkunft, in die im Mai die ersten von 40 Asylbewerbern ziehen sollten, war in der Nacht zu heute ein Feuer ausgebrochen. Die beiden derzeitigen Bewohner des Hauses, eine 50 Jahre alte Frau und ein 52-jähriger Mann, konnten sich der Polizei zufolge unverletzt ins Freie retten. Die zuständige Staatsanwaltschaft geht inzwischen davon aus, dass es sich um "besonders schwere Brandstiftung" handelt. Eine politisch motivierte Tat könne nicht ausgeschlossen werden, der Staatsschutz ermittelt.

Feuerwehrleute vor einem durch einen Brand schwer beschädigtes Flüchtlingsheim in Tröglitz (April 2015)
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Der Dachstuhl des Gebäudes ist völlig ausgebrannt, vermutlich verwendeten die Täter Brandbeschleuniger.

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