Studenten der Human- und Zahnmedizin hören im historischen Hörsaal am Institut für Anatomie der Universität in Leipzig eine Vorlesung zu Neuroanatomie. | Bildquelle: dpa

Zulassung zum Medizinstudium Das Warten hat ein Ende

Stand: 15.01.2020 05:39 Uhr

Für die Zulassung zum Medizinstudium endet heute die Bewerbungsfrist - erstmals mit neuen Voraussetzungen: So entfällt bald die Wartezeitquote. Stattdessen wird der Medizinertest wichtiger.

Von Stephan Lenhardt, SWR

"Medizin war der erste und einzige Berufswunsch, den ich hatte." Sophie Henkelmann macht 2017 ihr Abitur in Kaars. Notendurchschnitt: 1,4. Seitdem bewirbt sie sich erfolglos für ein Medizinstudium in Deutschland. "Früher habe ich gedacht, mit einem Einser-Abi stehen dir alle Türen offen."

Doch wer in Deutschland wo und wie ins Medizinstudium kommt, ist nicht einfach zu durchblicken. Das Fach zählt zu den bundesweit zulassungsbeschränkten Studiengängen, denn es gibt deutlich mehr Bewerber als Plätze. Auf nahezu 10.000 Studienplätze bewarben sich in den vergangenen Wintersemestern jeweils mehr als 40.000 Personen.

Deshalb gab es bislang drei Möglichkeiten, einen der begehrten Studienplätze zu ergattern: Erstens die Abiturbestenquote. Dort zählt der sogenannte Numerus clausus, kurz NC, was so viel heißt wie "beschränkte Anzahl". Diese Hürde war im vergangenen Wintersemester so hoch wie nie. Wer über die Abiturbestenquote einen Medizinstudienplatz bekommen wollte, brauchte in 14 Bundesländern einen Abiturdurchschnitt von 1,0 und in Niedersachen und Schleswig-Holstein einen Schnitt von 1,1. 

Die zweite Möglichkeit waren Bewerbungen direkt an den Hochschulen, die einen Teil der Studierenden selbst auswählen - vielfach durch Auswahlgespräche. Bei vielen dieser Verfahren an den Universitäten wurde dabei auch der Abiturdurchschnitt mit berücksichtigt.

Und als dritte Möglichkeit blieb den Bewerbern die Hoffnung auf einen Studienplatz durch langes Warten. Bislang konnte jeder fünfte Bewerber darauf hoffen, darüber einen Studienplatz zu ergattern. Im vergangenen Wintersemester waren dafür 14 Wartesemester nötig.

Kriterien für die Zulassung variieren je nach Ort

Sophie Henkelmann
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Sophie Henkelmann kämpft um eine Zulassung für das Medizinstudium.

Sophie Henkelmann ist 2018 nach Rheinland-Pfalz gezogen. In Alzey macht sie eine drei Jahre lange Ausbildung zur Krankenpflegerin. Wenn sie die abgeschlossen hat, wird sie ihr zumindest in Mainz bei der Bewerbung anerkannt - allerdings nicht unbedingt an anderen Hochschulen: "Die Bewerbung für das Medizinstudium ist absolut undurchsichtig, auch weil die Voraussetzungen nicht nur von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich sind, sondern auch noch von Hochschule zu Hochschule", sagt Henkelmann.

Sie absolvierte bereits den sogenannten Medizinertest in Heidelberg. Das ist eine mehrstündige Multiple-Choice-Prüfung. Das Ergebnis hat ihre Chancen allerdings nicht verbessert. Wiederholen kann sie den Test nicht. Jeder Bewerber darf ihn nur ein Mal ablegen. "Das finde ich ungerecht", sagt die 19-Jährige. 

Wartezeitregelung entfällt nach Übergangsphase

Ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Dezember 2017 bringt jetzt alles noch einmal durcheinander: Das Gericht hatte die bisherige Studienplatzvergabe für das Medizinstudium für unzulässig erklärt und neue Regelungen angemahnt. Diese gelten jetzt erstmals für Bewerber auf das kommende Semester.

Deshalb wird nun die Wartezeit eine deutlich geringere Rolle spielen: Sie wird durch die sogenannte "zusätzliche Eignungsquote" ersetzt. Für eine Übergangsphase von zwei Jahren wird die Wartezeit darin noch berücksichtigt, später nicht mehr. "Der Wegfall der reinen Wartezeitquote ist aber noch nicht überall angekommen", sagt Beate Lipps, Leiterin der zentralen Studienberatung der Universität Mainz. "Es ist klar: Es gibt nun Leute, die nie Medizin studieren werden. Das frustriert vor allem diejenigen, die jetzt schon lange warten."

Bei der neuen Quote spielt das Abschneiden beim Medizinertest eine große Rolle. Doch auch mögliche abgeschlossene medizinische Ausbildungen oder Berufserfahrungen werden berücksichtigt, ebenso Preise in Wettbewerben wie beispielsweise "Jugend forscht".

eine Medizinstudentin am Simulationszentrum der Uniklinik Freiburg intubiert eine Puppe | Bildquelle: dpa
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Bewerber für das Medizinstudium - hier eine Studentin am Simulationszentrum der Uniklinik Freiburg - konnten bislang auch über die Wartezeitregelung an einen Platz kommen.

Motivation zählt (noch) nicht

Bewerber wie Sophie Henkelmann hatten die Hoffnung, dass nun auch "weichere" Kriterien bei der Bewerbung eine Rolle spielen. Also solche, die zeigen, wie ernst sie es mit dem Medizinstudium meint, beispielsweise Erfahrungen in ihrer Ausbildung wie Beurteilungen der Krankenpflegeschule oder Bewertungen von Stationen im praktischen Einsatz.

Doch darauf hofft sie bislang vergebens. Aus technischen Gründen könne derzeit nur eine reduzierte Anzahl an Kriterien aufgenommen werden, erklärt die Studienberaterin Lipps. "Insbesondere Kriterien, die die Motivation der Bewerberinnen und Bewerber abbilden könnten, wie zum Beispiel Auswahlgespräche, können aktuell nicht berücksichtigt werden." Das soll sich aber in zwei Jahren ändern. Doch dafür braucht das auch technisch veraltete System beispielsweise einen verfassungsgerechten Algorithmus, der das Abitur der Bundesländer vergleichbarer macht. Das war eine Vorgabe des Bundesverfassungsgerichts.

Bewerbungsfrist endet um Mitternacht

Heute um Mitternacht endet die Bewerbungsfrist für Humanmedizin. Angesichts der vielen Neuerungen ist wohl eines sicher: "Auf die Hochschulen wird von diesem Sommer an mit ziemlicher Sicherheit eine Klagewelle zukommen", sagt der Vertreter der rheinland-pfälzischen Hochschulen im Stiftungsrat, Bernhard Einig. "Aber das ist angesichts der vom Bundesverfassungsgericht vorgegebenen grundlegenden Änderungen auch nicht anders zu erwarten."

Bis Ende März sollen die letzten Nachrückerplätze für das kommende Wintersemester vergeben sein. Wenn alles gut geht.

Über dieses Thema berichtete das Hamburg Journal am 12.01.2020 um 19:30 Uhr.

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