Liu Xiaobo | Bildquelle: dpa

Der Fall Liu Xiaobo Kampf um den letzten Willen

Stand: 13.07.2017 10:55 Uhr

China schweigt und zensiert: Der Fall des krebskranken Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo findet in der Öffentlichkeit nicht statt. Seine Ausreise wird verweigert. Dennoch setzen sich Freunde weiter für seinen letzten Willen ein.

Von Axel Dorloff, ARD-Studio Peking

Ein Café in der Film-Akademie in Peking. Studenten und Dozenten trinken hier Eiskaffee in der Sommerhitze in Chinas Hauptstadt. Unter ihnen ist auch Hao Jian, der an der Film-Akademie viele Jahre als Professor gearbeitet hat. Er wurde festgenommen und durfte nicht mehr unterrichten. Er hatte es gewagt, sich 2014 mit Gleichgesinnten und Freunden zu treffen, um an das Massaker vom Platz des Himmlischen Friedens am 4. Juni 1989 zu erinnern. Ein Tabu in China.

Liu Xiaobo | Bildquelle: AFP
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Liu Xiaobo hatte sich in dem Manifest "Charta 08" mit anderen Systemkritikern für mehr Demokratie und Menschenrechte in China eingesetzt.

Hao Jian ist seit den 1990er-Jahren ein guter Freund des Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo. Er stellt sich viele Fragen: "Es gibt so viele Dinge, die wir im Fall Liu nicht wissen. Wann haben die Gefängnisärzte wirklich herausgefunden, dass er Probleme mit der Leber hat? Wann wurde der Krebs festgestellt? Haben die Behörden vielleicht verschleiert, dass Liu Xiaobo krebskrank ist?"

Das Krankenhaus in Shenyang hatte gestern die ständige Verschlechterung seines Zustands gemeldet: Organversagen, Schockzustände und künstliche Beatmung. Über all das berichten die chinesischsprachigen Staatsmedien gar nicht.

Zensur, Härte, Pessimismus

Wie schon seit vielen Jahren findet der Fall Liu Xiaobo in Chinas Öffentlichkeit nicht statt, sagt der Dissident und Filmwissenschaftler Hao Jian: "Die chinesische Regierung zensiert und löscht, es ist die immer gleiche Kontrolle von Informationen und Gedanken. China ist dabei sehr erfolgreich. Nur wenige Menschen kennen Liu Xiaobo. In den Jahren seiner Gefängniszeit hat sich das Land weiter verändert. Die chinesische Gesellschaft ist noch härter und grausamer geworden. Bestimmte Ideen können und dürfen sich nicht frei verbreiten. Verzweiflung und Pessimismus sind größer als in der Charta-Zeit 2008."

Damals hatte sich Liu Xiaobo in dem Manifest "Charta 08" mit anderen Systemkritikern für mehr Demokratie und Menschenrechte in China eingesetzt. Für die Führung in Peking wurde der Schriftsteller damit endgültig zum Staatsfeind. Er wurde festgenommen und 2009 zu elf Jahren Haft verurteilt, wegen Untergrabung der Staatsgewalt. Jetzt liegt Liu im Sterben, er und seine Familie wünschen sich die sofortige Ausreise.

China weist Merkel zurück

Auch Kanzlerin Angela Merkel hatte sich von China ein Zeichen der Humanität gewünscht. Ein Sprecher des Pekinger Außenministeriums wies das barsch zurück. "Zum Statement der deutschen Regierung aus Berlin ist unsere Antwort: wir hoffen, dass auch Deutschland die Justizhoheit Chinas respektiert und nicht Einzelfälle nutzt, um sich in Chinas innere Angelegenheiten einzumischen."

Das englischsprachige Parteiblatt Global Times ist die einzige Zeitung in China, die über den Fall Liu Xiaobo berichten darf. Für Leser aus dem Ausland. Gestern wieder eine Polemik mit der Überschrift: Chinas Gesetz und Chinas Ärzte entscheiden über die Behandlung von Liu. Die Zeitung betont, Liu sei nicht nur Krebspatient, sondern ein verurteilter Krimineller.

Unterstützung aus den USA

Hao Jian hat trotzdem die Hoffnung auf eine Ausreise seines Freundes noch nicht aufgegeben: "Sie müssen Liu Xiaobo den Ort für seine medizinische Behandlung frei wählen lassen. Wenn Liu Xiaobo und seine Frau ins Ausland können, gibt ihnen das ein viel besseres Gefühl, das ist doch klar. Das ist doch einfach nur gesunder Menschenverstand, dass das gut wäre für zwei Menschen, die so viel gelitten haben."

Unterstützung gibt es jetzt auch aus den USA. Eine Sprecherin des Weißen Hauses in Washington forderte Reisefreiheit und eine angemessene medizinische Behandlung für Liu Xiaobo - und die Beendigung des Hausarrests für seine Ehefrau Liu Xia. Aber vermutlich wird China auch das heute wieder barsch zurückweisen.

Der Fall Liu Xiaobo: Tragik, Propaganda und Informationskontrolle
Axel Dorloff, ARD Peking
13.07.2017 11:42 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 13. Juli 2017 um 06:15 Uhr.

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