Interview

Zypern (Bildquelle: picture alliance / ZB)

Interview zum Zypern-Paket "Der Zypern-Euro wird zur eigenen Währung"

Stand: 26.03.2013 15:44 Uhr

Großsparer und Anleger sind besorgt. Werden sie auch künftig - wie in Zypern - an der Bewältigung von Bankenkrisen beteiligt? Der Finanzexperte Martin Klein hält das für unwahrscheinlich. Aber er kritisiert die Kontrolle des Kapitalverkehrs. Dadurch werde der Zypern-Euro zu einer eigenen Währung.

tagesschau.de: Ist das Modell Zypern die Blaupause, mit der die Eurostaaten auf künftigen Krisen anderer Euro-Staaten reagieren werden?

Martin Klein: Diese Frage kann ich nur mit einem emphatischen Jein beantworten. Der Rettungsplan enthält viele Elemente, von denen der Beitrag der Großsparer nur ein Teil ist. Dieser Beitrag dürfte speziell auf Zypern gemünzt sein. Da über die zyprischen Banken viel russisches Geld gewaschen worden ist, wäre ein Rettungspaket ohne die Beteiligung der Großsparer wohl nicht durchsetzbar gewesen. Das Element der Kapitalverkehrskontrollen dagegen könnte auch bei künftigen Krisen im Euroraum angewandt werden.

alt Martin Klein

Zur Person

Prof. Martin Klein lehrt internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

tagesschau.de: Was macht Sie denn zuversichtlich, dass Großsparer oder Anleger bei künftigen Krisen keinen Sonderbeitrag leisten müssen?

Klein: Ein solcher Schritt ist politisch hochsensibel. Deswegen glaube ich nicht, dass man erneut zu einer solchen Maßnahme greifen wird. Man trifft die Großsparer ja ohnehin -– entweder über die Steuern  oder über die Konten.

tagesschau.de: Eurogruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem hat von einem Wendepunkt gesprochen - die Ursachen würden künftig dem Verursacher auferlegt.

Studenten demonstrieren in Nikosia gegen die EU-Troika (Bildquelle: dpa)
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Zyperns Studenten fürchten um ihre Zukunft - sie lehnen das Rettungspaket der EU ab.

Klein: Jedes Land ist unterschiedlich, die Ursachen und Verantwortlichen unterscheiden sich. Die Probleme der spanischen Banken sind anders gelagert als die der zyprischen. Italien ist noch ein anderer Fall. Deshalb wäre zu fragen, ob man mit den Kontoinhabern die Richtigen treffen würde und ob man nicht eher die Anteilseigner der Banken beteiligen müsste. Aber natürlich sucht man bei solchen Rettungsaktionen immer nach Schuldigen, um die Hilfspakete der Öffentlichkeit verständlich zu machen. Die Botschaft, dass die Verursacher stärker herangezogen werden, ist den Eurostaaten wohl wichtig gewesen.

"Anstrum auf Banken in Zypern unvermeidlich"

tagesschau.de: Provoziert er damit nicht einen Ansturm auf die Banken?

Klein: In Zypern wird der Ansturm auf die Banken unvermeidlich sein. Deswegen sind ja auch die Kapitalverkehrskontrollen verhängt worden, um den Kollaps der übrig gebliebenen Banken zu vermeiden. In anderen Staaten rechne ich nicht mit einem solchen "Bank-Run". Dijsselbloem hat seine Äußerung von der Blaupause ja auch zurückgenommen.

tagesschau.de: Ist die Kontrolle des Kapitalverkehrs vereinbar mit der Idee eines freien Binnenmarktes?

Klein: Auf keinen Fall - mancher sieht ja schon das Ende des freien Marktes und das Ende des Euro heraufziehen. Faktisch wird ja der Zypern-Euro zu einer Art eigenen Währung, und im Extremfall könnte es dazu kommen, dass dieser Zypern-Euro nicht mehr 1:1 getauscht wird, dass Parallel-Währungen oder Schwarzmärkte für Währungen entstehen - das wäre für den Euro ein großer Rückschlag.

tagesschau.de: Muss man nicht sogar sagen: Die Idee einer gemeinsamen Währung wäre dann gescheitert?

Zyprer vor einer Bank in Nikosia (Bildquelle: dpa)
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Ihre Bank existiert nicht mehr - die Laiki-Kunden rätseln, was aus ihren Guthaben wird.

Klein: Ja, denn eine gemeinsame Währung gibt es nicht ohne freien Zahlungsverkehr. Wenn der Euro zerfällt, dann wahrscheinlich auf diese Weise: Man errichtet wieder Brandmauern zwischen den einzelnen Staaten, und wenn man sie nicht mehr abbaut, kehrt man in den betroffenen Ländern zu nationalen Währungen zurück. So gesehen ist Zypern vielleicht wirklich ein Modell. Denn die Experten sind sich uneins, wie lange Zypern unter den Kapitalverkehrskontrollen durchhalten kann, und ob es für Zypern nicht besser wäre, wieder eine eigene Währung einzuführen.

"Andere Lösungen wären sehr teuer geworden"

tagesschau.de: Gab es denn eine Alternative zu diesen Kontrollen?

Klein: Man hätte Zypern auch ohne Zwangsabgaben und ohne diese Kontrollen stabilisieren können. Das wäre aber wahrscheinlich sehr teuer und politisch nicht mehr vertretbar geworden. Außerdem wäre es auch ein Präzedenzfall gewesen. Es hätte bedeutet, dass jeder Staat gerettet wird, egal, wie gewirtschaftet wird. Dass überdimensionierte Bankensysteme gestützt werden. Das hätte womöglich noch gravierendere Probleme nach sich gezogen.

tagesschau.de: Welche Perspektive hat Zypern unter den Auflagen von Eurogruppe und IWF?

Zyprer liest die Zeitung "Politis" (Bildquelle: dpa)
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"Haircut - 30 Prozent", titelt diese Zeitung. Die Schuldigen sind hier klar: Christine Lagarde und Wolfgang Schäuble

Klein: Dass der Bankensektor schrumpfen muss, gilt nicht nur für Zypern, sondern vollzieht sich überall, auch in den USA. Das ist also unvermeidlich. Ob Zypern mit einem anderen Geschäftsmodell, das nicht mehr auf einem aufgeblähten Bankensektor und vielleicht auf mehr Tourismus beruht, seinen Lebensstandard halten kann, muss man nun herausfinden. Ich vermute, dass dem Land schwere Zeiten bevorstehen. Aber es gibt keine Alternative zu einer Schrumpfung des Bankensektors.

tagesschau.de: Wird Zypern damit nicht auf Jahre hinaus am Tropf der Geldgeber hängen?

Klein: Das ist wohl eine unvermeidliche Folge. Aber da Zypern ein kleines Land ist, kann man das ertragen. Viel größer war die Gefahr, dass Zypern andere Staaten ansteckt, so wie Lehman Brothers auch eine weltweite Bankenkrise ausgelöst hat. Wenn man Zypern jahrelang durchschleppen muss, ist das zwar unerfreulich, aber immer noch besser, als eine massive Euro-Krise auszulösen.

Das Gespräch führte Eckart Aretz, tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 26. März 2013 um 16:00 Uhr.

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