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10.02.2010

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Wirtschaft
Reportage: Die "working poor" in den USA
Die "working poor" in den USA

Habe Arbeit, brauche Geld

Wie kein anderes Land der Welt stehen die USA für einen Traum und für ein Versprechen: Durch harte Arbeit sei es möglich, sich aus Armut und Elend zu befreien. Über die Jahrhunderte kamen Millionen - noch heute gehört der "amerikanische Traum" zum Selbstverständnis der Nation. Ein Traum allerdings, der inzwischen für viele Amerikaner ausgeträumt ist.

Von Ralph Sina, ARD-Hörfunkstudio Washington

Eigentlich sei er ein Fall für das Guinness-Buch der Rekorde, lacht Kevin Sedgwick. In der Rubrik "Allround-Genie". Der 25-Jährige arbeitet morgens als Hundebetreuer, tagsüber als Fahrradkurier und abends als Supermarktkassierer. Aber er ist auch Gelegenheits-Klempner, repariert Uhren und pflegt Gärten in Rekordzeit. Kevin hat eigentlich gar keine Zeit für ein Interview. Er schuftet häufig sieben Tage die Woche, rund 12 Stunden am Tag. Urlaub ist ein Fremdwort , Kranken- und Rentenversicherung auch.

Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Ende des amerikanischen Traums: Viele Menschen in den USA arbeiten wie die Bessessenen - zum Leben reicht es nicht.]
Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Obdachloser in New York: Ende des Jahres wird wohl jeder zehnte Amerikaner von Lebensmittelmarken abhängig sein. ]
 

Aber für einige Minuten hat er sein Kurier-Rad dann doch an Washingtons belebter Pennsylvania-Avenue gestoppt. 7,15 Dollar beträgt sein Durchschnitts-Stundenlohn - immerhin anderthalb Dollar mehr als der staatliche Mindestlohn. Wenn es gut läuft, kommt Kevin Sedgwick im Jahr auf knapp über 20.000 Dollar. Und davon muss er in Amerikas teurer Hauptstadt seine Frau und seine zwei kleinen Kinder ernähren. Leicht ist das nicht: "550 Dollar musst du in Washington doch schon für ein  Ein-Raumappartement bezahlen", sagt Kevin. 800 Dollar zahlt er für seine winzige Wohnung im brandgefährlichen Anacostia-Viertel Washingtons, wo bewaffnete Kämpfe zwischen Drogenbanden an der Tagesordnung sind.

Leben von Katzenfutter

Kevin Sedgwick gehört zu Amerikas wachsender Schicht der arbeitenden Armen, der "working poor". Eigentlich müssten sie "workaholic poor" heißen. Denn die meisten von ihnen arbeiten  wie Besessene - allein um zu überleben. Am Ende bleibt aber trotzdem oft nicht genug, um vernünftiges Essen für die Kinder zu kaufen oder die Arztrechnungen zu bezahlen. Allein seit 2007 ist die Zahl derer, die trotz ihrer Vollzeit-Jobs bedürftig sind um 20 Prozent gestiegen, schätzt die Washingtoner Denkfabrik "Center for American Progress".

"Die Preise explodieren, die Löhne stagnieren", sagt  Kevin und zieht wütend sein kleines Haushaltsbuch aus der Tasche. Eier, Milch und Brot sind seit Jahresbeginn um bis zu 40 Prozent teurer geworden. Einige von Kevins Bekannten in Washington Stadtteil Anacostia ernähren sich  mittlerweile hauptsächlich von Katzenfutter. Jeder Dritte lebt hier unterhalb der Armutsgrenze - nur wenige hundert Meter Luftlinie von Kapitol und Weißem Haus entfernt.

Amerikas katholische Bischofskonferenz spricht von alarmierenden Zuständen: Seit 1975 lebten noch nie so viele Amerikaner in extremer Armut - obwohl sie arbeiten, berichtet ein Sprecher der Bischofs-Konferenz in Amerikas Radiosender NPR: "Immer mehr Niedrigverdiener sind von Lebensmittelspenden abhängig. In einigen Gegenden der USA  bekommt mittlerweile die Hälfte der Haushalte Lebensmittelmarken."

Audio: Amerikas "working poor"

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AudioRalph Sina, WDR-Hörfunkstudio Washington
 03.07.2008 06:54 | 4'09
Download Download des Audios: mp3-Format, Ogg Vorbis-Format

Entwürdigende Zustände im reichsten Land der Welt

Einer von zehn Amerikanern wird bereits Ende dieses Jahres von  Lebensmittelmarken abhängig sein, insgesamt über 28 Millionen US-Bürger - so die Prognosen der Fachleute. Kein menschenwürdiges Essen und keine menschenwürdige Unterkunft - das seien die Hauptprobleme der amerikanischen Billigstlöhner, berichtet Sandra Robertson von der "Koalition gegen den Hunger: "Wir hatten eine vierköpfige Familie, die benutzte ihr kleines Auto nachts bei klirrender Kälte als Wohnwagen. Sie brauchten das Auto, um zur Arbeit zu kommen. Aber obwohl beide Eltern arbeiteten, konnten sie sich kein Dach über dem Kopf leisten", sagt sie.

Der amerikanische Traum vom Sieg der ehrlichen Arbeit über die entwürdigende Armut ist in den Zeiten der Globalisierung ausgeträumt. Die Fabrik-Jobs, wo Arbeiter mit geringer Schulbildung durch harten Einsatz gutes Geld verdienen konnten, haben Seltenheitswert im zunehmend entindustrialisierten Amerika. Der zwanzigjährige Bob Blair ist auf der Suche nach einem solchen Job. Mit siebzehn Jahren habe er zum ersten Mal die drei Worte "the working poor - die arbeitenden Armen" gehört, erinnert sich Parkplatzwächter Bob Blair. Seit dieser Zeit verfolgten ihn diese Worte wie ein lebenslänglicher Alptraum, sagt er. Und machten ihn unendlich klein.

Stand: 03.07.2008 09:49 Uhr
 

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