Negative Folgen des jahrelangen Booms Norwegens Angst vor dem "Entenhausen-Effekt"

Stand: 11.04.2013 16:24 Uhr

Es klingt absurd, aber den Norwegern geht es offenbar zu gut. Seit Jahren steigen Einkommen und Lebensstandard, die geleisteten Arbeitsstunden gehen weiter zurück. Nun schlagen Experten Alarm. Sie warnen vor einem schleichenden Ende der Erfolgsgeschichte und einem "Entenhausen-Effekt".

Von Tim Krohn, ARD-Hörfunkstudio Stockholm

Der Sechser im Lotto liegt unter dem Meer. Den Norwegern gehen mittlerweile die Bohr-Plattformen aus, so viel Öl wird da immer noch vermutet. Die Reserven sind gigantisch, die Ölindustrie an der Nordsee floriert wie seit Jahren nicht mehr. 30 bis 40 Jahre lang - vermuten Experten - könnte es noch so weitergehen. Ein Sechser mit Zusatzzahl also.

Parlamentsgebäude in Norwegens Hauptstadt Oslo (Bildquelle: picture-alliance / Uwe Gerig)
galerie

Geht es den Norwegern zu gut? Menschen vor dem Parlamentsgebäude in Oslo.

Und trotzdem kommt Ivar Frones zu dieser Erkenntnis: "Donald-Duck-Leser werden sich erinnern, dass Onkel Dagoberts Fantastilliarden irgendwann mal alle durch die Luft flogen. Gustav Gans, aber auch Donald, waren plötzlich Millionäre. Und das erste, was sie gemacht haben, war, ihre Jobs bei Dagobert zu kündigen. Das Problem war nur, dass das alle gemacht haben. Und plötzlich ging gar nichts mehr."

Dieser, wie man liest, belesene Soziologe der Universität in Oslo hat die große Sorge, dass es seiner Stadt bald genauso ergehen könnte wie damals Entenhausen. Dagoberts reiche Neffen arbeiten immer weniger und das bei weiter steigenden Löhnen.

"Im Landesinneren stagniert alles"

Der Chefökonom des norwegischen Arbeitgeberverbandes, Tor Steig, sagt, einige Branchen im Land könnten das jetzt schon nicht mehr zahlen. "In den Regionen, die vom Ölgeschäft leben, ist die Lage nach wie vor gut. Aber in den Gegenden, die eher im Schatten der Ölwirtschaft stehen - vor allem im Landesinneren - stagniert alles, da steht die Industrie vor erheblichen Herausforderungen."

Die Lohnkosten in Norwegen haben sich in den vergangenen zehn Jahren um mehr als 50 Prozent erhöht. Das ist ungefähr sechs Mal so hoch wie zum Beispiel in Deutschland. Norwegens Firmen können das wiederum nur durch steigende Preise bezahlen - und verlieren damit wiederum den Anschluss. "Die starke norwegische Krone verbilligt die Importe. Und daraus schlagen die ausländischen Firmen natürlich Kapital. Sie sichern sich immer mehr Marktanteile bei uns auf dem heimischen Markt", sagt Experte Steig.       

Die Kosten in Norwegen laufen aus dem Ruder, wichtige Aufträge gehen ins Ausland. Der erfolgreiche Billigflieger Norwegian Air droht mittlerweile damit, nur noch mit asiatischen Crews zu fliegen. Norweger, heißt es lapidar, seien einfach zu teuer.

Zu reich für den Wettbewerb? Wohlstand bedroht Norwegens Wirtschaft
T. Krohn, ARD Stockholm
11.04.2013 15:28 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Sind die Norweger zu faul?

Frones, der mit der Donald-Duck-Geschichte, setzt da noch einen obendrauf. In seinen Augen sind die Norweger nämlich längst auch zu bequem geworden: "Nach unseren Untersuchungen kümmern sich Norweger nicht so sehr um die Karriere wie andere Europäer. Vor allem junge Leute wollen keine Führungsaufgaben übernehmen. Sie wollen eine spannende Aufgabe, eine gute Bezahlung und angenehme Arbeitszeiten. Das große Problem mit dem Wohlstand ist ja, dass er immer vom Moment und vom Konsum bestimmt ist."

Eine Ölbohrinsel des Konzerns Statoil im Öl- und Gasfeld Njord.
galerie

Den Norwegern gehen die Plattformen aus, so viel Öl gibt es noch zu fördern.

Spätestens Freitagmittag gehe es für die meisten in Oslo schon ab ins Wochenendhaus. Warum denn auch mehr arbeiten, wenn man nicht muss?

Die Norweger haben sich an den Luxus gewöhnt. Und genau das, sagt Frones, sei der ganz große Fehler: "Man kann sagen, bei uns ist der Reichtum vom Himmel gefallen. Es ist jedenfalls kein Reichtum, der aus einer langen Zeit der Produktivität entsteht. Wir erleben eine viel zu fette Zeit, in der man sich auch überlegen muss: Was passiert auf lange Sicht?"

Selbst die Touristen, sagt Frones, würden doch irgendwann zu Hause bleiben. Wer in Oslos Zentrum einen Hamburger plus Cola bestellt, zahlt jetzt schon umgerechnet so an die 20 Euro. Donald Duck würde ganz sicher einen Wutanfall bekommen.

Dieser Beitrag lief am 11. April 2013 um 14:57 Uhr auf NDR Info.

Darstellung: