Interview

Windräder (Bildquelle: REUTERS)

Experte zur Windenergie-Bilanz Windkraft - Boombranche oder Sorgenkind?

Stand: 30.01.2013 19:11 Uhr

Mehr als Tausend neue Windmühlen zwischen Nordsee und Alpen - das ist die positive Bilanz des Bundesverbands Windenergie für 2012. Doch die Branche kämpft mit politischen Unwägbarkeiten und Billigkonkurrenz aus China. Paul Kühn vom Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik sagt im Interview mit tagesschau.de, wo die Windkraft wirklich steht.

tagesschau.de: Herr Kühn, ist die Windkraft in Deutschland noch eine Wachstumsbranche?

Paul Kühn: In Deutschland, aber auch weltweit, gibt es nach wie vor einen Wachstumsmarkt für Windenergie. Allerdings haben viele Hersteller derzeit zu knapsen. Weltweite Überkapazitäten drücken den Preis auf dem Markt. Der Umsatz der Unternehmen wächst auch weiterhin, aber bei den Gewinnen kommt es zu Einbußen. Vor allem beim Exportgeschäft gibt es derzeit Probleme: Der Windmarkt in den USA ist instabil und China schottet sich ab.

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Zur Person

Paul Kühn ist Gruppenleiter im Bereich Energiewirtschaft und Netzbetrieb am Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik in Kassel. Der Ingenieur befasst sich mit Kleinwindanlagen und ist Mitautor des Windenergiereports, der die Entwicklung der Windkraft in Deutschland beschreibt.

tagesschau.de: Abhängigkeit von Subventionen und Billigkonkurrenz aus China - haben die Hersteller von Windkraftanlagen vergleichbare Probleme wie die kriselnde deutsche Solarwirtschaft?

Kühn: Es gibt viele Parallelen zur Solarindustrie. Der Druck ist da. Da ist zum einen die enorme Konkurrenz durch Niedrigpreise der Anbieter aus Fernost. Auch die Abhängigkeit von politischen Entscheidungen ist vergleichbar. Deshalb hat die ganze Branche im Herbst auf eine Wiederwahl Obamas gehofft, der den Ausbau erneuerbarer Energien fördert.

tagesschau.de: Wie sind deutsche Firmen international aufgestellt?

Kühn: Weltweit gibt es vielleicht 20 größere Hersteller von Windkraftanlagen. Marktführer ist das dänische Unternehmen Vestas. Auch deutsche Firmen gehören international zu den wichtigsten Herstellern. Darunter sind Mittelständler wie Enercon und Nordex, die sich ausschließlich auf Windenergie konzentrieren, und große Konzerne mit einer Windsparte wie Siemens.

tagesschau.de: Wie wichtig ist der Export für die deutsche Windindustrie?

Kühn: Zunächst ist der Binnenmarkt für die Hersteller sehr wichtig. Zwei Drittel des Umsatzes werden in Deutschland erwirtschaftet. Das ist typisch für die Branche: Viele Hersteller sind stark in ihren jeweiligen Heimatmärkten engagiert und dort häufig auch Marktführer, beispielsweise General Electric in den USA oder Enercon in Deutschland. Allerdings ist der derzeitige Zubau von rund 2,5 Gigawatt pro Jahr in Deutschland aus wirtschaftlicher Sicht zu wenig. Ähnlich wie die Autoindustrie sind Hersteller von Windkraftanlagen daher auch auf den Export angewiesen.

tagesschau.de: In Deutschland plant die Bundesregierung derzeit, die Ökostrom-Förderung zu deckeln. Wie stark hängt die Branche von der jeweiligen Förderpolitik ab?

Kühn: Die Planung einer Windkraftanlage dauert schon auf dem Festland drei bis vier Jahre. Bei Offshore-Anlagen braucht es noch einen viel größeren Vorlauf. Trotzdem hängt eine Investitionsentscheidung natürlich stark von der aktuellen Förderpolitik ab. Mittelfristig kann es drastische Folgen haben, wenn Fördermittel und damit Nachfrage wegbrechen - bis zur Schließung von Fabriken.

tagesschau.de: Der Bau von Windparks auf See kommt in Deutschland kaum voran: Gerade einmal 16 neue Offshore-Windmühlen wurden 2012 in Betrieb genommen. Warum geht das so langsam?

Kühn: Damit liegen wir in der Tat hinter den Erwartungen. Andererseits haben im vergangenen Jahr die Installationsarbeiten für fünf deutsche Offshore-Windparks begonnen. Klar ist, da gibt es noch sehr viel Forschungsbedarf insbesondere in Deutschland, wo die Anlagen in tieferen Gewässern gebaut werden. Außerdem gab es in der Vergangenheit immer wieder große Probleme beim Netzanschluss. Die Finanzierung der Anschlüsse und die Übernahme von Risiken waren nicht geklärt, das hat Investoren abgeschreckt. Viele Projekte sind deshalb vorerst in der Pipeline geblieben.

tagesschau.de: Windkraft auf See spielt eine zentrale Rolle für die Energiewende der Bundesregierung. Ist das überhaupt noch realistisch?

Kühn: Die Ausbauziele sind ambitioniert, aber die Technik steht zur Verfügung und die Hürden können alle genommen werden. Auch die Erfahrungen mit bestehenden Anlagen sind positiv. Das Beispiel Großbritannien zeigt, dass man auch in sehr kurzer Zeit große Kapazitäten zubauen kann.

tagesschau.de: Wie beurteilen Sie die Zukunft von Windkraft made in Germany?

Kühn: Windenergie ist nach wie vor ein Zukunftsmarkt - in Deutschland und international. Allerdings wird sich der Markt weiter differenzieren. In Bayern stehen schon heute sehr hohe Anlagen mit einer Nabenhöhe von 130 Metern, die speziell für das Binnenland ausgelegt sind. Die lassen sich nicht einfach durch eine x-beliebige Anlage ersetzen. Auch wenn vielleicht nicht jede Firma überleben wird, glaube ich nicht, dass in zehn Jahren bei uns nur noch chinesische Anlagen gebaut werden.

Das Gespräch führte Peter Neitzsch, tagesschau.de

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