Der Vorstandsvorsitzende der Volkswagen AG Martin Winterkorn | Bildquelle: picture alliance / dpa

Abgasaffäre Wusste Winterkorn schon früh Bescheid?

Stand: 13.01.2017 18:23 Uhr

Neue Indizien nähren nach Information von NDR, WDR und SZ den Verdacht, dass Ex-VW-Chef Winterkorn deutlich früher über den Abgasbetrug informiert war als bisher bekannt. Das ergibt sich aus den Ermittlungen des FBI. Es stützt sich auf mehrere Kronzeugen aus Wolfsburg.

Von Christine Adelhardt, Stephan Wels, Georg Mascolo, Thorsten Hapke, NDR

Was wusste Martin Winterkorn über die Manipulationen - und vor allem wann? Das ist im Abgasskandal immer noch die entscheidende Frage. Sie beschäftigt Heerscharen deutscher Rechtsanwälte, Staatsanwälte und amerikanischer FBI-Agenten. Glaubt man dem Unternehmen, dem Aufsichtsrat und ihm selber - dann wusste er nichts; dann hätte er seinen Job als VW-Vorstandsvorsitzender verloren, weil eine Gruppe verantwortungsloser Techniker ohne sein Wissen einen raffinierten technischen Betrug über Jahre hinweg in Szene gesetzt habe. Nach offizieller Darstellung von VW hat Winterkorn erst im Spätsommer 2015 von den Manipulationen erfahren.

Aber glaubt man den Technikern, in dem, was sie als Kronzeugen dem FBI darlegen, dann wandelt sich das Bild. Dann entsteht das Bild eines Machtapparats bei VW, in dem der Boss vom Unrecht womöglich weiß, vom Unrecht profitiert, ohne je dafür geradestehen zu müssen.

Vertrauter von Winterkorn im Zentrum

Die Schlüsselfigur in diesem System könnte der Manager Bernd Gottweis sein. Ihn hat jetzt die amerikanische Justiz wegen Betruges angeklagt. Er war einer der wichtigsten Vertrauten Winterkorns. Das war allen im VW-Konzern bekannt. Einer, der sehr offen mit dem VW-Chef sprechen konnte. Wenn man mit ihm redete, so schildert es ein Zeuge, dann konnte man davon ausgehen, dass es bei Winterkorn landet. Und damit rückt der Diesel-Betrug immer näher an den Ex-Konzernchef heran.

Gottweis war der Mann für schwierige Fälle, für Probleme und Rückrufe, der Feuerwehrmann. Aber ein hochrangiger Zeuge beschreibt, seine Rolle gegenüber dem FBI mit dem Begriff "Firewall", Brandschutzmauer. Gottweis' Rolle sei es gewesen, heikle Probleme zu lösen, Winterkorn zu schützen. Einer, der dafür sorgt, dass der Chef über heikle Dinge immer mündlich gut informiert wird, aber dass ihm schriftlich - und damit nachweisbar - möglichst wenig offiziell mitgeteilt wird. Es müsse Winterkorn erst jemand "nachweisen, dass er etwas gewusst hat" - so soll sich Gottweis immer wieder geäußert haben.

Wusste Ex-Chef Winterkorn schon früh Bescheid?
tagesthemen 21:45 Uhr, 13.01.2017, Christine Adelhardt/Svea Eckert, NDR

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Hinweise auf Betrug bereits im Juli 2012

Bereits im Juli 2012 - also mehr als drei Jahre bevor der Betrug aufflog - soll Gottweis von den Manipulationen erfahren haben. Das hat VW in seinem Schuldeingeständnis gegenüber den US-Behörden angegeben. Weil aufgrund der Betrugssoftware Filter verrußten und immer mehr VW-Kunden in die Werkstätten mussten, berichteten dies führende Ingenieure aus der Dieselentwicklung dem "Feuerwehrmann". Sie sollen Gottweis die Funktionsweise der manipulierten Software an Hand einer Skizze erklärt haben. Der Vertraute Winterkorns habe den Sinn und Zweck verstanden, ihm sei klar gewesen, dass es sich um ein verbotenes sogenanntes "defeat device" handelte, mit dem die Abgaswerte manipuliert wurden.

Anstatt die gesetzeswidrige Praxis zu beenden, habe Gottweis die Ingenieure aufgefordert, die Software weiter zu verwenden und vor den US-Behörden zu verstecken. Die Skizze zur Erklärung der Betrugssoftware sollten die Ingenieure vernichten. Er sei davon ausgegangen, so ein Kronzeuge gegenüber dem FBI, dass Gottweis Winterkorn nach diesem Termin informieren würde.

Weiterer Top-Manager wurde informiert

Heinz-Jakob Neußer | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Heinz-Jakob Neußer soll laut dem Schuldeingeständnis von VW ebenfalls im Juli 2012 über die Betrugssoftware informiert worden sein.

Auch Heinz-Jakob Neußer, Chef der VW-Dieselentwicklung, ist ein enger Vertrauter Winterkorns. Auch er hat den kurzen Draht, und auch über ihn rückt die Affäre näher an Winterkorn. Er soll laut dem Schuldeingeständnis von VW ebenfalls im Juli 2012 über die Betrugssoftware informiert worden sein. Und wie Gottweis soll er die Ingenieure angewiesen haben, mit dem Betrug fortzufahren und Dokumente zur Erklärung der Betrugsfunktion zu vernichten. Er soll verboten haben, den Begriff "defeat device" in Diskussionen zu verwenden.

Die Anwälte von Gottweis weisen alle Vorwürfe gegen ihren Mandanten zurück. Er habe nichts von der Betrugssoftware gewusst und "nichts verschleiert". Sie werfen den US-Behörden vor, Gottweis selbst bislang nicht befragt zu haben.

Auch die Anwältin von Heinz-Jakob Neußer beklagt, dass die amerikanischen Behörden ihren Mandanten angeklagt hätten, ohne ihn zu hören. "Ich habe den Eindruck man will gar nicht wissen, was Herr Dr. Neußer dazu sagt", so die Anwältin. Man habe die Rollen bereits verteilt. "Da gibt es die Guten, und da gibt es die schlechten." Dabei seien alle Kronzeugen selbst auch Beschuldigte.

FBI hält Kronzeugen für glaubwürdig

Derzeit ist unklar, ob die Angaben der Zeugen Bestand haben werden. Generell hält das FBI sie für glaubwürdig. Ob aber jede einzelne Aussage sich als wahr erweisen wird, lässt sich nicht sagen.

Gottweis soll jedenfalls mehrfach angekündigt haben, Winterkorn über die Dieselproblematik zu informieren. Als im April 2014 die erschreckend hohen Abgaswerte der VW Autos durch eine amerikanische Studie öffentlich wurden und die US-Umweltbehörden ermittelten, wurde Gottweis umgehend in Kenntnis gesetzt, auch über mögliche finanzielle Risiken. Bei dieser Sitzung, so wird es kolportiert, habe Gottweis gesagt: "Da muss ich dringend mit dem Chef sprechen." Einer der Kronzeugen ist deshalb überzeugt, dass Gottweis Winterkorn mündlich informiert hat.

Schriftlich verfasst Gottweis jedoch nur eine vieldeutige Notiz. Darin heißt es: "Es ist zu vermuten, dass die Behörden die VW-Systeme daraufhin untersuchen werden, ob Volkswagen eine Testerkennung in die Motorsteuergeräte-Software implementiert hat (sogenanntes defeat device)." Ein Wissender kann die Brisanz der Notiz einschätzen. Ein Unwissender womöglich nicht. Es ist eine geschickte Formulierung, die später nur wenig Beweiskraft haben wird für die Frage, ob Martin Winterkorn zu diesem Zeitpunkt schon von der Betrugssoftware wusste oder nicht.

Dann kommt der 27. Juli 2015. Am sogenannten Schadentisch erklärte ein Ingenieur die Betrugssoftware und mögliche finanziellen Konsequenzen. Es habe keine Nachfragen von Winterkorn gegeben, haben die Zeugen ausgesagt. Er sei nicht überrascht gewesen. Sie seien davon ausgegangen, dass Winterkorn den Sachverhalt bereits gekannt habe. Dafür spreche, dass der VW-Chef gesagt haben soll: "Und das alles wegen dieser Software".

Hinweise, aber kein klarer Beweis

Es ist ein feines Netz von Verdachtsmomenten gegen den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden. Kein klarer Beweis. Deshalb gehört er auch nicht zu den sechs VW-Managern, die vom Justizministerium in den USA namentlich beschuldigt werden. Und er gehört auch nicht zu den VW-Managern, gegen die die Staatsanwaltschaft Braunschweig wegen Betruges ermittelt.

Der Ex-Chef, Winterkorn, bleibt bislang bei seiner Darstellung. Er erklärte bei seinem Rücktritt, er habe sich nichts zuschulden kommen lassen.

Über dieses Thema berichten die tagesthemen am 13. Januar 2017 um 21:45 Uhr.

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