Zeichen für Radioaktivität | Bildquelle: picture alliance / dpa

Lieferungen in die USA Das heikle Geschäft mit dem URENCO-Uran

Stand: 14.06.2017 05:13 Uhr

Die Firma URENCO mit Sitz auch in Deutschland stand immer wieder wegen Uranlieferungen an marode Atomkraftwerke in der Kritik. Jetzt hat sich WDR-Recherchen zufolge der Verdacht bestätigt, URENCO könnte indirekt auch am US-Atomwaffenprogramm beteiligt sein.

Von Jürgen Döschner, ARD-Energieexperte

In dem verschlafenen Ort Murfreesboro im US-Bundesstaat Tennessee trifft sich im Mai der Vorstand des Kraftwerksbetreibers TVA. Auf der Tagesordnung: unter anderem das heikle Thema "Uranversorgung".

Heikel, weil TVA zwei Atomkraftwerke der besonderen Art betreibt: Watts Bar und Sequoyah. In ihnen wird nicht nur Strom, sondern auch Tritium produziert - ein unverzichtbarer Stoff für das Atomwaffenarsenal der USA. Das hier eingesetzte Uran wird also indirekt militärisch genutzt.

Verstoß gegen den Nichtverbreitungsvertrag

Am Ende erhält das europäische, halbstaatliche Unternehmen URENCO den Zuschlag. Bis 2030 soll die US-Tochter von URENCO angereichertes Uran nach Watts Bar und Sequoyah im Wert von 500 Millionen Dollar liefern - und damit auch indirekt für das US-Atomwaffenprogramm. Aus Sicht des Wiener Risikoforschers Wolfgang Liebert ein Tabubruch und ein Verstoß gegen den Nichtverbreitungsvertrag, den fast alle Staaten der Welt unterschrieben haben.

"Da darf es keine Unterstützung für Kernwaffenprogramme geben", sagt Liebert. "Wenn ein Land Technologie exportiert oder durch andere nutzen lässt, gibt es eine Art 'End-use-Klausel', dass sichergestellt sein muss, dass diese Technologie nur für friedliche Zwecke verwendet wird. Und genau das Gegenteil wäre hier der Fall."

URENCO-Deal hat politische Dimension

Auch Jürgen Trittin, Bundestagsabgeordneter der Grünen und ehemaliger Bundesumweltminister, ist empört: "Nach meiner Auffassung haben wir es hier klar mit einem Verstoß gegen den Vertrag von Almelo zu tun. Der schließt die Lieferung von Material für militärische Zwecke aus." Der Vertrag von Almelo ist die von Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden ausgehandelte Grundlage für den Betrieb von URENCO.

Aber es geht nicht nur um Verträge und Paragraphen. Für den Wiener Risikoforscher Liebert hat der URENCO-Deal auch eine politische Dimension: "Das Problem bei der Nachproduktion von Tritium ist hauptsächlich, dass man dem größten Kernwaffenstaat der Welt garantiert, dass dieses Atomwaffenprogramm dauerhaft weiterexistieren kann."

Uranlieferungen nur für friedliche Zwecke

Das widerspreche jedoch eindeutig den erklärten Zielen zur atomaren Abrüstung sowohl der niederländischen als auch der deutschen Regierung. Zwar liegen die deutschen Anteile an URENCO derzeit bei RWE und E.ON. Aber die Bundesregierung sitzt nach wie vor im Aufsichtsgremium, dem sogenannten "Gemeinsamen Ausschuss".

Auf Anfrage des WDR erklärte das zuständige Wirtschaftsministerium: "Zusammen mit den im Gemeinsamen Ausschuss vertretenen Partnern Großbritannien und Niederlande ist es die ständige Politik der Bundesregierung, dass von der URENCO bearbeitetes Material allein der garantierten friedlichen Nutzung zugeführt wird."

"Liefervorgang der Bundesregierung nicht bekannt"

Dieses Bekenntnis zur zivilen Ausrichtung von URENCO steht allerdings im Widerspruch zu dem jetzt bekannt gewordenen Vertrag mit der TVA. Die Bundesregierung erklärt das in ihrer Stellungnahme so: "Es handelt sich um einen (…) Liefervorgang innerhalb der USA. Dieser ist der Bundesregierung nicht bekannt."

Das wäre nicht nur ungewöhnlich, sondern widerspräche auch der gängigen Praxis. Der frühere URENCO-Chef Helmut Engelbrecht hatte 2015 in einem Interview mit der Wirtschaftswoche erklärt: "Alles, was mit angereichertem Uran und mit der Anreicherungstechnologie zu tun hat, ist Gegenstand der Überwachung und Kontrolle durch die Regierungen."

"Verträge müssen gekündigt werden"

Genau diese Kontrolle scheint aber im Fall des URENCO-TVA-Deals nicht funktioniert zu haben. Die Schließung der Uran-Fabrik im westfälischen Gronau hat der Münsteraner Bundestagsabgeordnete der Linken, Hubertus Zdebel, schon oft gefordert. Die Anlage wird von der Firma URENCO betrieben.

Nun geht er einen Schritt weiter: "Wir sind grundsätzlich der Auffassung, dass Deutschland aus der Urananreicherung aussteigen muss. Und die Verträge von Almelo und Washington müssen meines Erachtens umgehend durch Deutschland gekündigt werden."

RWE und E.ON am Deal nicht beteiligt?

Der Grüne Trittin will ebenfalls, dass Deutschland sich aus dem heiklen Geschäft der Urananreicherung zurückzieht: "Die ganze Veranstaltung macht in meinen Augen keinen Sinn. Es müsste einen klaren Schnitt seitens Deutschlands geben, dieses insgesamt zu beenden."

Die deutschen Anteilseigner RWE und E.ON erklärten auf Anfrage, man sei am operativen Geschäft von URENCO nicht beteiligt. Eine Beteiligung am Zustandekommen des Vertrages mit der TVA wies RWE explizit zurück. Die Firma URENCO selbst hat auf unsere Anfrage nicht reagiert.

URENCO offenbar am US-Atomwaffenprogramm beteiligt
J. Döschner, WDR
13.06.2017 21:35 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 14. Juni 2017 um 07:38 Uhr.

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