Unister-Logo

Prozess um Unister Die Reise(ver)führer

Stand: 11.01.2017 14:17 Uhr

In Leipzig hat der Prozess gegen drei Ex-Manager des insolventen Online-Reisevermittlers Unister begonnen. Sie sollen über Jahre Kunden betrogen und Steuern hinterzogen haben. Auf der Anklagebank hätte auch der Firmengründer sitzen sollen. Doch Thomas Wagner ist inzwischen tot und sein Start-Up-Imperium insolvent.

Von Sebastian Pittelkow, NDR

Es gibt ein Foto von einer Weihnachtsfeier aus dem Jahr 2011. Unister-Mitarbeiter recken, als eine Gruppe Krimineller verkleidet, Spielzeuggewehre in die Luft, manche rauchen Zigarillo. Zwischen ihnen posiert auch Firmengründer Thomas Wagner. Ein spaßiger Auftritt aus unbekümmerten Tagen des Konzerns.

Fünf Jahre später bekommt das Bild der Gaunerbande reale Konturen - zumindest nach Ansicht der Generalstaatsanwaltschaft Dresden. Sie hat drei ehemalige Top-Manager wegen banden- und gewerbsmäßigem Computerbetrug, Steuerhinterziehung und unerlaubten Betreiben von Versicherungsgeschäften angeklagt. Am Mittwoch wird sie vor dem Landgericht Leipzig eine mehrere hundert Seiten umfassende Anklageschrift vortragen. Damit beginnt einer der bisher größten Prozesse der Internet-Branche in Deutschland.

Prozessbeginn gegen Unister-Manager
tagesschau24 15:15 Uhr, 11.01.2017, Nadja Storz, MDR

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Video einbetten

Nutzungsbedingungen Embedding Tagesschau: Durch Anklicken des Punktes „Einverstanden“ erkennt der Nutzer die vorliegenden AGB an. Damit wird dem Nutzer die Möglichkeit eingeräumt, unentgeltlich und nicht-exklusiv die Nutzung des tagesschau.de Video Players zum Embedding im eigenen Angebot. Der Nutzer erkennt ausdrücklich die freie redaktionelle Verantwortung für die bereitgestellten Inhalte der Tagesschau an und wird diese daher unverändert und in voller Länge nur im Rahmen der beantragten Nutzung verwenden. Der Nutzer darf insbesondere das Logo des NDR und der Tageschau im NDR Video Player nicht verändern. Darüber hinaus bedarf die Nutzung von Logos, Marken oder sonstigen Zeichen des NDR der vorherigen Zustimmung durch den NDR.
Der Nutzer garantiert, dass das überlassene Angebot werbefrei abgespielt bzw. dargestellt wird. Sofern der Nutzer Werbung im Umfeld des Videoplayers im eigenen Online-Auftritt präsentiert, ist diese so zu gestalten, dass zwischen dem NDR Video Player und den Werbeaussagen inhaltlich weder unmittelbar noch mittelbar ein Bezug hergestellt werden kann. Insbesondere ist es nicht gestattet, das überlassene Programmangebot durch Werbung zu unterbrechen oder sonstige online-typische Werbeformen zu verwenden, etwa durch Pre-Roll- oder Post-Roll-Darstellungen, Splitscreen oder Overlay. Der Video Player wird durch den Nutzer unverschlüsselt verfügbar gemacht. Der Nutzer wird von Dritten kein Entgelt für die Nutzung des NDR Video Players erheben. Vom Nutzer eingesetzte Digital Rights Managementsysteme dürfen nicht angewendet werden. Der Nutzer ist für die Einbindung der Inhalte der Tagesschau in seinem Online-Auftritt selbst verantwortlich.
Der Nutzer wird die eventuell notwendigen Rechte von den Verwertungsgesellschaften direkt lizenzieren und stellt den NDR von einer eventuellen Inanspruchnahme durch die Verwertungsgesellschaften bezüglich der Zugänglichmachung im Rahmen des Online-Auftritts frei oder wird dem NDR eventuell entstehende Kosten erstatten
Das Recht zur Widerrufung dieser Nutzungserlaubnis liegt insbesondere dann vor, wenn der Nutzer gegen die Vorgaben dieser AGB verstößt. Unabhängig davon endet die Nutzungsbefugnis für ein Video, wenn es der NDR aus rechtlichen (insbesondere urheber-, medien- oder presserechtlichen) Gründen nicht weiter zur Verbreitung bringen kann. In diesen Fällen wird der NDR das Angebot ohne Vorankündigung offline stellen. Dem Nutzer ist die Nutzung des entsprechenden Angebotes ab diesem Zeitpunkt untersagt. Der NDR kann die vorliegenden AGB nach Vorankündigung jederzeit ändern. Sie werden Bestandteil der Nutzungsbefugnis, wenn der Nutzer den geänderten AGB zustimmt.

Einverstanden

Zum einbetten einfach den HTML-Code kopieren und auf ihrer Seite einfügen.

Niedergang einer unternehmerischen Hoffnung

Unister, das war einmal die unternehmerische Hoffnung im Osten. Ein Start-Up mit zwischenzeitlich 2000 Mitarbeitern und Milliardenumsätzen. Der Konzern schuf Innovationen und später etliche Ausgründungen, ein wachsendes Umfeld, dass heute noch junge Unternehmen von Berlin nach Leipzig zieht.

Bei dem 2002 als Projekt von Studenten in Leipzig gegründeten Unternehmen buchten später Hunderttausende Kunden ihre Reisen, auf Portalen wie fluege.de und ab-in-den-urlaub.de. Mehr als 60 nationale und internationale Websites gehörten zum Konzern.

Doch Ende 2012 klickte sich plötzlich auch die sächsische Sonderermittlungseinheit "Ines" durch die Internetseiten von Unister. Durchsuchungen folgten, drei Manager kamen kurzzeitig in Untersuchungshaft, darunter auch Firmengründer Thomas Wagner. Bis heute hat die Staatsanwaltschaft über 20.000 Seiten Ermittlungsakten zusammengetragen.

Was wird verhandelt?

Die Liste der Vorwürfe gegen die drei ehemaligen Unister-Manager liest sich wie ein Spiel großer Zahlen. Flugportalmanager Holger F. und Gesellschafter Daniel Kirchhof sollen demnach gemeinsam mit anderen Mitarbeitern mindestens 87.368 Kunden um etwa 7,6 Millionen Euro betrogen haben. Bei dem sogenannten "Runterbuchen" handelt es sich um ein komplexes Verfahren, bei dem Unister als Reisevermittler nach dem Verkauf eines Tickets Marktschwankungen ausgenutzt haben soll, um den Einkaufspreis zu drücken. Die Differenz sei aber nicht an die Kunden weitergegeben worden.

Zudem sollen sich die beiden Manager mit Thomas G., dem Leiter des Rechnungswesens, auch für Steuerhinterziehung in mehreren Fällen und für das unerlaubte Betreiben von Reiserücktrittsversicherungs-Produkten verantworten. So sollen sie für den Konzern mehrere Millionen umgesetzt und Hunderttausende Euro Steuern hinterzogen haben.

Unister hatte Vorwürfe der Ermittler stets zurückgewiesen. Für Kirchhof, als Gesellschafter einst beratend in Finanzthemen für die Unister-Gruppe tätig, geht es in dem Prozess um verschiedene Auffassungen, wie Rechtssprechung ausgelegt wird. Das Runterbuchen gilt beispielsweise als üblich in der Branche. "Von meiner Seite werde ich im Rahmen meiner Möglichkeiten zur vollständigen Aufklärung und Transparenz beitragen", sagt Kirchhof vor dem Prozessbeginn. 

Thomas Wagner | Bildquelle: picture alliance / dpa
galerie

Thomas Wagner war einer der beiden Unister-Gründer.

Neue Vorwürfe

Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft reichen allerdings noch weiter als bisher bekannt. Nach Recherchen des NDR soll etwa die Hinterziehung von Umsatzsteuern auf bestimmte Serviceentgelte selbst nach Bekanntgabe der diesbezüglich laufenden Ermittlungen im Dezember 2013 noch weiter betrieben worden sein.

Und nicht nur Kunden, sondern auch Geschäftspartner wären demnach getäuscht worden. So soll Flugportalmanager Holger F. Zahlungen an die Europäische Reiseversicherung bewusst unterlassen haben. Zudem laufen offenbar weitere Verfahren gegen Mitarbeiter aus der mittleren und unteren Ebene. Ob auch sie sich irgendwann vor Gericht verantworten müssen, ist noch offen.

Wrack des Flugzeugs von Unister-Chef Wagner
galerie

Ende einer grotesken Dienstreise: Beim Flugzeugabsturz in Slowenien starb Wagner im vergangenen Juli.

Der Firmengründer fehlt

Nur einer wird nicht im Gerichtssaal sein: Thomas Wagner, der Gründer des einstigen Internet-Imperiums. Dabei war sein Platz auf der Anklagebank nach dem Willen der Staatsanwaltschaft fest gebucht. Wagner kam im vergangenen Sommer bei einem Flugzeugabsturz in Slowenien ums Leben. Er war auf dem Rückweg von einem windigen Kredit-Deal. Sein Unternehmen war durch Misswirtschaft und die langen anhaltenden Ermittlungen inzwischen kurz vor der Pleite.

Wagner wollte mit dem Deal wohl zum letzten Strohhalm greifen. Statt Bargeld erhielt er aber größtenteils Falschgeld. Der Internet-Star war offenbar betrogen worden. Kurz nach dem Absturz meldete die Dachgesellschaft der Unternehmensgruppe Insolvenz an.

Dabei trafen die zentralen Vorwürfe der Staatsanwaltschaft vor allem Wagner, das einstige deutsche Wunderkind der Internet-Branche. Demnach hätten Mitarbeiter in seinem Auftrag und unter seiner Steuerung mutmaßliche Straftaten wie das sogenannte "Runterbuchen" begangen. Auch unrichtige Steuererklärungen seien in seinem Namen abgegeben worden. Als langjähriger Geschäftsführer war er die zentrale Figur des Konzerns, ein "Genie", wie ihn ehemalige Bewunderer in der eigenen Firma bezeichneten; ein Mann, der keine Moral besaß - so erinnern sich andere Mitarbeiter. 

Ab ins Gefängnis?

Für den Prozess gegen die drei ehemaligen Manager des Konzerns sind zunächst 18 Verhandlungstermine bis Juni 2017 angesetzt. Die Staatsanwaltschaft hat prominente Zeugen benannt, darunter Marcel Schmelzer, aktueller Kapitän von Borussia Dortmund, der als Kunde "runtergebucht" worden war. Ein weiterer Zeuge ist die einstige Unister-Werbefigur Reiner Calmund. Der ehemalige Fußballmanager sagt, er habe bis jetzt aber noch keine Ladung von Gericht erhalten.

Kommt es zu einer Verurteilung, könnten mehrjährige Haftstrafen drohen. Es wird ein langer Prozess mit ungewissem Ausgang für Kirchhof, Thomas G. und Holger F. - das ist dann das Ende dieser Unister-Reise.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 11. Januar 2017 um 12:00 Uhr.

Darstellung: