Interview

Preisverfall nach Revolution Tunesiens Tourismusminister plädiert für Revolutions-Soli

Stand: 10.03.2011 13:50 Uhr

Die Deutschen sollten nach Tunesien reisen - dort warte ein "schöner Urlaub zu günstigen Preisen", so Entwicklungsminister Niebel. "Die gesunkenen Preise tun mir weh", sagt hingegen der neue Tourismusminister des Landes, Houas, im Interview mit tagesschau.de. Reisende sollten aus Solidarität mehr zahlen als vor der Revolution.

Der Stand Tunesiens auf der ITB
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Auf der Tourismusmesse ITB warb Tunesien um Urlauber.

tagesschau.de: Nach der Revolution in Tunesien schrecken viele Deutsche vor Reisen in das Land zurück - die Bilder der Unruhen sind noch sehr präsent. Wie wollen Sie den Touristen das Gefühl von Sicherheit zurückgeben?

Mehdi Houas: Wir befinden uns in einer Phase der Demokratisierung. Mit der Präsenz von Polizei und Militär sorgen wir für Sicherheit und Stabilität. Tunesien ist ein freies Land, wir wollen unser Gesicht zeigen, ohne Scham, wir haben nichts zu verbergen. Es sind nicht mehr die gleichen Leute in der Regierung wie früher, die alten sind weg. Und am 24. Juli wird es Parlamentswahlen geben. Natürlich führen wir auch viele Gespräche mit den Regierungen in anderen Ländern und mit den Reiseveranstaltern.

alt Mehdi Houas, tunesischer Minister für Tourismus

Zur Person

Mehdi Houas wurde als Sohn einer tunesischen Familie in Marseille geboren. Der 51-Jährige studierte Ingenieurwissenschaften in Paris und Turin und lebt als selbständiger Unternehmer in Frankreich. Er führt ein Telekommunikationsunternehmen mit knapp 400 Mitarbeitern in mehreren Büros weltweit. Viele Jahre kam er nur ein paar Mal im Jahr zu Besuch zu seiner Familie nach Tunesien. Seit der friedlichen Revolution im Januar 2011 ist er in der Übergangsregierung des Landes Handels- und Tourismusminister.

tagesschau.de: Es gilt aber weiter der Ausnahmezustand.

Houas: Der Ausnahmezustand ist die politische Grundlage für die starke Polizei- und Militärpräsenz. Die Lage ist friedlich. Auch in Frankreichs Hauptstadt Paris, wo ich oft bin, gibt es beispielsweise in der Nähe des Eiffelturms viele Polizisten und Sicherheitsvorkehrungen. Und dennoch kommen Millionen Touristen zu Besuch, die sich sicher fühlen.

"In Berlin gelten schärfere Sicherheitsvorkehrungen"

Hotelanlage auf Djerba
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Viele Hotelanlagen in Tunesien - wie hier auf Djerba - sind derzeit wie ausgestorben.

tagesschau.de: Das Auswärtige Amt in Deutschland gibt aber weiterhin Sicherheitshinweise für Tunesien heraus: Reisen sollten auf die Badeorte am Meer und Djerba beschränkt und die Hotelanlagen nur mit organisierten Touren verlassen werden.

Houas: Andere Regierungen haben ihre Hinweise aber bereits aufgehoben, als erstes Land Großbritannien, gefolgt von Belgien. Es stimmt, die Hotelanlagen werden bewacht. Aber in Tunesien hat schließlich auch eine Revolution stattgefunden, das ist eine große Sache! Schon in einigen Monaten wird das anders sein.

Mein Ministerium befindet sich mitten in Tunis, im Herzen der Stadt, dort wo die Demonstrationen stattfanden. In das Gebäude kann man ohne Beschränkungen hinein- und wieder herausspazieren. Im Wirtschaftsministerium in Berlin, wo ich gerade zu Gesprächen war, finden Sie ganz andere Sicherheitsvorkehrungen. Ich gehe in Tunis raus aus meinem Büro zu den Menschen auf die Straße, sie erkennen mich und wir sprechen miteinander. Ganz friedlich.

Ja, es wird weiter protestiert in Tunesien und dabei kommt es auch noch zu Auseinandersetzungen. Aber die Menschen hier haben jetzt das Recht zu demonstrieren. Unter denen, die weiter auf die Straße gehen, gibt einen kleinen Kreis von Randalierern. So war es auch kürzlich, als es am Rande einer Kundgebung bei Streitereien unter Hooligans Tote gab.

tagesschau.de: Viele Menschen in Tunesien sind durch den Einbruch des Tourismus' ohne Arbeit. Als Folge daraus wächst auch die Angst vor zunehmender Kleinkriminalität.

Houas: Gibt es in Deutschland, gibt es in Berlin keine Kleinkriminalität? Davor habe ich keine Angst, wenn ich hier bin. Viel mehr Sorgen macht mir etwas anderes. Ich bin Tunesier und ich bin Franzose, da ich in Frankreich geboren wurde. Ich habe Angst vor der steigenden Beliebtheit von Le Pen in Frankreich und der zunehmenden Popularität von Rechtsextremen auch in anderen Ländern.

"Ich verdiene jetzt viel weniger"

Strand in Tunesien
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Auch zahlreiche Strände in Tunesien sind so gut wie leer.

tagesschau.de: Einige Reiseveranstalter hatten vorübergehend ihre Tunesien-Angebote eingestellt, jetzt laufen die Programme wieder an. Es ist Schnäppchenzeit: Die Preise sind deutlich gefallen. Wie solide sind diese Angebote?

Houas: Man kann diesen Angeboten schon vertrauen. Aber sie tun mir weh. Die Veranstalter hätten die Preise besser um zehn bis 15 Prozent erhöhen sollen. Das wäre ein solidarischer Akt gewesen, eine Solidaritätsbekundung mit Tunesien und der Demokratisierung. Wir werden in 2011 kein Geld verdienen. Aber wir investieren in die Zukunft. Ich selbst verdiene als Minister in der Übergangsregierung nur noch den 23. Teil meines bisherigen Einkommens. Aber ich finde, es ist das Beste, was ich gemacht habe. Es ist eine Investition in die Demokratie.

tagesschau.de: Bei der Werbung um Gäste stehen Sie in Konkurrenz zu Ägypten, das sich auch im Umbruch befindet und bei Deutschen ebenfalls ein beliebtes Urlaubsland ist. Wie gehen Sie in dieser Situation miteinander um?

Houas: Wir alle sind arm, aber sehr stolz und wir haben große Würde. Ägypten und wir sehen uns nicht als Wettbewerber um die Touristen. Es gibt Gespräche, wir wollen zusammenarbeiten, denn gemeinsam werden wir stärker sein. Jedes Land hat seine Besonderheiten. In Zukunft werden wir in Tunesien vor allem unsere Attraktionen in den Bereichen der Archäologie und des Kunsthandwerks herausheben.

"Es ist ein ganz neues Gefühl, jetzt in Tunesien zu sein"

tagesschau.de: Was ist außerdem notwendig, um die Touristen nach Tunesien zurückzuholen?

Houas: Wir haben viel zu bieten, wir wollen nun allen das wahre Gesicht Tunesiens zeigen. Was wir gemacht haben war kein Geschäft, kein Handel, sondern wir haben eine Revolution gemacht. Das ist eine langfristige Investition in unser Land. In diesen Tagen war ich das erste Mal in Berlin, das hat mich emotional sehr bewegt und ich bedauere sehr, dass ich nicht schon am Tag des Mauerfalls in Deutschlands Hauptstadt gekommen bin. In den vergangenen Jahren habe ich von Frankreich aus meine Familie in Tunesien immer besucht. Aber nun ist es ein ganz neues, ein ganz besonderes Gefühl, dort zu sein. Deshalb ist meine Aufforderung an die Urlauber: Kommen Sie jetzt zu uns.  

Das Interview führte Susanna Nolte für tagesschau.de

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