Präsident Erdogan bei einem Auftritt in Izmir | Bildquelle: REUTERS

Referendum in der Türkei Wirtschaftliche Lähmung vor dem Votum

Stand: 10.04.2017 05:02 Uhr

Der türkische Präsident Erdogan verspricht: Nach einem "Ja" beim Referendum werde es der Wirtschaft wieder besser gehen. Experten zweifeln daran. Fakt ist: Zumindest jetzt hat die Türkei einige wirtschaftliche Probleme.

Von Reinhard Baumgarten, ARD-Studio Istanbul

Die EU-Staaten sind die wichtigsten Wirtschafts- und Handelspartner der Türkei. Etwa die Hälfte aller Importe und Exporte wickelt die Türkei mit der EU ab. Für den Wahlkämpfer Recep Tayyip Erdogan scheint das nicht zu zählen, wenn er deklariert: "Wir haben es mit einem Kontinent zu tun, der in jeder Hinsicht immer weiter verfault. Und weil ihnen das auch bewusst ist, versuchen sie es zu vertuschen, indem sie Fremdenhass, Türken- und Islamfeindlichkeit schüren."

Die türkische Wirtschaft ist offiziellen Zahlen zufolge im vergangenen Jahr um durchschnittlich 2,9 Prozent gewachsen. Die Quote drohte niedriger auszufallen, aber Ankara wählte eine von Fachleuten in Zweifel gezogene neue Berechnungsmethode. Erdogan weiß, dass er von vielen Wählern am Erfolg seiner Wirtschaftspolitik gemessen wird. Die regierungsnahe Presse lobt die Erfolge.

"Kritisch - aber nicht desaströs"

Der Wirtschaftsexperte Necep Bagaoglu von der Germany Trade Invest GmbH beurteilt die Lage der Wirtschaft anders - kritisch, wie er sagt. Desaströs wiederum wäre etwas übertrieben, meint Bagaoglu.

Die Arbeitslosigkeit stieg innerhalb eines Jahres um drei Prozentpunkte auf jetzt 12,7 Prozent. Die Inflation kletterte auf 11,3 Prozent. Die Landeswährung verlor seit vergangenem Sommer knapp ein Drittel an Wert. Einerseits wolle die Regierung die Wirtschaft und die lahmende Konjunktur durch niedrigere Zinsen, durch Mehrausgaben des Staates ankurbeln, sagt Bagaoglu. Andererseits führe der Wechselkursrutsch - also die Abwertung der türkischen Lira - zu einer Kostensteigerung bei den Importen.

Kein Billiglohnland mehr

Bei den Importen gehe es nicht nur um Konsum- und Gebrauchsgüter, betont Bagaoglu: Die türkische Industrie ist zur Fertigung eigener Produkte stark von Importen abhängig. "Man ist sehr stolz, dass die Autoexporte unheimlich hoch sind und voranschreiten. Wenn man aber bedenkt, dass da immer noch mindestens 60 Prozent importierte Anteile drin sind - das sind Technologieprodukte wie Motor, oder Getriebe, die nicht in der Türkei hergestellt werden - dann sieht man, wo das Problem liegt."

Die Wertschöpfung aus eigener Kraft ist im internationalen Vergleich mit knapp elf Prozent eher gering. Gleichzeitig empfiehlt sich die Türkei wegen der in den vergangenen Jahren gestiegenen Einkommen nicht mehr als Billiglohnland.

Die Türkei müsse den Sprung vom Billiglohnland zum Industriestandort schaffen, meint Bagaoglu: "Dazu braucht man ein gutes Bildungssystem und man braucht Forschung, Und da ist die Türkei sehr schwach. Das Bildungssystem ist nicht gut, nicht praxisorientiert, und die Forschungsaufwendungen sind viel zu niedrig." Hinzu kommen die "Säuberungen" und Entlassungen an den Schulen und Universitäten des Landes, die das Bildungsniveau weiter nach unten zu drücken drohen.

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Instabilität schadet

Kritik und Mahnungen aus Europa weist Präsident Erdogan brüsk zurück: Nach dem Referendum würden Rechnungen beglichen und die EU müsse für viele Unverschämtheiten bezahlen.

Bis dahin und wahrscheinlich auch darüber hinaus seien die Wirtschaft und  viele Investoren in Wartestellung, meint Bagaoglu. Rechtsunsicherheit und politische Instabilität schaden der Wirtschaft - egal wo. Unternehmer wollen wissen, woran sie sind. In den vergangenen Wochen und Monaten habe es staatliche Übernahmen von Firmen gegeben: "Das sind natürlich keine guten Beispiele, die ausländische Firmen dazu ermutigen, in die Türkei zu kommen. Zumal es viel Konkurrenz gibt. Es gibt ja viele andere Länder, wo man investieren kann.“

Erdogan verspricht, dass es nach einem Ja für seine Allmachtswünsche wirtschaftlich bergauf gehen werde. Spötter kommentieren dieses Versprechen mit den Worten, wer die Absätze an seinen Schuhen vorne trage, der habe immer das Gefühl, dass es bergauf gehe.

Türkei: Wirtschaftsflaute und Referendum
R. Baumgarten, ARD Istanbul
10.04.2017 00:29 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. April 2017 um 05:54 Uhr.

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