Eine türkischer 100-Lira-Geldschein steht auf einem Stapel von 10-Lira-Scheinen | Bildquelle: REUTERS

Türkische Währung unter Druck Verzweifelte Maßnahmen gegen Lira-Verfall

Stand: 08.12.2016 16:56 Uhr

Die türkische Lira hat massiv an Wert verloren - Präsident Erdogan macht dafür ausländische Spekulanten verantwortlich. Tatsächlich aber sind die Gründe hausgemacht. Nun wird einiges unternommen, um die heimische Währung zu stabilisieren.

Von Oliver Mayer-Rüth und Murat Yuecalar, ARD-Studio Istanbul

Die Not scheint groß. So tagt am Nachmittag in Ankara der türkische Rat für wirtschaftliche Koordination. Gegen 16.30 Uhr Ortszeit verkündet Regierungschef Binali Yildirim ein Programm, das die Türkei aus einem wirtschaftlichen Tief retten soll. Der Staat bietet Unternehmen Kredite über ein Volumen von 250 Milliarden Lira an, um Investitionen zu fördern. Das sind umgerechnet knapp 70 Milliarden Euro. Dazu soll es Steuererleichterungen für den Bausektor geben. Arbeitgeber sollen ihren Anteil an der Sozialversicherung für die ersten drei Monate des kommenden Jahres erst in den letzten drei Monaten 2017 bezahlen. Weiterhin verkündet Yildirim Beschäftigungsprogramme für 600.000 Arbeitslose.

Eine gewaltige Anstrengung der türkischen Regierung, die zeigt, wie groß die Sorge der AKP-Regierung vor einer Rezession und massivem Stellenabbau ist. Nur wenige Monate vor einem geplanten verfassungsändernden Referendum, das die aufgrund des Ausnahmezustands nahezu grenzenlose Macht Erdogans durch die Einführung eines Präsidialsystems zementieren soll, bemüht sich Ankara um Schadenbegrenzung in jeder Hinsicht. Drei Mal forderte Staatspräsident Erdogan Ende letzter Woche sein Volk auf, Euro oder Dollar in türkische Lira zu wechseln.

Das zerstörte Polizeihauptquartier in der südosttürkischen Stadt Cizre
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Das zerstörte Polizeihauptquartier in der südosttürkischen Stadt Cizre: Der Kampf gegen die Kurden im Osten des Landes und die Anschläge kosten die Türkei viel Geld.

Basar Istanbul | Bildquelle: dpa
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Basar in Istanbul: Viele Händler bieten Vergünstigungen, wenn die Käufer Dollar in Lira tauschen, um die heimische Währung zu stützen.

"Kreative" Maßnahmen

Die Türken gehen mit Erdogans Wünschen kreativ um. Friseure bieten kostenlos Haarschnitte an, wenn Mitbürger Dollar umtauschen und die Tauschquittung vorlegen. Ein Restaurant in Gaziantep verspricht Hungrigen ein kostenloses Mittagessen, wenn diese einen Tausch von mindestens 200 US-Dollar nachweisen können. Fischhändler verschenken pro 100 umgetauschte Dollar ein Kilo Sardellen.

Innerhalb von sechs Tagen erholt sich die türkische Währung leicht, aber wohl eher, weil das türkische Verteidigungsministerium beispielsweise seine Rücklagen für Rüstungsinvestitionen in Lira getauscht hat. Weitere türkische Institutionen, die die Möglichkeiten haben, größere Devisenvolumen in Lira zu tauschen, folgen Erdogans Forderung. Zehn Milliarden Dollar werden so laut Regierungschef Yildirim umgetauscht. Touristen bekamen letzten Freitag knapp 3,6 Lira für einen Dollar. Inzwischen sind es rund 3,4 Lira. Erdogans Pressesprecher Ibrahim Kalin versichert, auch sein Chef habe seine Dollarreserven in Lira umgetauscht. Details wurden nicht preisgegeben.

Ganzes Bündel an Problemen

Die verzweifelte Rettungsaktion der heimischen Währung ist nur ein weiterer Höhepunkt der sich seit Monaten zuspitzenden wirtschaftlichen Probleme der Türkei. Zahlreiche Terroranschläge, Moskaus Sanktionen, nachdem die türkische Luftwaffe letztes Jahr im November einen russischen Kampfjet abgeschossen hatte und schließlich der Putschversuch Mitte Juli gaben dem Tourismus einen Dämpfer, der die Branche an der Ägäis und der türkischen Riviera in die Knie zwang.

Dazu kommt die von Drohungen und Groll geprägte Außenpolitik des Staatspräsidenten. Emre Yildiz, Manager einer türkischen Bank in Moskau, zählt den Konflikt zwischen der türkischen Armee und der Terrororganisation PKK, das Einmischen der türkischen Armee in die Konflikte im Irak und in Syrien und die Vorbereitung der türkischen Regierung auf ein Präsidialsystem dazu. "Der Rückgang im Tourismus und beim Export hat dazu geführt, dass Verbraucher weniger konsumieren und ihre Geldreserven zurückhalten", so Yildiz.

Der türkische Präsident Erdogan | Bildquelle: AP
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Vermutet Angriffe ausländischer Spekulanten: Der türkische Präsident Erdogan zum Verfall der Lira

Erdogan sieht feindliche Mächte

Staatspräsident Erdogan erklärt hingegen die Wirtschaftsschwäche mit einem Angriff ausländischer Spekulanten auf die türkische Lira. Es gebe keine ökonomischen Gründe für den Absturz der Lira, so Erdogan gestern in Ankara. Tatsache ist, dass die türkische Währung allein 2016 zwanzig Prozent ihres Wertes verloren hat. Internationale Investoren sehen die Türkei nach wie vor als einen prosperierenden Markt. Doch solange Erdogan außenpolitisch weiterhin Porzellan zerschlage und sich in großen Schritten von der EU entferne, so europäische Manager in Istanbul, die derzeit allesamt nicht genannt werden wollen, halten sich nichttürkische Unternehmen mit Investitionen zurück. Ob das türkische Wirtschaftsnotprogramm den Abwärtstrend aufhalten kann, ist deshalb fraglich.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 09. Dezember 2016 um 15:41 Uhr in der Wirtschaft.

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