Leere Liegen stehen am 19.07.2016 in Lara Beach in Antalya | Bildquelle: dpa

Tourismus in der Türkei Die Russen retten die Statistik

Stand: 15.07.2017 18:22 Uhr

Anschläge, der Putschversuch, Erdogans Nazi-Vergleiche - auch für Urlauber war die Türkei zuletzt nicht sonderlich attraktiv. Viele Hoteliers konnten sich nur dank der Russen vor der Pleite retten - und dank Gästen aus dem eigenen Land.

Von Christian Buttkereit, ARD-Studio Istanbul

Bereits 2016 waren die Buchungen eingebrochen. Der Grund damals: die zahlreichen Terroranschläge. Obwohl es nach dem letzten großen Anschlag am Jahreswechsel auf einen Istanbuler Diskothek ruhig geblieben ist, haben Reiseleiter im Touristenviertel Sultanahmet immer noch sehr wenig zu tun. "95 Prozent aller Touristen, die Sultanahmet und Umgebung besuchen, kamen aus Europa und Übersee", erzählt einer von ihnen. "Für diese Zielgruppe ist Sicherheit ein ganz entscheidender Faktor. Dieses Sicherheitsgefühl wieder herzustellen, ist uns bislang nicht gut gelungen."

Andere Gründe, die Türkei zu meiden, sind die politische Lage nach dem Umsturzversuch vor einem Jahr - und die scharfen Worte von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan Richtung Europa. Vor allem die Deutschen - die bisher die größte Touristengruppe ausmachten - bleiben wegen Erdogan weg, so die Erkenntnisse von Hoteliers in Antalya. So sank die Zahl der deutschen Urlauber in den ersten fünf Monaten des Jahres um ein Viertel gegenüber 2016. Der Einbruch gegenüber 2015 beträgt fast 50 Prozent.

Der leere Strand Konyaalti in Antalya, aufgenommen am 22.06.2016 | Bildquelle: dpa
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Zur Hauptsaison sieht es hier normalerweise anders aus: der Strand Konyaalti in Antalya, aufgenommen im Sommer 2016.

"Systematische Desiformationskampagne"

Tourismusminister Nabi Avci sieht trotzdem Licht am Ende des Tunnels. "Wir prognostizieren ein erfolgreicheres Jahr als 2016 - ins besondere durch den erneuten Aufschwung im Russland-Markt. Es kommen wieder mehr russische Urlauber in die Türkei."

Auch auf dem westeuropäischen Markt bewege sich etwas, so der Minister - und fügt an: "Allerdings gibt es dort leider eine systemathische Desinformationskampagne gegen die Türkei. Da wird Türkei-Feindlichkeit via Erdogan-Feindlichkeit geschürt. Das hat natürlich negative Auswirkungen auf unsere Tourismusbranche."

Ein Anstieg - nach Ende des russischen Boykotts

Tatsächlich ist die Zahl russischer Urlauber sprunghaft angestiegen: von 138.000 in den ersten fünf Monaten 2016 auf fast eine Million im gleichen Zeitraum des laufenden Jahres.

Doch der Vergleich hinkt. Denn für 2016 hatte die russische Regierung Charterflüge in die Türkei verboten. Anlass war der Abschuss eines russischen Kampfjets durch türkische Soldaten an der türkisch-syrischen Grenze. Doch auch gegenüber 2015 gibt es ein Plus von 20 Prozent.

Einheimische Touristen geben zu wenig Geld aus

Außer Russen verbringen vor allem Ukrainer, Iraner, Israelis und Iraker gerne ihren Urlaub in der Türkei. Insgesamt kamen nach Angaben des Tourismusministeriums von Januar bis Mai 8,7 Millionen Touristen, ein Plus von 5,5 Prozent gegenüber 2016. 

Das reiche allerdings noch nicht, um die vielen Betten rund um Antalya und Alanya zu füllen, sagt Mehmet Islervom türkischen Hotelerieverband. "Wir besinnen uns dieses Jahr zurück zum einheimischen Urlauber. Die bilden mit sechs Millionen ja eigentlich auch den größten Anteil im Tourismus."

Doch die Sache hat einen Haken: Einheimische Touristen geben längst nicht so viel Geld aus wie Urlauber aus Europa oder den USA. Die Gefahr, die Krise wirtschaftlich nicht zu überleben, sei noch nicht gebannt, befürchten Hoteliers. Eine Hotelbetreiberin erzählt: "Es geht allerdings nicht einzig und allein darum, die Zahl der Urlauber zu vermehren und die Hotelanlagen zu füllen. Wenn die Zimmerpreise weiterhin gering bleiben, bleiben auch unsere Probleme bestehen."

Ein Mann mach ein Selfie - mit der Hagia Sophia im Hintergrund | Bildquelle: AP
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Auch im Istanbuler Touristenviertel Sultanahmet gibt es für Reiseleiter gerade wenig zu tun.

Airline stockt Zahl der Verbindungen wieder auf

Der Tourismus am Schwarzen Meer spielt in den Statistiken keine besonders große Rolle. Doch auch hier leidet man unter der weltpolitischen Lage. Die kühlen Bergseen und Almen waren besonders bei Touristen aus den Golfstaaten beliebt. Durch die Katar-Krise bleiben viele Betten leer.

Für die Deutschen scheinen Demokratiedefizite und Nazi-Vergleiche allmählich an Abschreckungswirkung zu verlieren. Weil es eine hohe Nachfrage nach Last Minute gebe, kündigte eine Billigfluggesellschaft Anfang Juli an, die Verbindungen zwischen Deutschland und der Türkei um 20 Prozent aufzustocken.

Türkei-Tourismus: Leichte Erholung von Putschversuch und Nazi-Vergleichen
Christian Buttkereit, ARD Istanbul
15.07.2017 16:37 Uhr

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