Griechenland nach einem Jahr unter Tsipras Das enttäuschte Volk

Stand: 25.01.2016 11:29 Uhr

Nach Jubeln ist den Griechen derzeit nicht zumute. Ihre Hoffnungen in die Syriza-Regierung haben sich nicht erfüllt. Die Krise bleibt allgegenwärtig: Bei den Händlern auf dem Markt, bei demonstrierenden Akademikern und Musikern.

Von Wolfgang Landmesser, ARD-Studio Athen

Ein Geschäft für Nüsse und getrocknete Früchte an der Athinas-Straße: Hat sich etwas verändert nach einem Jahr Syriza-Regierung? Dazu gebe es nicht viel zu sagen, meint er, während er Mandeln in eine Tüte füllt. Alle Parteien seien doch gleich. Verändert habe sich nichts. Vor der Krise sei das Gedränge auf dem Markt groß gewesen - heute könnten die wenigen Kunden einfach so durch spazieren.

Ein Grieche an einem Marktstand in Athen | Bildquelle: dpa
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Ein Mann steht am 20. Januar an einem Marktstand in Athen. Die Händler blockieren mit ihren Waren aus Protest gegen die Sparpolitik den Eingang eines Ministeriums.

"Europa will, dass Tsipras scheitert"

Für den freiberuflichen Musiker Parakletos liegt es auf der Hand, warum die Stimmung so schlecht ist: "Sie müssen sich doch nur in die Lage eines Menschen versetzen, der seit drei Jahren arbeitslos ist. Die Situation ist tragisch. Die Politiker führen uns an der Nase herum. Sie haben zum Beispiel eine Solidaritätssteuer beschlossen, aber davon bekommen die Arbeitslosen nichts", sagt er.

Ein paar Schritte weiter in der Markthalle mit den Fischständen. Philippos Philippakis, der seit 40 Jahren hier arbeitet, preist seine Waren an. Aber das Geschäft laufe nach wie vor schlecht. "Alles ist wie gehabt - nichts als Armut, Armut, Armut. Die Griechen haben kein Geld, um einkaufen zu gehen."

Die Schuld daran gibt er nicht der Regierung von Ministerpräsident Alexis Tsipras - allein gegen den Rest von Europa könne er gar nichts ausrichten. "Er steht einem feindlichen Europa gegenüber. Europa will, dass Tsipras scheitert. Damit es kein Beispiel dafür gibt, dass die Linke erfolgreich ist", meint der Händler. "Für mich ist die einzige Lösung, dass das griechische Volk entscheidet, Europa zu verlassen und aus der Eurozone auszutreten."

Rechtsanwälte, Ärzte und Ingenieure demonstrieren

Ein Euroaustritt stand im vergangenen Sommer kurz bevor. Aber in letzter Sekunde akzeptierte Tsipras ein neues Reformprogramm. Nach seinem ersten Wahlsieg wurde der Syriza-Chef von einer Aufbruchstimmung getragen. Ein Jahr danach ist er konfrontiert mit der Wut der Griechen. Viele, die ihn gewählt haben, gehen jetzt gegen ihn auf die Straße. "Ihr werdet uns nicht aus dem Land vertreiben", steht auf dem Schild eines Demonstranten. Ein Schutzhelm, ein Stethoskop und eine Krawatte sind darauf zu sehen - Symbole für die freien Berufe, die sich gegen die geplante Rentenreform wehren.

"Ihr werdet uns nicht aus der Stadt vertreiben" - Ingenieure, Anwälte und Ärzte demonstrieren in Athen. | Bildquelle: AFP
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"Ihr werdet uns nicht aus dem Land vertreiben" - Ingenieure, Anwälte und Ärzte demonstrieren in Athen.

Tausende Rechtsanwälte, Ärzte und Ingenieure sind dagegen auf die Straße gegangen. Viele von ihnen zum ersten Mal. Weil es ihnen an die Existenz gehe, sagt der Bauingenieur Terios Simopoulos: "Ich habe ein Ingenieurbüro, meine Frau ist Rechtsanwältin. Also betrifft uns das Problem von beiden Seiten. Die geplanten Beitragserhöhungen sind vielleicht der letzte Schlag für uns, das könnten wir finanziell nicht überstehen." Weit über die Hälfte seiner Einnahmen würde ihm der Staat wegnehmen, wenn die Reform durchkomme. Viele seiner Kollegen - wie der Elektroingenieur Kostas - sind schon jetzt nicht mehr in der Lage, ihre Sozialversicherungsbeiträge zu zahlen. "Ich habe mein Büro, aber im Moment keine Arbeit und kann weder Beiträge noch Steuern zahlen. Wir werden in die Armut gesteuert. Wir sind die neuen Armen", sagt er.

Warten auf Investitionen und Jobs

Ein Jahr nach dem Tsipras-Triumph gibt es wenig Hoffnung. Auch weil sich bislang kein Aufschwung abzeichnet. Die Wirtschaft ist im vergangenen Jahr zwar nicht so stark eingebrochen wie befürchtet. Aber erst wenn die Unternehmen wieder investieren und neue Jobs schaffen, wird sich die Stimmung in Griechenland verbessern.

Die Hoffnung ist verflogen - Stimmung in Griechenland
W. Landmesser, ARD, zzt. Athen
25.01.2016 11:04 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 25. Januar 2016 um 11:30 Uhr auf NDR Info.

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