Eine tote Pute liegt vor anderen Puten in einem Stall. | Bildquelle: ARIWA

Verdacht auf schwere Tierschutzverletzungen Erschütternde Bilder aus Ställen von Bauern-Chefs

Stand: 19.10.2016 16:44 Uhr

In Ställen von führenden Funktionären deutscher Landwirtschaftsverbände ist es offenbar zu massiven Tierschutzverletzungen gekommen. Das zeigen heimliche Aufnahmen von Tierschutz-Aktivisten, die NDR und SZ vorliegen.

Von Oda Lambrecht und Christian Baars, NDR

Schweine laufen über saubere Böden, Bauernhände liebkosen ein Ferkel - mit solchen Bildern versucht der Deutsche Bauernverband am Image der Schweinehalter zu arbeiten. Das Motto: "Wir machen Tierwohl". "Die deutsche Tierhaltung steht für tiergerechte Tierhaltung", sagte Joachim Rukwied beim Spitzentreffen des Bauernverbands im Juni dieses Jahres. "Wir haben hier eine gewisse Vorbildfunktion - auch weltweit gesehen."

So gesehen müssten insbesondere die Chefs der wichtigen Landwirtschaftsverbände in Deutschland besondere Vorbilder sein. Doch Aufnahmen der Tierschutz-Organisation "Animal Rights Watch" (ARIWA), die NDR und Süddeutscher Zeitung vorliegen, zeigen nun ein ganz anderes Bild: schwer verletzte Schweine, dreckige Ställe voller Kot, Ferkel, die brutal getötet werden, Puten mit tiefen, klaffenden Wunden.

Riesige offene Wunden

Die Tierschutz-Aktivisten haben im vergangenen Jahr in mehreren Ställen gefilmt - unter anderem in einer Schweinemast in Saerbeck nahe Münster: Der Betrieb gehört einem der wichtigsten und einflussreichsten Vertreter der Schweinehalter, dem Vorsitzenden des Zentralverbandes der Deutschen Schweineproduktion (ZDS), Paul Hegemann.

Ein Schwein mit roten Augen. | Bildquelle: ARIWA
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Im Stall von Paul Hegemann filmten die Tierschützer mehrere Schweine mit geröteten oder vereiterten Augen.

Die Aufnahmen von dort zeigen Tiere mit riesigen, offenen Wunden am After, dort wo früher einmal der Schwanz war. Zu sehen sind Buchten voller Kot, hustende Schweine, andere mit roten oder vereiterten Augen. Erasmus Müller von ARIWA sagt, die Filmer, die in dem Stall gewesen seien, hätten sich wegen der schlechten Luft dort kaum aufhalten können. Sie seien sofort kurzatmig geworden. Luft-Messungen zeigten Ammoniakwerte, die dreimal so hoch waren wie der gesetzliche Höchstwert.

"Absolut schockierend, abstoßend"

"Absolut schockierend" und "abstoßend" seien die Bilder, sagt Prof. Matthias Gauly, ein renommierter Veterinärwissenschaftler von der Universität Bozen. Er ist Mitglied im Agrarbeirat der Bundesregierung. NDR und SZ haben ihm Ausschnitte aus den Videos gezeigt, ohne vorher zu sagen, aus welchem Betrieb sie stammen. Matthias Gauly kritisierte die Haltung scharf: "Es ist weder die notwendige Fürsorge da noch hat der Landwirt, der diese Schweine betreut, eine Kenntnis von dem, was er da tut".

Auch Diana Plange, Fachtierärztin für Tierschutz und vereidigte Sachverständige für Tierschutzfragen, hat sich die Aufnahmen angesehen. In ihren Augen liegt hier eine "in hohem Maße tierschutzwidrige Haltung" vor, aus "rechtlichen und ethischen Gründen absolut unvertretbar". Die Tiere hätten "über einen längeren Zeitraum erheblich gelitten und das wäre vermeidbar gewesen", so Plange.

Paul Hegemann selbst wollte sich nicht äußern. Eine Vertreterin seines Verbands erklärte: "Grundsätzlich bedauern wir das Entstehen solcher Bilder, die es in einer tierwohlgerechten Schweinehaltung zu vermeiden gilt." Ursache für die Verletzungen und Erkrankungen der Tiere seien Kannibalismus beziehungsweise ein Infektionsgeschehen. Die Schweine seien jedoch tierärztlich behandelt worden. Die Verschmutzungen würden "aus der Verfütterung von Nebenprodukten der Backwarenindustrie" resultieren, so der Schweineproduktions-Verband ZDS.

Kannibalismus unter den Tieren

Auch in Ställen des Präsidenten des Zentralverbands der Deutschen Putenerzeuger, Thomas Storck, haben die Tierschutz-Aktivisten im vergangenen Jahr mehrfach gefilmt. Zu sehen sind unter anderem Puten, die apathisch am Boden hocken, Tiere mit Verletzungen an Brust und Füßen, dazwischen immer wieder Kadaver, vor allem aber Tiere mit großen offenen Wunden, die sie sich offenbar gegenseitig zugefügt haben.

Puten neigen dazu, Artgenossen anzufressen. In diesem Fall aber sei ein Kannibalismus in einem Ausmaß zu sehen, "der weit über das hinausgeht, was eigentlich üblich ist", sagt Matthias Gauly. Der Landwirt hätte seiner Einschätzung nach deutlich früher eingreifen müssen.

Der Vorsitzendes des Verbands Deutscher Putenhalter, Thomas Storck, (li) mit Landwirtschaftsminister Christian Schmidt. | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Storck (l) - hier mit Landwirtschaftsminister Christian Schmidt - räumte die Probleme ein.

Stallinhaber und Verbandschef Thomas Storck räumte auf Anfrage von NDR und SZ die Probleme schriftlich ein. Es seien "erschreckende", "schlimme Bilder", so Storck. Er sei "in höchstem Maße betroffen und traurig. Allerdings seien die Bilder "nicht repräsentativ für den Zustand der gesamten Herde". Außerdem sei er selbst im Herbst vergangenen Jahres auf die Probleme aufmerksam geworden. Die zuständigen Tierbetreuer habe er bereits Anfang 2016 entlassen. Mittlerweile würden die Anlagen wieder ordnungsgemäß geführt. Er stehe "aus Überzeugung für eine tiergerechte Putenhaltung", so Storck.

Brutales Erschlagen von Ferkeln

Weitere Aufnahmen stammen aus einer Ferkelzucht in Thüringen. Einer der beiden Geschäftsführer des Betriebs ist Helmut Gumpert, Präsident des Thüringer Bauernverbandes. In einem Stall haben die Tierschutz-Aktivisten einen Tag lang eine versteckte Kamera installiert. Diese Aufnahmen zeigen eine Tierbetreuerin, die offenbar versucht, neugeborene Ferkel zu erschlagen. Sie schleudert sie auf den Betonboden. Ein Tier, das danach offenbar nicht tot ist, klemmt sie unter eine Buchtwand, wo es noch weiter zappelt.

"Ein grober Verstoß gegen das Tierschutzgesetz und sicherlich auch eine Straftat" sei dies, sagt Diana Plange. Laut Gesetz müssen Tiere zunächst betäubt und anschließend durch Blutentzug getötet werden. Das habe hier "definitiv nicht stattgefunden", so Plange.

Die Firma erklärte über einen Anwalt, dass es in dem Betrieb "strenge Vorgaben für die Nottötung von Ferkeln" gebe. Bislang seien der Geschäftsführung keine Verstöße dagegen bekannt geworden. Der Verdacht werde jedoch "sehr ernst" genommen. "Der Sache wird betriebsintern nachgegangen", so der Anwalt. Sollte sich tatsächlich herausstellen, dass "Nottötungen weisungswidrig durchgeführt wurden", werde der Betrieb "arbeitsrechtliche Konsequenzen ziehen".

"Hohes Potenzial an Tierleid"

Ein weiterer Top-Funktionär und einflussreicher Mann der Agrarbranche ist Johannes Röring, CDU-Bundestagsabgeordneter, Bauernpräsident in Westfalen-Lippe und im Deutschen Bauernverband der Vorsitzende des Fachausschusses Schweinefleisch. Auf Bildern von seinem Familienbetrieb in Vreden nahe der holländischen Grenze sind ebenfalls schwer verletzte Tiere zu sehen. Eines kann offenbar nicht mehr aufstehen, robbt sich mühsam vorwärts. Die Aufnahmen zeigen laut Matthias Gauly "die schlechteste Form der Schweinehaltung, die man sich vorstellen kann mit einem hohen Potenzial an Tierleid" und "mit katastrophalen hygienischen Bedingungen."

Viele Stallbuchten sind stark verdreckt, Ammoniak-Messungen zeigen Werte, die mehr als doppelt so hoch liegen wie erlaubt. In den Aufnahmen sind auch Kadaver zu sehen, einer wurde offensichtlich mehr als einen Tag lang liegen gelassen und von anderen Schweinen angefressen. Tierärztin Plange wirft dem Halter deshalb eine mangelnde Fürsorge vor. Die vorgeschriebenen Kontrollen seien entweder gar nicht erfolgt oder nur sehr oberflächlich. Auf keinen Fall sei dies eine Schweinehaltung, "die man als unbeanstandet durchgehen lassen würde", so Plange. "Da würde man tatsächlich eine Anzeige machen wollen."

Abgeordneter bestreitet Vorwürfe gegen Familienbetrieb

Johannes Röring, Bauernpräsident in Westfalen-Lippe und CDU-Bundestagsabgeordneter. | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Johannes Röring, Bauernpräsident in Westfalen-Lippe und CDU-Bundestagsabgeordneter, wehrt sich gegen die Vorwürfe.

Röring selbst hat sich nicht zu den Aufnahmen geäußert. Vor einer Woche haben NDR und SZ ihm einige Bilder geschickt. Zunächst hieß es, er werde sie prüfen, würde dann ein Interview geben. Doch ein persönliches Gespräch kam nicht zustande. Stattdessen schickte sein Anwalt ein Schreiben. Darin heißt es, die Haltungsbedingungen im Stall seien zum Zeitpunkt der Bildaufnahmen "einwandfrei" gewesen. Auf den Bildern sei "nichts zu sehen, was einen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz darstellen könnte". Die erkrankten und verletzten Tiere seien umgehend behandelt worden. Und der Kadaver sei "erst kurz vor der Aufnahme in das Abteil gelegt worden", um es dort zu fotografieren. Die Tierschutz-Aktivisten bestreiten, dies getan zu haben.

Anfang dieser Woche - also einige Tage, nachdem NDR und SZ ihn über die Vorwürfe informiert und um eine Stellungnahme gebeten hatten - trat Röring als Redner im Münsterland auf: beim "Veredlungstag", dem Spitzentreffen der Schweinehalter im Deutschen Bauernverband. "Eines möchte ich nicht", betonte er dort, "für mich selber nicht, aber auch für Sie als Berufskollegen, dass wir ständig und jeden Tag im Dauerfeuer der Kritik stehen." Das Ziel sei "ein gesellschaftlicher Konsens", der laute, "die Tierhaltung in Deutschland ist in Ordnung. Und wir sind stolz, dass wir so gute Tierhalter haben."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 22. September 2016 um 17:00 Uhr.

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