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Energiegipfel im Kanzleramt: Neben der Atompolitik ist bei Merkels Gesprächen mit Vertretern der Bundesländer vor allem der Bau neuer Stromleitungen zentrales Thema. Denn das deutsche Stromnetz ist veraltet - und es wäre einer Energiewende nicht gewachsen.
Von Werner Eckert, SWR-Umweltredaktion
Ein Drittel der Stromrechnung eines normalen Haushaltes geht für das sogenannte Netzentgelt drauf. Damit kaufen die Energiekonzerne keine Kohle und auch kein Uran, damit bauen sie keine Kraftwerke, sondern das ist der Preis für die Masten, Leitungen, Umspannwerke und Kabel. 36.000 Kilometer Höchstspannungsnetz, 70.000 Kilometer Hochspannungs- und eine Million Kilometer Niederspannungskabel durchziehen die Republik. Das verschlingt auch ein Drittel der Investitionen in der Stromwirtschaft, also etwa zwei Milliarden Euro jährlich - und selbst das ist eigentlich noch zu wenig.
Denn vor allem das Hoch- und Höchstspannungsnetz hat Probleme: Es ist alt. Die meisten Strecken sind relativ schnell nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden. Dann gab es noch eine Bau-Welle in den 1970er-Jahren. Diese Strecken kommen jetzt alle in die Jahre. Weiter ist das Netz ziemlich starr auf die bisherige Struktur der Energieerzeugung ausgerichtet. Es ist sehr gleichmäßig gestrickt, gleichmäßig dünne - oder dickere - Schnüre, die die Kraftwerke verbinden. Diese Kraftwerke sind wiederum so angeordnet, dass sie nahe an den Industriezentren und Ballungsräumen liegen.
Doch schon seit geraumer Zeit werden die Kraftwerke nicht mehr gebaut, wo das Netz gerade mal eine Stütze braucht, sondern da, wo der Brennstoff billig ist: Kohle an den Häfen, Gas am Ende der Pipelines, Wind vor allem an der Küste. Insgesamt wird immer mehr Strom im Norden gewonnen und im Süden verbraucht. Das zerrt am Netz. Die Nord-Süd-Strecken müssten viel dicker sein, richtige Taue statt eines Netzes.
[Bildunterschrift: Das Stromnetz in Deutschland ist in mehrere Regionen unterteilt, die sogenannten Übertragungsnetze, die in dieser Grafik grob schematisch dargestellt sind. Die dena-Netzstudie prognostiziert, in welchen Regionen künftig mehr Strom produziert als verbraucht wird (blaue Kreise) und in welchen dies umgekehrt ist (rote Kreise). Um diesen Strom zwischen den Regionen verteilen zu können, müssen neue Leitungen gebaut werden. Denn laut dena-Prognose gibt es an 70 Prozent der Regionengrenzen Engpässe im Stromleitungsnetz. ]Wind und Sonne liefern Strom nicht nach den Bedürfnissen der Stromverbraucher, sondern nach der Natur. Deshalb muss ihre Energie gespeichert werden - zum Beispiel in Pumpspeicherkraftwerken in Norwegen oder in Österreich. Auch dazu braucht es neue, starke Verbindungen. Das gilt erst recht, wenn einmal kühne Pläne wahr werden, wie etwa das Desertec-Projekt, bei dem Sonnenenergie in der Sahara gewonnen und zu uns transportiert werden soll. Dazu braucht man völlig neue transeuropäische Netze. Und das sollten Gleichstromverbindungen sein, nicht Drehstrom wie bisher, weil hier die Transportverluste viel zu hoch sind.
Auf der anderen Seite gibt es die gegenläufige Entwicklung: es wird immer mehr Strom in kleinen Einheiten erzeugt und eingespeist. Kleine Heizkraftwerke in Wohngebieten, Solardächer, Biogasanlagen - diese dezentralen Anlagen müssen sinnvoll in das Netz integriert werden. Grob gesagt ist dieses Netz aber auch für solches "Kleinvieh" nicht eingerichtet - eher für die "Braunkohle-Dinosaurier". Auch das stellt neue Anforderungen.
Die Deutsche Energie-Agentur (dena) hat eine Berechnung vorgelegt, wie das Netz bis 2025 umgestrickt werden könnte. Der billigste Weg ist demnach die Ergänzung des bestehenden Netzes mit 3600 Kilometern neuen Leitungen. Eine kaum teurere Alternative wäre aber eine dicke Gleichstromverbindung von Schleswig-Holstein bis nach Baden-Württemberg plus neue Verteilerleitungen. Investitionsbedarf: etwa eine Milliarde Euro im Jahr. Übersetzt in den Verbrauch bedeutet das 0,2 bis 0,4 Cent mehr pro Kilowattstunde.
Das Netz ist ein Politikum, denn auch wenn gerne von Netzen im Plural die Rede ist: es gibt nur ein Netzsystem - und damit keinen echten Wettbewerb. Deshalb gibt es die Bundesnetzagentur. Die sichert den staatlichen Einfluss, legt fest, wo und was neu gebaut werden darf, und genehmigt auch gleich die höheren Netzgebühren, die dann fällig werden. Das sichert einem Netzbetreiber eine stabile Rendite.
Im konkreten Fall kommt dann noch der Widerstand vor Ort dazu. Denn neue Trassen sind immer auch ein Eingriff in die Natur und in Befindlichkeiten der Menschen. Sie sind große Infrastrukturmaßnahmen und dagegen gibt es immer auch Widerstand.
Die dena hatte vor fünf Jahren schon einmal den Bedarf bis 2015 errechnet. Zur Halbzeit waren aber von den damals geforderten 850 Kilometern erst 90 gebaut. Die Bürgerinitiativen fordern oft eine Erdverkabelung statt der Masten und Leitungen. Die sind zwar deutlich teurer, aber der Bundesrat hat Anfang des Jahres eine Änderung des Energieleitungsausbaugesetzes (EnLAG) durchgesetzt. In der Nähe von Baugebieten müssen die Kabel jetzt unter die Erde.
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