Silexica Treppenhaus | Bildquelle: Christian Feld, WDR

Startup Monitor 2017 "Deutschland muss sich nicht verstecken"

Stand: 16.10.2017 06:00 Uhr

Nicht nur in Berlin wird an innovativen Produkten gearbeitet, beweist der neue Deutsche Startup Monitor. Doch in Deutschland fehlen risikofreudige Investoren - und Frauen unter den Gründern.

Von Christian Feld, WDR

Silexica hat geschafft, wovon andere junge Unternehmen noch träumen: Als erste ausländische Firma wurde das deutsche Startup 2016 in das prestigeträchtige Förderprogramm der Stanford University aufgenommen. Der erste Eindruck beim Rundgang durch die Firmenzentrale im Kölner Stadtteil Ehrenfeld: Es ist in diesem Großraumbüro angenehm ruhig. Gelegentlich unterhalten sich ein paar Software-Entwickler gedämpft auf Englisch.

Maximilian Odendahl | Bildquelle: Christian Feld, WDR
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Maximilian Odendahl, einer der Silexica-Gründer

Das Startup entstand 2014 an der Uni Aachen, beschäftigt heute 50 Mitarbeiter aus sieben Ländern und hat weitere Büros in den USA sowie in Asien. Silexica stellt Software-Werkzeuge her, mit denen sich sogenannte Multicore-Systeme besser programmieren lassen. Die kommen zum Einsatz, wenn man sehr viel Rechenleistung auf kleinem Raum braucht, zum Beispiel um selbstfahrende Autos zu steuern.

Extrem gute Forschung in Deutschland

Maximilian Odendahl, einer der Gründer, hat im Silicon Valley erlebt, mit welch großen Visionen die Startups dort antreten. Er sieht aber auch in Deutschland viel Potenzial. Der 34-Jährige lobt die extrem gute Forschung und hervorragende Ingenieure: "Da brauchen wir uns vor niemandem in der Welt zu verstecken. Aber das umzusetzen in Unternehmertum, in neue Startups - da fehlt uns noch was."

Einblicke in die deutsche Startup-Szene

Startups sind "Unternehmensgründungen in einem jungen, innovativen, wachstumsorientierten Umfeld". So beschreibt es der Deutsche Startup Monitor 2017, der heute in Berlin präsentiert wird. Fast 2000 Firmen haben sich an der jährlichen Befragung des Bundesverbandes Deutscher Startups beteiligt. Wie viele Startups es genau in Deutschland gibt, ist nicht bekannt. Deshalb erhebt die Studie keinen Anspruch, repräsentativ zu sein, liefert aber dennoch umfassende Einblicke in die deutsche Gründerszene.

Daten aus dem Startup Monitor 2017


- Mehr als die Hälfte (52,7 Prozent) der Unternehmen lassen sich sechs Gründerregionen zuordnen: Berlin, Hamburg, Hannover/Oldenburg, die Metropolregion Rhein-Ruhr, Stuttgart/Karlsruhe und München.

- Vier von fünf Gründern (81,1 Prozent) haben einen Hochschulabschluss. Meistens kommen sie aus wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen oder den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik).

  • - Der Anteil der Gründerinnen in deutschen Startups steigt zwar zum dritten Mal in Folge. Dennoch ist er mit 14,6 Prozent noch immer gering.

  • - Eine deutliche Mehrheit der Teilnehmer an der Umfrage (63,9 Prozent) stimmt zu, dass die deutsche Startup-Landschaft von Zuwanderung aus dem Ausland profitiert.

- Viele Erwartungen der befragten Startups an die Politik klingen altbekannt: weniger Bürokratie, weniger Steuern und mehr Unterstützung bei der Kapitalbeschaffung.

Kultur des bedingungslosen Eroberns

Auch der deutsche Digitalmarkt hat mittlerweile sogenannte Einhörner hervorgebracht: Unternehmen, die mit mindestens einer Milliarde US-Dollar bewertet werden. Dazu zählen Delivery Hero (Essensbestellungen) oder die Auto1Group (Gebrauchtwagen). "Wir haben in Deutschland eine substanzielle Gründerszene", sagt Studienautor Tobias Kollmann, Professor für E-Business und E-Entrepreneurship an der Universität Duisburg-Essen.

Und doch gebe es noch große Unterschiede zum Silicon Valley. Dort herrsche eine "Kultur des bedingungslosen Eroberns" mit der Bereitschaft, maximales Risiko einzugehen: "In Deutschland denken wir nicht groß genug, sondern sind froh, wenn wir eine kritische Masse erreichen und die Amerikaner uns aufkaufen."

Digital Church | Bildquelle: digitalHUB Aachen
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Die Digital Church in Aachen

Initiativen, den Gründergeist zu stärken, gibt es. In Aachen zum Beispiel will der Verein digitalHUB Startups, Hochschulen und Wirtschaft der Region zusammenbringen. Ein Treffpunkt ist die Digital Church, eine umgebaute Kirche. Hier finden junge Unternehmen für kleines Geld einen Schreibtisch und können sich beraten lassen. Tobias Kollmann sagt, besonders Hochschulen müssten ihre Studierenden viel stärker zum Gründen animieren.

Wenig Risikokapital

Eines unterscheidet Deutschland nach wie vor massiv von den USA: Dort steht sehr viel mehr Kapital für Startup-Gründungen zur Verfügung. Investoren sind bereit, große Risiken einzugehen, in der Hoffnung, den ganz großen Wurf zu landen. Odendahl fehlt das bei möglichen Geldgebern in Deutschland: "Die wollen häufig machen, was schon da ist. So finde ich natürlich nicht das nächste große Ding."

Allerdings hält er den Vergleich mit dem Silicon Valley nicht immer für fair. Dort gebe es eine jahrzehntelange Tradition von erfolgreichen Gründern, die bereit seien, ihre Gewinne in die nächsten Generationen von Startups zu investieren. Davon profitiert auch Silexica. Vor gut einem Jahr sammelte das Kölner Unternehmen bei Investoren im Silicon Valley insgesamt acht Millionen Dollar Risikokapital ein.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 16. Oktober 2017 um 06:36 Uhr.

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