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Deutschland hat im Ausland einen guten Ruf und gilt als attraktiver Investitionsstandort. Einige deutsche Konzerne sehen das offenbar anders: Trotz positiver wirtschaftlicher Lage entlassen sie Tausende Mitarbeiter. Wie gut ist der Standort Deutschland also wirklich?
Von Claudia Thöring, tagesschau.de
[Bildunterschrift: Standort Deutschland ist wieder gefragt. ]
Deutschland wird für US-Firmen immer attraktiver. Bei künftigen Investitionen liegen Deutschland und Osteuropa in der Gunst der Amerikaner inzwischen sogar gleichauf. Das ergab eine Studie der Amerikanischen Handelskammer und der Boston Consulting Group, die vor wenigen Tagen veröffentlicht wurde. "US-Firmen schätzen den Standort Deutschland stärker als je zuvor", sagt Christian Veith, Deutschland-Chef von Boston Consulting, gegenüber tagesschau.de. "Zwei Drittel der US-Unternehmen geben dem Investitionsstandort gute bis sehr gute Noten." Die Ergebnisse zeigten eine dramatische Veränderung in der Wahrnehmung des Standorts.
Zahlreiche andere Studien kommen zu einem ähnlich positiven Ergebnis: Deutschland hat aufgeholt, den Titel des Schlusslichts in Europa abgelegt und ist wieder zum Spitzenreiter aufgestiegen. Ökonomen sind sich einig: Daran haben sowohl die Unternehmen, die Arbeitnehmer aber auch der Staat mitgewirkt. Die Unternehmen stellten ihre Organisationsstrukturen neu auf, Arbeitnehmer und Gewerkschaften übten Lohnzurückhaltung und der Staat kürzte bei seinen Wohltaten und flexibilisierte den Arbeitsmarkt. Das machte die Unternehmen auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähiger.
Besonders geschätzt wird am Standort Deutschland seine gute Infrastruktur, die Qualität von Forschung und Entwicklung, die gute Ausbildung der Arbeitskräfte sowie die Attraktivität des Binnenmarktes. Das belegt unter anderem die Studie "Standort Deutschland 2007" der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst&Young, für die mehr als 1000 international tätige Unternehmen befragt wurden. Sie bewerteten Deutschland als attraktivsten Standort in Europa. Im weltweiten Vergleich liegt das Land dabei auf Platz vier hinter China, den USA und Indien.
Zu den Schwächen des Standorts Deutschland zählt die Studie an erster Stelle die mangelnde Flexibilität des Arbeitsrechts. Kritisiert werden außerdem die hohen Arbeitskosten und Steuern.
Wie in der Ernst&Young-Studie werden die hohen Unternehmenssteuern auch in vielen anderen Untersuchungen als Standortnachteil genannt. Internationale Vergleiche sind hier zwar schwierig und nur begrenzt aussagefähig. Doch so schlecht wie oft behauptet schlägt sich Deutschland selbst nach Ansicht des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) nicht: "Was die Steuer- und Abgabenlast betrifft, liegt das Land im Mittelfeld. Durch die Steuerreform sind wir jetzt noch etwas nach vorne gerückt", sagt IW-Experte Klaus-Heiner Röhl gegenüber tagesschau.de. "Die Steuerbelastung insgesamt ist in Deutschland kein generelles Problem für Unternehmen, anders die hohe Belastung mit Sozialabgaben", heißt es beim Bundesfinanzministerium.
Lohnstückkosten sinken
Bei den Arbeitskosten lag Deutschland 2006 mit 28,70 Euro pro geleistete Arbeitsstunde knapp sieben Euro über dem Durchschnitt in der Europäischen Union. Vor allem in vielen osteuropäischen Ländern liegen diese Kosten noch immer bei weniger als sechs Euro pro Stunde. "Produktion mit geringer Wertschöpfung – wie bei Nokia in Bochum – lohnt sich in Deutschland nicht", sagt Peter Englisch von Ernst&Young.
Betrachtet man allerdings die Lohnkosten in Relation zur Arbeitsproduktivität, dann hat sich Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit in den vergangenen Jahren deutlich gebessert: Seit 2003 sinken die Lohnstückkosten. "Hier gibt es für die Unternehmen kein Grund zu klagen. Im Vergleich zum Ausland liegen wir inzwischen deutlich günstiger", sagt Gustav Horn, Leiter des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung gegenüber tagesschau.de.
Auch die Studie von Boston Consulting und der Amerikanischen Handelskammer ergab: So schlecht steht Deutschland im Vergleich zu Osteuropa gar nicht mehr da. "Deutschland hat seine Wettbewerbsfähigkeit durch Lohnzurückhaltung und Deregulierung gestärkt und damit gegenüber Osteuropa aufgeholt", sagt Christian Veith. Die Produktionsverlagerung nach Osteuropa habe mittlerweile ihren Zenit überschritten. "Die Investitionsbedingungen in Deutschland bewerten US-Unternehmen derzeit ähnlich gut wie jene in Osteuropa. Bei zukünftigen Investitionen liegen beide Standorte in der Gunst der US-Firmen gleichauf."
An der positiven Einschätzung des Standortes Deutschland wird sich nach Einschätzung des Deutschland-Chefs von Boston Consulting auch durch die US-Finanzmarktkrise nichts ändern. Die Umfrage unter den US-Unternehmen sei im vierten Quartal 2007 durchgeführt worden, als die Krise bereits akut war. Sie zeige die langfristige Perspektive auf.
Bei Ernst&Young haben inzwischen die Befragungen für die neue Studie "Standort Deutschland 2008" begonnen. Auch Peter Englisch ist weiter optimistisch: "Ich gehe davon aus, dass Deutschland unverändert ein attraktiver Standort bleiben wird." Trotz der Ankündigungen von Konzernen zum Jobabbau würden in Deutschland insgesamt deutlich mehr Stellen auf- als abgebaut. "Dies zeigt der Rückgang der Arbeitslosigkeit. Jobmotor ist dabei vor allem der Mittelstand."
Deutlich pessimistischer dagegen ist Gustav Horn: "Die Finanzkrise bringt Deutschland Probleme." Dies hätten die jüngsten Stellenabbaupläne der Firmen gezeigt. "Wir leiden unter dem hohen Euro. Das macht Verlagerungen für die Unternehmen interessant."
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