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21.11.2009

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Wirtschaft

China: Fließband-Puppen für den Weltmarkt

Spielzeugproduktion in China

Fließband-Puppen für den Weltmarkt

80 Prozent der weltweit hergestellten Spielzeuge werden in China gefertigt, in hohen Stückzahlen und zu Tiefstpreisen. Seitdem das Erfolgslabel "Made in China" weltweit in die Negativschlagzeilen kam, sind chinesische Hersteller nervös. Sie fürchten, ihre Kunden in Übersee und Europa könnten abspringen. Im Perlflussdelta wird der Großteil chinesischer Spielzeuge produziert.

Von Anja Bröker, NDR, ARD-Studio Peking

Arbeiterinnen stellen Spielzeug her Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Tägliche Appelle begleiten die Arbeit der Frauen in der Spielzeugfabrik. ]
Es ist kurz nach sieben. Das Haus der Spielzeugfrauen erwacht. Kaltes Wasser rinnt quer durch den Hof. Die Morgentoilette erledigen die Arbeiterinnen im Kollektiv. Fertig zur Frühschicht, in Reih und Glied, Abmarsch. Der Weg hinüber zum Fließband dauert zwei Minuten. Sie leben in der Spielzeugfabrik und die Stechuhr führt Protokoll.

Der junge Brigadechef ruft auf zu höheren Leistungen. In den Gesichtern der Arbeiter fehlt jede Regung. Sie kennen die täglichen Appelle auswendig. Aus einem rosaroten Plastikbrett wird später ein Schminktisch für den amerikanischen Spielzeuggiganten Mattel. Lanzhen, die junge Frau, montiert sechs Schrauben in lila Bausteine. Sie ist 23, kommt vom Land und beklagt sich nicht. "Ich bin seit einem halben Jahr hier. Die Arbeit ist okay", sagt sie. "Ich weiß noch nicht, wie lange ich bleibe. Jetzt will ich erst einmal Geld verdienen."

Fabrikchef begeht Selbstmord

Hinter den Hochhäusern fließt der breite Perlfluss in Richtung Hongkong. In seinem Delta heult Chinas Wirtschaftsmotor am lautesten. Die Gegend ist eine Art Ruhrgebiet im Großformat. Wanderarbeiter aus ganz China suchen hier ihr Glück.

Wei Le kennt sich aus mit Plastik-Spielzeug. Doch seinen Job hier bei "Li Da Toys" in Foshan hat er nicht mehr. Auch diese Firma produzierte 15 Jahre lang Puppen für Mattel. Bis im Sommer herauskam, dass in den Farben giftiges Blei steckte.
"Wir wussten nicht, was los war", sagt Wei Le. "Zwei Tage haben wir gearbeitet, dann hatten wir wieder frei. Am letzten Tag zahlten sie uns morgens den Lohn aus. Nachmittags war der Chef tot. Er beging Selbstmord, als die Sache mit dem Blei aufflog."

Nervöse Blicke aufs Weihnachtsgeschäft

Puppe beim Qualitätstest Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Bilder wie diese sollen die Kunden im Westen beruhigen: Eine Puppe beim Qualitätstest. ]
Zurück in der anderen Puppen-Fabrik, wo die brünette "Dora" gerade übers Fließband fährt. Vom Bleifarben-Skandal hat Lanzhen, die junge Arbeiterin, noch nie gehört. "Ich mache mir keine Sorgen. Unser Spielzeug wird streng kontrolliert", berichtet sie. "Die Fabrik ist groß, da sollte es keine Probleme geben." Unzählige "Doras" gehen vom Band, 300 Containerladungen jeden Monat für Mattel. Noch. Die Puppen-Bosse im benachbarten Hongkong blicken nervös auf das Weihnachtsgeschäft.

In einem staatlichen Labor wird regelmäßig die Farbe auf "Doras" schönem Gesicht geprüft. Wäre Blei im Spiel, ginge die Puppe nicht in den Export, wird uns versichert. Auch "Doras" braune Haarpracht wird nach strengen amerikanischen Vorschriften getestet, ob und wie schnell sie in Flammen aufgeht. Bislang habe der Spielzeugriese Mattel seinen Subunternehmern blind vertraut und zu selten geprüft, sagen Branchenkenner. Ein fataler Fehler.

Mindestlohn: 70 Euro im Monat

Arbeiterin bemalt Puppengesicht Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Eine Arbeiterin bemalt ein Puppengesicht. ]
Die "Werkbank der Welt" nennt man das Perlflussdelta. 80 Prozent der weltweit hergestellten Spielzeuge werden hier gefertigt. In hohen Stückzahlen und zu Tiefstpreisen. "Das kannst du schneller machen" - Chefmanager Mr. Pak treibt an und lächelt dabei. "Der Preisdruck ist viel höher als noch vor zehn Jahren, wir müssen immer billiger produzieren", sagt er. "Der Mindestlohn der Arbeiter lag früher etwa bei 20 Euro im Monat. Heute müssen wir knapp 70 Euro zahlen. Das ist drei Mal mehr als früher."

Auf der Suche nach einer vernünftigen Arbeit

Diskussionen beim Mittagessen Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Beim Mittagessen diskutieren die Männer über den Mattel-Skandal. ]
Beim Mittagessen diskutieren die Männer über den Mattel-Skandal. Wei Le erzählt, wie er wochenlang umhergeirrt ist, nachdem die Firma dicht machte. "Mattel übernimmt die Verantwortung und entschuldigt sich persönlich beim chinesischen Volk" - immer wieder zeigt das Staatsfernsehen den Kotau des amerikanischen Spielzeugkonzerns. Die Männer in der Mittagsrunde werden wütend. "Natürlich ärgert mich das sehr. Reicht es, wenn er nur einfach 'sorry' sagt? Das waren ein paar Tausend Jobs, die wegfielen. Da reicht ein Mal 'sorry' nicht", heißt es. Und: "Wir haben hart und gut gearbeitet in der Fabrik. Erst haben die Amerikaner ihr Spielzeug zurückgerufen und dann ging unsere Firma pleite. Die wissen doch gar nicht, wie schwer es ist, hier eine vernünftige Arbeit zu finden."

Vorhänge für ein bisschen Privatsphäre

Arbeiterinnen im Wohnheim Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Im Wohnheim der Arbeiterinnen sorgen nur Behelfsvorhänge für etwas Privatsphäre. ]
Feierabend in der Vorzeigefabrik. Lanzhen holt sich in der Werkskantine ihr Abendessen für 30 Cent. Manch einem hier ist selbst das zu teuer. Vom Geld für den Spielzeugjob lebt zuhause eine ganze Familie. "Ich bin Mutter, aber für mein Kind könnte ich mir unser Spielzeug nicht leisten. Es ist viel zu teuer und wird ja ins Ausland verkauft", schildert sie die Situation. Im Wohnheim gleich neben der Kantine leben die Frauen dicht beieinander. Behelfsvorhänge sorgen für etwas Privatsphäre. "Meine Freundin kommt auch aus der gleichen Provinz wie ich", erzählt Lanzhen und zeigt uns ihr Bett. Auch wenn es eng ist - sie klagt nicht.

20 Leute auf einem Zimmer

Die Fabrik da unten ist jetzt sein neues Zuhause: Wei Le steht Tag für Tag an einer Maschine, die bunte Plastikbälle mit Kaugummis füllt. Kurz nach Sonnenaufgang machen sich unten im Wohnheim die Frauen auf den Weg zur Schicht. "Wir leben mit 20 Leuten im Zimmer. Jeden Tag arbeiten wir mindestens 12 Stunden, manchmal sogar 15. Ich möchte wirklich nicht mein Leben lang so leben." Der Mattel-Skandal hat Wei Le wachgerüttelt. Und die Spielzeugbranche ist alarmiert: "Made in China" wird zum Risiko.

Stand: 08.12.2007 15:28 Uhr

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